Wenn sich etwas ausbreitet, klingt das leicht nach Infektionskrankheit. Hier soll es aber um Technologieunternehmen gehen, weshalb sich “Optimismus” ausbreitet. Laut einer aktuellen Umfrage jedenfalls breitet sich unter so genannten Entscheidern in Technologieunternehmen einem Virus gleich der Optimismus aus. 66 Prozent denken, die globale Wirtschaftskrise ist überstanden, die Krise in Deutschland sehen sogar 88 Prozent der deutschen Umfrageteilnehmer als überwunden an.
61 Prozent aller Befragten blicken auf die wirtschaftliche Situation der Technologiebranche 2011 optimistischer als 2010, während 31 Prozent eine Seitwärtsbewegung prognostizieren. Mit der Seuche des Pessimismus sehen sich nur 8 Prozent der weltweit 664 Befragten infiziert. Das Wort Optimismus leitet sich übrigens vom lateinischen “Optimum”, das Beste, ab.
Wie zur Bestätigung legt Red Hat gerade einen glänzenden Quartalsbericht vor, nach dem die Firma 25 Prozent mehr Umsatz im vierten Quartal erzielt hat. Wenn es so weiterläuft, dann knacken die Hutträger im gesamten Geschäftsjahr 2011 die Milliardengrenze. Die in New York notierte Aktie reagierte ob der guten Nachricht prompt mit einem 18-prozentigen Kurssprung.
Der Beobachter des Ganzen reibt sich verwundert die Augen: Wo ist denn der ganze Pessimismus hin, der sich vor zwei Jahren rund um den Globus ausgebreitet hat? Bankenkrise, Konjunktur im Keller, Goldmünzen und -barren überall ausverkauft, Arbeitslosigkeit, IT-Investitionen im freien Fall…
Entweder hemmungsloser Optimismus, der sich auch von Bürgerkriegen in den Ölstaaten oder den Folgen von Erdbeben in einer der wichtigsten Industrieregion der Welt nicht erschüttern lässt. Oder aber nicht relativierbarer Pessimismus – eine Verbindung zwischen beiden scheint zu fehlen. Ließe sich die herstellen, machte das die Rezession erträglicher und die Eitel-Sonnenschein-Phasen weniger verdächtig.
Hier hilft der Blick in alte Hochkulturen: Yin und Yang bezeichnen Gegensätze in ihrer wechselseitigen Bezogenheit. Die Dualität beider hilft den Chinesen etwa seit dem dritten Jahrhundert vor Christi dabei, Wandlungsvorgänge und Prozesse zu erklären und gegenseitigen Begrenzung und Wiederkehr von Dingen zu verstehen. Yin und Yang steigen und sinken abwechselnd – nach einer Hochphase des Yang hält die Bewegung erst inne, dann wird es still. Aus dieser Stille heraus entsteht Yin. Dann kommt wieder Bewegung in die beiden – Yang sinkt und Yin steigt an. Später kehrt sich der Prozess um und alles beginnt von vorn.
Den Wandel der Konjunktur und den einhergehenden Opti- und Pessimismus von Entscheidern in der Technologiebranche anhand des chinesischen Prinzipienpaars zu erklären und in einen Zusammenhang zu bringen, scheint zu funktionieren. Verstörend ist dabei, dass Yin und Yang nicht proportional zueinander steigen und fallen: Wenn eines der beiden um eins sinkt, vergrößert sich das andere mit dem Faktor zwei. Noch verwirrender ist, dass dies in der anderen Richtung nicht gilt.
Was kann das bedeuten? Dass nach der nächsten Stillephase der ansteigende Pessimismus von einer Konjunkturdelle doppelten Ausmaßes begleitet ist? Oder umgekehrt, dass im Zuge des normalen Abschwungs eine kollektive Depression wie ein pinguingroßer China-Böller reinknallt? Für uns Westler bleibt die chinesische Philosophie eben so rätselhaft, dass wir uns mit Umfragen und dem Beobachten von Red Hats Aktienkurs behelfen müssen.






