Aus Linux-Magazin 01/2004

Neuer Player im Linux-Markt

Abbildung 1: Novells Linux-Seite zeigt sich oben links schon in Suse-Grün.

Novell hat durch die Akquisition von Suse für Aufsehen gesorgt. Doch Schlagzeilen sind nichts Neues für Novell, sondern finden sich über die gesamte Unternehmensgeschichte hinweg. Vor allem spektakuläre Firmenkäufe endeten aber immer wieder mit Enttäuschungen.

Abbildung 1: Novells Linux-Seite zeigt sich oben links schon in Suse-Grün.

Abbildung 1: Novells Linux-Seite zeigt sich oben links schon in Suse-Grün.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Provo, Utah, hat sich bereits in den 80er Jahren im Markt etabliert. Novell wurde dabei schnell zum Weltmarktführer für Netzwerk-Betriebssysteme mit Produkten wie Netware 286, 386 und später der Netware 3.1 und den folgenden Versionen. Mittlerweile ist man bei Netware 6.5 angelangt. Mit der Version 4 wurde erstmals ein hierarchischer Verzeichnisdienst eingeführt, der sich damals, Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre, noch am X.500-Standard orientiert hat. Auf diesem als NDS (Novell Directory Service) bezeichneten Dienst basiert das heutige E-Directory.

Auch wenn sich Novell heute Linux und offene Standards auf die Fahnen geschrieben hat, ist die Geschichte doch zunächst die eines höchst proprietären Herstellers. Novell hat lange Zeit IPX als Transportprotokoll propagiert und sich erst mit Netware 5 TCP/IP als Standardprotokoll auserkoren.

Die Unterstützung von LDAP ließ ebenfalls lange auf sich warten. Und erst mit der NDS 8, dem späteren E-Directory, ist es wirklich portierbar und von der Netware-Plattform abgekoppelt. Dabei hat Novell dann auch gleich die Architektur grundlegend überarbeitet und damit für eine sehr hohe Skalierbarkeit gesorgt. Mittlerweile gehören aber die offenen Standards sowie die Unterstützung heterogener Plattformen zum Programm des Unternehmens.

Vom Saulus zum Paulus

Diese Entwicklung ist von mehreren Faktoren bestimmt worden. Novell hatte zunächst lange Zeit versucht, direkt gegen Microsoft zu konkurrieren, und erwarb dazu DR-DOS von Digital Research und später Wordperfect. Nur waren beide längst auf dem absteigenden Ast, als die Akquisitionen erfolgten. Novell ist es in keinem Fall gelungen, sich hier zu etablieren.

Dagegen hätte das Unternehmen mit der Unixware, einer Kombination von Netware und Unix, durchaus Erfolg haben können. Dieses Produkt wurde aber schon 1995 an SCO verkauft. Die Idee war damals, einen Anwendungsserver auf Basis der exzellenten Fileserver- Funktionen von Netware und Unix zu realisieren, der direkt gegen Windows NT positioniert sein sollte.

Strategiewechsel als Strategie

Ende 1996 bildeten Novell und Sun eine strategische Allianz, um Java zum Erfolg zu verhelfen. 1997 wurde Eric Schmidt, von Sun kommend, CEO von Novell. Auch wenn das damals oft nicht sichtbar wurde, legte diese Phase den Grundstein für die Orientierung an offenen Standards – seien es TCP/IP, LDAP oder Java. Ende 2000 übernahm Novell zudem das Beratungsunternehmen Cambridge Technology Partners (CTP). Im Zuge dieses Deals wurde das Topmanagement von Novell fast komplett ausgewechselt. Jack Messman avancierte, von CTP kommend, schnell zum CEO, während Eric Schmidt das Unternehmen verließ. Chris Stone, Gründer der OMG und einer der Väter von Corba, der schon 1997 bis 1999 bei Novell gewesen war, wurde zweiter Mann. Der Strategiewechsel sollte Novell als den führenden Anbieter von sicheren Integrations- und Managementlösungen für heterogene Umgebungen etablieren.

Damit wurde auch Linux zu einem immer wichtigeren Thema für Novell. Wirklich deutlich zeigte sich das erstmals bei der Portierung des E-Directory auf Linux. Wenig später tauchte Linux dann aber beispielsweise auch bei Novells Client-Managementsystem Zenworks auf, wo es für die Startphase der Remote-Installation eingesetzt wird. Mit der Akquisition von Ximian ertönte dann der erste Paukenschlag, gefolgt von der Integration von MySQL, Tomcat und des schon länger genutzten Apache – und nun der Übernahme von Suse. Inzwischen ist die Integration von Ximians Softwaremanagement Red Carpet in die Produktpalette von Novell schon weit fortgeschritten.

Nicht nur Linux als Basis

Ximian wird als eigene Business Unit von den Gründern der Firma, Nat Friedman und Miguel de Icaza geführt. Inwieweit diese in der Lage sind, innerhalb eines Konzerns mit Milliardenumsatz eine Gnome-zentrierte Desktop-Strategie durchzusetzen, muss die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall bedeuten beide Akquisitionen nicht, dass Novell nur noch auf Linux setzen wird. Vielmehr sieht Novell die Investitionen in Suse und Ximian als Baustein an, um optimale Lösungen für heterogene Systeme auf Linux, Netware und Windows anbieten zu können – und eben nicht mehr nur vor allem für Netware und Windows.

Bausteine für Netzwerklösungen

Das E-Directory als Verzeichnisdienst, Identity-Managementsysteme wie der Novell Account Manager oder Dir XML, Systemmanagement-Anwendungen wie Zenworks, in das auch Ximians Red Carpet mehr und mehr integriert werden soll, und Portal- und Groupware-Lösungen wie Groupwise sowie die Extend-Produkte (ehemals Silverstream) – das alles zusammen macht Novell zu dem Anbieter, der gegenwärtig das wohl umfassendste Programm an Infrastruktur-Technologien für heterogene Netzwerke vorweisen kann. (uwo)

Abbildung 2: Unter CEO Jack Messman entwickelte sich Novell zum Anbieter von Integrations- und Managementlösungen.

Abbildung 2: Unter CEO Jack Messman entwickelte sich Novell zum Anbieter von Integrations- und Managementlösungen.

Abbildung 3: Novells zweiter Mann Chris Stone ist Miterfinder von Corba. Er gilt als strategischer Kopf hinter vielen Allianzen und Firmenkäufen.

Abbildung 3: Novells zweiter Mann Chris Stone ist Miterfinder von Corba. Er gilt als strategischer Kopf hinter vielen Allianzen und Firmenkäufen.

Der Autor

Martin Kuppinger hat sich auf das Thema Identity Management spezialisiert. Er hat im Laufe der vergangenen Jahre viele Artikel – insbesondere zu diesem sowie zu Novell- und Windows-Themen – verfasst und zudem gut 40 IT-Fachbücher geschrieben.

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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