Aus Linux-Magazin 10/2011

Mark Shuttleworth im Interview

Am Rande des KDE und Gnome Desktop Summit 2011 in Berlin stellte sich Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth den Fragen des Linux-Magazins. Fast eine Stunde nahm sich der 38-Jährige Zeit, um über Geschäftsmodelle, Lizenzen, Agreements, Harmony, eigene Fehler und falsche Ängste zu sprechen.

Berlin, Humboldt-Universität. Tausend KDE- und Gnome-Enwickler sind gekommen, um den Vorträgen und Keynotes zu lauschen. Unter ihnen sind auch Prominente wie der Canonical-Chef und Ubuntu-Initiator Mark Shuttleworth. Der sorgte in seiner Community für Unmut, seit die britische Firma neuerdings von jedem Entwickler ein Contributor Agreement (CLA) verlangt, das die Übertragung aller Rechte am Code vorschreibt. Im Interview mit dem Linux-Magazin erklärt er seine Beweggründe.

Linux-Magazin: Mark, wie wichtig ist es in Ihrem Job, all die verschiedenen Meinungen und Positionen unter einen Hut zu bekommen?

Mark Shuttleworth: Es erfordert doch einigen Aufwand, Leute mit unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen. Komplexe Ökosysteme bestehen immer aus Parteien mit eigenen Ansichten und Beweggründen. Da ist es außerordentlich wichtig herauszufinden, wie man solche Strukturen produktiver macht.

Community und Enterprise

Linux-Magazin: In diversen Blogs zeigten sich manche Entwickler zuletzt recht enttäuscht und meinten, Canonical stelle wirtschaftliche Interessen über die der Community. Ist denn Ubuntu heute eine Community- oder eine Enterprise-Distribution?

Mark Shuttleworth: Also Ubuntu ist erst mal eine Distribution, die den Anforderungen im professionellen Umfeld gerecht wird. Zugleich bindet Canonical die Community auf allen Entscheidungsebenen ein. Wichtige Sachen diskutiert das Ubuntu Community Council [1]. Das zeigt, wie tief die Community in Ubuntu integriert ist. Im Gegensatz zu anderen Enterprise-Disributionen steht da eben nicht nur der wirtschaftliche Erfolg Canonicals im Vordergrund.

Aber warum darf Ubuntu eigentlich keine Enterprise-Distribution sein? Es ist doch nur gut für Entwickler, wenn sie sehen, dass das, was sie produzieren, am Ende auch im Profi-Einsatz Bestand hat. Eine Enterprise-Quality-Distribution, die von einer Gemeinschaft von Freiwilligen gestaltet ist, macht die gemeinsame Sache doch viel interessanter. Ich halte das für eine sehr sinnvolle Kombination.

Linux-Magazin: Trotzdem will oder muss Ihre Firma doch auch Geld verdienen, oder?

Mark Shuttleworth: Das macht sie ja auch schon recht gut. Außerdem hilft Canonical so dabei, das Ökosystem der freien Software auf- und auszubauen.

Linux-Magazin: Wie schaut das in harten Zahlen aus? Wie viele User hat Ubuntu derzeit?

Mark Shuttleworth: Wir gehen von etwa 12 bis 20 Millionen aus, aber das ist nur eine Schätzung. Derzeit haben wir ungefähr 35 000 Downloads pro Tag.

Linux-Magazin: Und wann kommt der finanzielle Break Even?

Mark Shuttleworth: Canonical hat sich für das wohl schwierigste Business-Modell entschieden: Wir geben ein Produkt (die Enterprise-Distributi- on) kostenlos her. In die investieren wir jedes halbe Jahr zweistellige Millionenbeträge, und da bin ich sehr stolz darauf. Klar, das Red-Hat-Modell funktioniert auch gut: Man sagt dem Contributor “Danke schön” und verkauft anschließend das Produkt für viel Geld.

Mehrere Geschäftsmodelle

Linux-Magazin: Welches Geschäftsmodell strebt Canonical an? So etwas wie ein Open-Core- oder Single-Vendor-Geschäftsmodell [1]?

Mark Shuttleworth: Es gibt ja nur wenige funktionierende Open-Source-Geschäftsmodelle. Eines davon ist der Linux-Kernel. Der ist ein zentrales Stück freier Software, das für die Zukunft vieler anderer Projekte essenziell ist, auch für Firmen, die selbst keine Software verkaufen, zum Beispiel Hardwarehersteller. Die müssen mitentwickeln, obwohl sie das manchmal überhaupt nicht gern tun. Sie sind sogar gezwungen dazu, weil sie sonst keine Hardware mehr verkaufen.

Ein anderes funktionierendes Modell ist zum Beispiel das PostgreSQL-Ökosystem. Das verwendet die BSD-Lizenz und umfasst einige Firmen um das zentrale Produkt herum, die in PostgreSQL investieren und auch daran verdienen. Das klappt aber nur, wenn das Ökosystem mehrere konkurrierende Firmen trägt.

Das Single-Vendor-Modell dagegen funktioniert nur, wenn nur eine Firma ökonomisch die Oberhand über die Codebasis behält. Apple (App-Store) oder Google (Android) könnte man da in Betracht ziehen, aber insgesamt finden sich da nur wenige Felder, wo das zutrifft. Trotzdem sollten wir als Open-Source-Community das Modell fördern und darauf hoffen, dass sich gute Konkurrenz einstellt, wie bei Firefox und Chrome.

Sexy und attraktiv?

Aber es gibt noch ein Modell: Wenn ein Projekt so attraktiv ist, dass es jede Menge Contributions anzieht. Dort stellt sich aber das Problem der Vergänglichkeit: Was heute sexy ist, ist morgen out. Deshalb braucht Open Source langfristig alle Modelle. Heute sind wir gut beim Linux-Kernel – auch wenn der nicht aus halb so viel Altruismus entsteht, wie viele denken. Da stecken eher harte Arbeit und Kalkül dahinter, wie bei Microsofts Engagement. In Sachen BSD-Modell sind wir nicht so gut, obwohl das auch schon bewiesen hat, dass es funktioniert.

Beim Single-Vendor-Modell sind wir wirklich schlecht, vor allem dann, wenn es um duale Lizenzen geht. Da sind viel zu viele Ängste im Spiel, und es gibt zu wenig Wettbewerb, der normalerweise hilft Probleme zu lösen und für die Diversität sorgt, die wir brauchen. Was wir hier machen – die digitale Allmende bestellen (“Grow the digital Commons”), und dafür brauchen wir viele verschiedene Ansätze.

Linux-Magazin: Wie sehen die für kleinere Firmen aus? Stellen die nicht den Großteil der Open-Source-Firmen in der Community?

Mark Shuttleworth: Ja und nein. Ich denke, es gibt nur wenige kleine Firmen mit einem klaren, erfolgversprechenden Geschäftsmodell. Große Firmen tun sich da leichter. Die finden immer wieder Möglichkeiten, auf Umwegen aus freier Software Geld zu machen, und sehen deshalb Sinn darin, zu Open Source beizutragen. Ihre Gewinne machen sie woanders. Intel verdient sein Geld mit Prozessoren, Oracle mit Datenbanken. Dem Open-Source-Engagement mancher großen Firma fehlt andererseits die Kontinuität – zu sehen bei Nokia, die offenbar lieber Handys bauen.

Auch wenn einzelne, die bei den Konzernen angestellt sind, leidenschaftlich ihren Projekten nachgehen und große handwerkliche Fähigkeiten an den Tag legen, so liegen doch die Motive, warum sich der Konzern hier engagiert, eben nicht in der Leidenschaft oder der Virtuosität oder der technischen Brillanz der Software. Das wird immer zweitrangig sein.

Das ist auch eine wirkliche Schwäche unseres Ökosystems, vor allem wenn ich das mit dem rund um I-OS vergleiche. Dort leben und sterben Software-Companies mit der Software, die Firmen haben einen viel höheren Anspruch, funktional und verlässlich zu sein.

Fehlendes Feuer

Linux-Magazin: Ist das Ihrer Meinung nach in der Welt der freien Software anders?

Mark Shuttleworth: Wir in der Open-Source-Welt bekommen viele Beiträge aus Konzernen, meist indirekte Beiträge, die gute Utilities, Tools, Werkzeuge ausmachen, aber wirkliches Feuer im Herzen erzeugen sie nicht. Die “konzentrierte Qualität”, die wohl nur eine Firma produzieren kann, die mit der Software lebt und stirbt, die fehlt uns in der Open-Source-Welt. Hier sind die kleinen Firmen meist Consulting-Unternehmen, die nichts daran verdienen würden, eine richtig coole Chat-Applikation zu bauen. Sie müssen dem Kunden nur möglichst viele Stunden verkaufen.

Der bezahlt sie wiederum dafür, neue Features einzubauen. Und was ist das Resultat? Viele Funktionen als Fassade, aber eben nicht die eine, preisgekrönte Chat-Applikation. Sicher gibt es Gegenbeispiele, Firefox hat ein Business-Modell und ein tolles Ergebnis, dank einer indirekten Vermarktungsstrategie. Oder nehmen Sie MySQL, Trolltech, die sind alle auch unter anderen Lizenzen erhältlich. Die Community muss von diesen Beispielen lernen. Wir müssen uns auch von der Vorstellung verabschieden, ein Ökosystem aufbauen zu können, wo wir alle in allen Punkten übereinstimmen, das muss scheitern.

Die richtigen Lizenzen und Agreements

Linux-Magazin: Mit welchen Lizenzen wird das denn am ehesten klappen?

Mark Shuttleworth: Wir als Community müssen uns auf einige Kern-Lizenzen einigen, zum Beispiel GPL und BSD. Die sind gut genug. Werden es mehr, rächt sich das irgendwann. Wer aber unter der GPL oder BSD veröffentlicht, trägt automatisch zum großen Ganzen bei. Das ist ein großes persönliches Ziel von mir.

Linux-Magazin: Das führt uns direkt zu den umstrittenen Contributor License Agreements, mit denen Ubuntu von den Entwicklern verlangt, Urheberrechte an Canonical zu übertragen. In Ihrer Keynote auf dem Ubuntu Developer Summit [2] vergleichen Sie Ihre Situation mit dem eines Grundstückbesitzers, in dessen Garten ein Fremder einen Obstbaum pflanzt und jeder Passant darf die Früchte genießen. Anschließend dürfe der Hauseigentümer das Haus nicht mehr verkaufen, weil der Baum der Allgemeinheit gehört. Haben Sie oft das Gefühl, gegen ideologische Windmühlen anzurennen?

Mark Shuttleworth: Natürlich. Aber ich weiß auch, dass jeder das Recht auf seine eigene Ideologie hat. Ich bin mir auch voll bewusst, dass es an mir liegt, da etwas draus zu machen. Und ich nehme die Angst von Entwicklern, dass der eigene Code in einem kommerziellen Produkt enden könnte, sehr ernst. Gleichwohl muss man die auch hinterfragen.

Ich habe Programmierer gefragt: “Habt ihr denn jemals auch Code an ein BSD-Projekt gegeben? Kennt ihr die Lizenz von X11? Und würdet ihr Patches zu X11 einreichen?” Die meisten haben kein Problem damit. Es geht hier gar nicht wirklich um diese Ängste, aber sie lassen sich gut instrumentalisieren. Jeder, der zu einem Open-Source-Projekt beiträgt, will in erster Linie das Ganze besser machen, einen Fehler beheben, gemeinsam ein Produkt verbessern.

Trotzdem ist die Angst vor der Asymmetrie groß, davor, dass eine Firma eine herausragende Rolle einnehmen könnte. Aber solche Asymmetrien sind doch die Essenz des Wettbewerbs, sie helfen ein Ökosystem aufzubauen. Der akademische Ansatz, allen Firmen die gleichen strengen Beschränkungen aufzuerlegen, ist da nicht hilfreich.

Community-Kompromiss: Harmony

Linux-Magazin: Als die Diskussion aufbrandete, haben Sie mit dem Harmony-Projekt (, Abbildung 2) dafür gesorgt, dass sich die Community beim Ausarbeiten von CLAs beteiligt. Warum kam das nicht früher auf die Agenda?

Abbildung 2: Harmony ist ein Community-Projekt von Canonical, das versucht ein universelles Contributor License Agreement zu entwerfen.

Abbildung 2: Harmony ist ein Community-Projekt von Canonical, das versucht ein universelles Contributor License Agreement zu entwerfen.

Mark Shuttleworth: Das hat alles damit angefangen, dass ich gefragt wurde, ob Canonical ein Contributor Agreement für Novell unterzeichnen würde. Ich hielt das für keine gute Idee und sagte zunächst nein. Aber noch am selben Abend bereute ich das und entschied, solche Vereinbarungen zu unterzeichnen, mit Red Hat, Intel und anderen Firmen.

Weil Canonical nur eine kleine Company mit 400 Mitarbeitern ist, die eine Distribution bauen, müssen wir versuchen unsere Patches für viele Projekte upstream zu bringen, das ist essenziel für uns.

Ich weiß aber, dass es uns sehr viel Zeit kostet, all die verschiedenen CLAs zu inspizieren und zu prüfen. Und den Entwicklern war es gar nicht recht, dass jedes CLA andere Bedingungen stellt. An dem Abend entschloss ich mich dazu, das zu professionalisieren, und zwar auf Community-Art. Alle großen Open-Source-Projekte sollten mit ins Boot, um ein allgemeingültiges CLA zu entwerfen, das den Wildwuchs an fragmentierten CLAs durch eine gemeinsame Idee ersetzen würde.

Das Creative-Commons-Modell liegt da nahe, weil es kommerzielle und nicht kommerzielle Nutzung ermöglicht. Also sage ich: Lasst uns darüber reden, lasst uns ein allgemeingültiges Framework entwerfen. Und das ist eigentlich alles, worum es in Harmony geht. Konzerne, Non-Profits, freie Projekte, alle sollten sich zusammensetzen, mit all den unterschiedlichen Ansichten, und am Ende ein Ergebnis produzieren, das allen genügt.

Linux-Magazin: Also ist das, was auf der Harmony-Webseite steht, ein Kompromiss und stellt weder Ihr noch Canonicals Wunschergebnis dar?

Mark Shuttleworth: Ja klar, das soll es auch sein. Was ist besser für die Community? Eine zersplitterte Landschaft von Agreements oder eine dedizierte, spezielle Kompromisslösung, für die sich die Community entschieden hat?

Nach meiner Vorstellung sollte ein Contributor, der seine Rechte abgibt, eine volle Lizenz zurückbekommen, sodass jeder mit Version 1 einer Software alles machen kann, auch wenn die Firma Version 2 proprietär lizenziert hat. So könnte jeder seine eigene, freie Version 2 veröffentlichen. Das wäre zwar mit Arbeit verbunden, aber möglich. Aber leider habe ich mich damit nicht durchgesetzt, auch nicht bei Canonical. Aber ich glaube auch nicht daran, dass diese Position viele Anhänger hat.

Linux-Magazin: Gibt es eine tiefere Ursache für den Konflikt?

Mark Shuttleworth: Die Community pflegt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Motiven von größeren Firmen. Dabei ist die Sache ganz einfach: Es geht nicht um Vertrauen, sondern um Vorhersagbarkeit. Fremden Menschen pauschal zu vertrauen ist prinzipiell keine gute Idee, weil sie sich ändern, andere Wünsche und Motivationen entwickeln. Das Gleiche trifft auch für Institutionen oder Firmen zu. Es gibt viele Gelegenheiten, über Veränderungen in den Wünschen der Menschen zu reden, aber die Community muss einen Weg finden, wie wir trotzdem produktiv sein können, obwohl es uns an Planungssicherheit mangelt.

Vertrauensfrage

Linux-Magazin: Dirk Hohndel von Intel hat vor wenigen Minuten in seiner Keynote hier auf dem Desktop Summit von der Open-Source-Community gefordert, Konzernen mit Vertrauen bei gleichzeitiger Wachsamkeit zu begegnen.

Mark Shuttleworth: In den jüngsten Gnome-Statements zu den Copyright-Assignments findet sich ein bemerkenswertes Zitat: “Man kann sich nicht darauf verlassen, dass kommerzielle Firmen vorhersagbar handeln.” Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Gewinnorientierte Firmen werden immer vorhersagbar agieren, sie müssen nach Mustern handeln, um Gewinn zu erzielen.

Die freiwilligen Einzelentwickler und Non-Profit-Organisationen sind jene, die schnelle und radikale Änderungen durchziehen. Das hat nichts mit Gut oder Schlecht zu tun, sondern kann nur helfen zu verstehen, wie Konzerne funktionieren und was die Open-Source-Community von ihnen erwarten darf. Wenn ein Programmierer meint, dass Firmen böse sind, dann ist das nur dumm und hilft uns nicht weiter.

Linux-Magazin: Was für eine Art von Vertrauen ist da nötig? Auch das Vertrauen darauf, dass der andere irgendwann für einen selbst unbequeme Entscheidungen fällen wird, wenn es für ihn Sinn macht?

Normalerweise denkt man: “Ich vertraue dir, weil ich weiß, was du tun wirst.” Besser wäre es aber anzunehmen: “Ich vertraue darauf, dass du diese Rolle spielen wirst, und ich werde meine Rolle spielen.” Das ist eine ganz andere Art von Vertrauen. Die macht aber eine Zusammenarbeit überhaupt erst möglich.

Ich glaube, es ist meist offensichtlich, was Microsoft im Schilde führt, aber das verhindert nicht, dass ich mit ihnen zusammenarbeite. Sie verfolgen sicher ihre eigenen Ziele, nicht meine, aber ich kann mit ihnen kooperieren. Das Gleiche gilt für Oracle, IBM, Intel oder Nokia.

Wir brauchen wohl eine erwachsenere, reifere Herangehensweise an unser Verständnis von “Vertrauen”. Die Leute fühlen sich betrogen, wenn eine große Company einen eingeschlagenen Pfad verlässt, weil es für die Firma keinen Sinn mehr macht. Aber eigentlich ist das nur notwendig und natürlich, das sollte erwartbar sein. Das ist dann auch kein Vertrauensverrat.

Neue Konkurrenz: Mint, Unity, Mobile

Linux-Magazin: Zurück zu Ubuntu: Bei Distrowatch hat in den letzten Monaten Mint Ubuntu überholt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Linux Mint läuft bei der Beliebtheit Ubuntu den Rang ab.

Abbildung 3: Linux Mint läuft bei der Beliebtheit Ubuntu den Rang ab.

Mark Shuttleworth: Ja, das ist interessant. Erst mal finde ich toll, dass die Mint-Leute ebenfalls Ubuntu verwenden. Das ist gesundes Open-Source-Verständnis. Mint ist so beliebt, weil es den Anwendern den Einstieg leicht macht und es viel proprietäre Software mitbringt, die man andernorts erst installieren muss.

Die Evangelisten für freie Software mögen das anders sehen, aber das ist etwas, was die Einsteiger brauchen. Da schwebt immer die Frage im Raum, wie stark darf man den Anwender bevormunden: Soll er selbst die proprietären Grafiktreiber installieren und dabei vielleicht sogar ein Erfolgserlebnis haben? Oder möchte man ihm ein fertiges, komplettes, aber Ideologie-freies System vorsetzen? Mint reduziert die Einstiegshürden für den Endanwender, und das ist gut so. Ich denke, wir sollten uns nicht anmaßen, den Leuten Vorschriften zu machen.

Linux-Magazin: Mit der Entscheidung, auf den Unity-Desktop (Abbildung 4) zu setzen, hat Canonical ja auch einigen Gegenwind erfahren. Mint wirbt mit “Unity-free”. Hat bei dem Erfolg vielleicht auch der Unity-Effekt mitgespielt?

Abbildung 4: Die mit Ubuntu 11.004 eingeführte Unity-Oberfläche.

Abbildung 4: Die mit Ubuntu 11.004 eingeführte Unity-Oberfläche.

Mark Shuttleworth: Das wird noch sehr spannend, weil den Leuten von Mint noch eine Entscheidung bevorsteht: Wollen sie den Desktop selbst weiterpflegen oder irgendwann Unity übernehmen oder vielleicht etwas ganz eigenes basteln? Ich denke, Unity-free war auf jeden Fall eine recht gelungene Marketingaktion, aber langfristig? Wir werden sehen.

Linux-Magazin: Canonical beteiligt sich am Genivi-Projekt, das Linux in Auto-Entertainment-Systeme einbauen will (Abbildung 5). Bei der mobilen Plattform Meego sind Sie zwar nicht dabei, aber gibt es konkrete Pläne für Tablets, Smartphones oder die Zusammenarbeit mit OEM-Herstellern?

Abbildung 5: Canonical engagiert sich im Genivi-Projekt für Car-Entertainment.

Abbildung 5: Canonical engagiert sich im Genivi-Projekt für Car-Entertainment.

Mark Shuttleworth: Dies ist nicht der richtige Ort für solche Ankündigungen, aber kurz: Ja, es gibt bereits Projekte im Genivi-Umfeld, wo Ubuntu in Autos arbeitet, und ebenso gibt es zahlreiche Projekte auf mobilen Plattformen und Tablets, deren Systeme auf Ubuntu basieren. Meego hat sich leider für RPM entschieden, das finde ich sehr schade.

Wir bei Ubuntu haben die Touch-Infrastruktur unter Linux stark verbessert und freuen uns darüber, dass das mittlerweile viele andere Projekte übernommen haben. Bei den Ultramobilen Mini-Netbooks sind wir auch sehr gut im Rennen, aber mehr darf ich dazu zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

An normaler Hardware verkauft zum Beispiel Dell vor allem in Asien oder an Behörden sehr viele Ubuntu-Geräte. Wir haben viele Jahren an diesen Grundlagen gearbeitet, jetzt trägt diese Arbeit endlich Früchte und viele große Hersteller nehmen Ubuntu als Alternative wahr, das ist ein sehr schöner Erfolg. Natürlich würde ich mich freuen, wenn auf der Startseite von Dell ein Ubuntu-Rechner prangen würde, aber das dauert wahrscheinlich noch ein bisschen.

Mobile Patente

Linux-Magazin: Google, Apple, Microsoft und andere Konzerne führen gerade mit Milliardenbeträge einen Patentkrieg. Bringt der Embedded-Markt auch für Canonical Patent- und IP-Probleme mit sich?

Mark Shuttleworth: Das ist ein Riesensumpf und leider sind wir keine Fee, die einfach drüberfliegen könnte. Wir sind bereit, bis zu einem gewissen Grad in diesen Sumpf hineinzuwaten. Eine Alternative sehe ich auch nicht. Mir ist da viel wichtiger, GNU/Linux zu einer echten Option für die Industrie zu machen und nicht nur bei Android mitzumischen.

Linux-Magazin: Eine technische Frage, die vielen langjährigen Ubuntu-Anwendern auf der Seele brennt: Warum läuft alte Hardware nicht mehr so gut mit neuen Versionen von Ubuntu? Die Konsistenz der Treiberunterstützung war doch früher eine der großen Stärken von Linux.

Mark Shuttleworth: Perfektion zu erreichen ist sehr, sehr teuer. Canonical hat Verträge mit einigen Firmen, die wollen, dass Linux auf ihrer Hardware läuft. Ansonsten kümmern wir uns um die Probleme, die die Mehrzahl der Anwender betreffen.

Aber jetzt tritt das ein, was wir uns eigentlich immer gewünscht haben: Immer mehr Leute verwenden Ubuntu. Manch einer hofft, dass damit auch wie durch Magie viele Fehler verschwänden. Aber leider ist dem nicht so, gerade die Hardware-Unterstützung ist harte, teuere Arbeit. Was man bei Ubuntu bekommt, ist ein pragmatischer Ansatz, ein Desktop, der auf der am meisten verbreiteten Hardware funktioniert.

Da kann sich Canonical noch so anstrengen, Perfektion werden wir hier niemals erreichen. Aber wir können dafür sorgen, dass zum Beispiel die 15 000 Computer, die sich eine Stadt wie München anschafft, tadellos funktionieren, und das ist dann ein wichtiges Aushängeschild.

Eine Frage der Manpower – oder etwa mehr?

Linux-Magazin: Heißt das, es ist prinzipiell nur eine Frage der Manpower?

Mark Shuttleworth: Ja. [Denkt nach] Na ja, nicht nur. Es geht um das Ökosystem, um Interessen und Ausgewogenheit. Es ist ganz wichtig, dass wir als Community kommerzielle Interessen nicht untergraben. Selbst dann nicht, wenn daraus Aktionen resultieren, die wir nicht teilen. Und das hatten wir schon am Anfang dieses Gespräches: Je mehr Einschränkungen die Community sich selbst auferlegt, desto weniger Erfolg werden wir haben. Ein diversifiziertes Open-Source-Ökosystem nutzt allen.

Linux-Magazin: Wenden wir uns vom Tagesgeschäft ab. Wo steht freie Software im Jahr 2011 im Vergleich zu früher?

Mark Shuttleworth: Wir befinden uns gerade in einem sehr wichtigem Prozess des Erwachsenwerdens. Manchmal hat mich schon schockiert, wie unerfahren, unreif und zersplittert die Community und die Open-Source-Unternehmen waren. Auch ich musste lernen, dass ich meine Meinung allzu stark in solche Prozesse eingebracht habe und damit viel zu der Zersplitterung beigetragen habe.

Heute hat es absolute Priorität, herauszufinden, wie wir alle besser und erfolgreicher miteinander arbeiten können. Den Desktop Summit hier zusammen zu veranstalten, von solchen Aktionen brauchen wir mehr.

Das Geheimnis guter Open-Source-Arbeit

Linux-Magazin: Was ist das Geheimnis für erfolgreichen Open-Source-Lobbyismus?

Mark Shuttleworth: Es gibt nur zwei Wege, erfolgreiche Lobbyarbeit zu treiben. Einer ist es, gut bezahlt zu werden oder gut zu bezahlen. Oder aber eine Person verfügt über herausragende Fähigkeiten, das große Ganze zu sehen und es als Vision vermitteln zu können.

Bezahlte Lobbyisten werden immer nur für ihre Kunden arbeiten. Wenn jemand aber ein wunderbares Bild von einem Ökosystem beschreiben kann und damit zu überzeugen weiß, ist das deutlich nachhaltiger. Von genau solchen, rhetorisch begabten und visionär veranlagten Leuten brauchen wir mehr, da haben wir in der Community zu wenige.

Infos

  1. Dirk Riehle, “Fest vernetzt”: Linux-Magazin 05/11, S. 78
  2. Keynote beim Ubuntu Developer Summit: http://www.montanalinux.org/video-ubuntu-uds-keynote-shuttleworth.html
  3. Ubuntu Harmony: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Projekt-Harmony-will-Urheberrechte-regeln
  4. Ubuntu Community Council: https://wiki.ubuntu.com/CommunityCouncil
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