
Abbildung 4: Die Designer von Inventedhere.de veranstalteten mit den Guadec-Teilnehmern interaktive Kreativ-Workshops.
Im Hörsaalzentrum der Universität Den Haag künden bunte Plakate und das riesige Gnome-Banner von der Anwesenheit der Desktop-Entwickler (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nerds in Den Haag. Die Gnome-Konferenz hat das Hörsaalzentrum der Universität sichtbar in Beschlag genommen.
Web-Desktop
Im Auditorium setzt Gnome-Beirat Luis Villa in seiner Keynote das Thema für die kommenden Konferenztage der Guadec 2010 [http://guadec.org]. “Welche Plattform läuft weltweit auf allen Computern und sogar auf Telefonen? Mit freien Standards und vielen freien Implementierungen?”, fragt Villa und meint damit das Web. Es stürzt praktisch nie ab, wird von Dienstleistern gepflegt, ist überall verfügbar und kostet meist nichts. Schon jetzt sei der Webbrowser die beliebteste Anwendung auf Desktop-Computern.
Auf diese Plattform muss Gnome nach Ansicht des langjährigen Projektmitglieds setzen, um auch in Zukunft freie Software unters Volk zu bringen. Gnomes Kultur der Benutzerorientierung und die Liebe zur Freiheit verlangten nach einer neuen Umsetzung: Webobjekte müssten gleichberechtigt neben lokalen Dateien stehen, beispielsweise der Dienst Flickr als Quelle für Hintergrundbilder oder Amazon als MP3-Shop für den Musikplayer. Für die Programmierer heißt das: Weniger C und GTK+, mehr HTML und Javascript. Villa gibt dafür das Motto “New code, old culture” aus.
Ins gleiche Horn stößt John Palmieri von Red Hat (Abbildung 2): Javascript ist die Zukunft, behauptet er in seinem Vortrag für Programmierer. Der Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Engines wie Spidermonkey, V8 und Adobes Actionscript habe die früheren Performance-Probleme der Skriptsprache beseitigt, erläutert Palmieri. Zudem gebe es mit ECMA Script einen freien und anbieterneutralen Standard.

Abbildung 2: Javascript heißt die Devise: John Palmieri erläutert den Einsatz der Websprache in der Anwendungsentwicklung.
Gnome verfügt seit 2008 über die Javascript-Engine Gjs, die auf Spidermonkey basiert. So lässt sich GTK+ in Javascript programmieren, berichtet der Referent und zeigt als Beleg einige Stücke Quellcode sowie die interaktive Javascript-Konsole Looking Glass. Die Gnome-Shell beispielsweise bestehe aus Gobject-Elementen, zusammengehalten durch ein wenig Javascript-Kleber, erläutert er.
Trotz dieser Perspektiven für Javascript lässt die Sprache noch Wünsche offen. Die Entwickler im Publikum warten etwa auf bessere Debugger.
Als zweiter Themenstrang zog sich die kommende Gnome-Version 3.0 durch die Entwicklerkonferenz. Viele Features, die das Projekt 2009 auf dem Gran Canaria Desktop Summit diskutierte, sind nun schon in Software gegossen.
Termin für 3.0
Auch der Veröffentlichungstermin wird greifbar: Im Namen des Release-Teams verkündete Gnome-Vorstand Vincent Untz, dass Version 3.0 im März 2011 erscheinen wird (Abbildung 3). Zudem soll es eine Betaversion für die Release 3.0 im September 2010 geben. Zu diesem Zeitpunkt möchte das Projekt jedoch auch Version 2.32 der Desktopumgebung veröffentlichen, weshalb manche Entwickler Engpässe befürchten.
Gnome Shell heißt die Komponente, die Aussehen und Bedienung des kommenden Gnome-Desktops maßgeblich prägen wird. Owen Taylor zeigte, was die Shell-Entwickler in den zwölf Monaten seit der ersten Vorstellung der Software bereits umgesetzt haben.
Während eine Leiste am oberen Bildschirmrand das bisherige Gnome-Panel ersetzt, dient der untere Bildschirmrand künftig für Nachrichten des Betriebssystems und anderer Programme. Dieses so genannte Message Tray zeigt Informationen wie Systemmeldungen und Instant-Messenger-Nachrichten kurz an. Wer will, kann die Nachrichtenleiste mit der Maus hervorholen, um die Mitteilungen in Ruhe zu lesen.
Heiße Ecke
Mit der bekannten Tastenkombination [Alt]+[Tab] blättert der Anwender in Zukunft nicht mehr durch die geöffneten Fenster, sondern durch die laufenden Anwendungen, egal wie viele Fenster sie besitzen. Die linke obere Ecke fungiert unter Gnome in Zukunft als Hot Corner: Bewegt der Anwender die Maus dorthin, öffnet sich das Activities-Menü, das Anwendungen, Speicherorte und zuletzt verwendete Dateien auflistet. Im derzeitigen Entwicklungstand seien alle grundlegenden Funktionen der Shell umgesetzt, resümierte Taylor. Daneben fehle noch ein konsistentes Aussehen für alle Elemente sowie die Integration in den Rest des Systems, etwa den Dialog zum Herunterfahren des Rechners.
Multitouch
Einen weiteren Blick in die Gnome-Zukunft warf Carlos Garnacho vom Gnome-Spezialisten Lanedo. Die X Input Extension 2.x (XI2) kann mit mehreren Zeigegeräten und Tastaturen umgehen. Neben Kollaborationssoftware, über die mehrere Anwender mit je einer Tastatur-Maus-Kombination gemeinsam an einem Dokument arbeiten, ermöglicht sie jenes Zoomen und Drehen mit zwei Fingern, das viele vom I-Phone kennen.
Das funktioniert derzeit aber nur mit einer Entwicklerversion des Toolkits GTK+. In dessen Master gibt es bereits jetzt einige Methoden für die Multitouch-Programmierung, der Zweig »xi2-playground« bietet weitere, experimentelle Features.
Garnacho gestaltete seinen Vortrag mit vielen kompakten Codebeispielen. Abschließend führte er eine Handvoll kleiner Demo-Anwendungen in Aktion vor. Interessante Perspektiven eröffnet dem Gnome-Desktop das Kommunikationsframework Telepathy. Beispielsweise soll die Gnome-Shell Chat-Nachrichten am unteren Bildschirmrand einblenden, die der Anwender in einem Formularfeld an Ort und Stelle gleich beantworten kann. Hat er gleichzeitig Empathy geöffnet, bekommt das Chat-Programm synchron die Konversation mit.
Die Entwickler planen zudem Kontakte als Objekte erster Ordnung einzuführen, sodass sich aus dem Activities-Menü ein Chat oder ein Telefonat mit dem Ansprechpartner eröffnen lässt. Chats landen außerdem im Gnome-Activity-Journal, das auf dem Protokolldienst Zeitgeist beruht. Mit Telepathy sollen die Anwender in Zukunft auch Ereignisse aus diesem Journal austauschen.
Diese Ausblicke gab Guillaume Desmottes vom Telepathy-Team des Unternehmens Collabora. Sein Kollege Thomas Thurman berichtete von seinem Projekt Xzibit. Es ermöglicht es den Kommunikationspartnern, Desktop-Fenster miteinander zu teilen und dort gemeinsam mit Maus und Tastatur zu arbeiten. Der experimentierfreudige Thurman hatte auch einen Prototyp mitgebracht, der aber leider den Dienst versagte.
Der amerikanische Gnome-Entwickler Stef Walter arbeitet derzeit daran, den technisch erwünschten Einsatz von kryptographischen Zertifikaten benutzerfreundlich zu gestalten. Er möchte Gnome Keyring zum zentralen, gemeinsamen Keystore des Gnome-3.0-Desktops ausbauen. Als Schnittstelle für alle Anwendungen setzt er auf den Standard PKCS#11. Derzeit beherrschen ihn schon viele kryptographische Anwendungen, beispielsweise Mozillas Network Security Services (NSS), Open VPN, Truecrypt und Java, seit Jüngstem auch Open SSH. Bei Gnu TLS und Open SSL ist PKCS#11 laut Walter in Arbeit.
Kreativ
Die Firmen Fluendo und Flumotion übertrugen die Vorträge per Live-Videostream im neuen Codec Web-M. Doch eine gelungene Konferenz besteht nicht nur aus Referaten: Die Designer von Inventedhere.de luden die Entwickler zu interaktiven Kreativ-Sessions (Abbildung 3). Abendliche Partys und das vom Meego-Projekt im Foyer aufgebaute Café samt WLAN sorgten für das Kennenlernen und den Austausch unter den Entwicklern.

Abbildung 4: Die Designer von Inventedhere.de veranstalteten mit den Guadec-Teilnehmern interaktive Kreativ-Workshops.
Die kleine niederländische Gnome-Community erhielt bei der Durchführung der Guadec 2010 tatkräftige Unterstützung von der einheimischen HXX-Foundation, die große Erfahrung mit Hacker- und Open-Source-Events vorweisen kann. Im Jahr 2011 tagt Gnome zum zweiten Mal zusammen mit KDE in Form eines Desktop Summit, der in Berlin stattfindet.





