“Es geht auch anders, doch so geht es auch” – tröstet Bert Brecht alle, die sich in einer Sache falsch entschieden haben. Keine vom Kaliber der Dreigroschenoper zwar, aber ein Schauspiel von einigem Unterhaltungs- und Nachdenkwert gab es dieser Tage auf der Open-Source-Bühne Internet zu bestaunen. Im ersten Akt trat Michael “Monty” Widenius auf. Der Endvierziger feierte seine großen Bühnenerfolge bis Februar 2008 als einer der Autoren und Regisseur von MySQL. Da hatte Sun die Open-Source-Firma übernommen.
Im Dezember 2009 nun richteten sich wieder die Scheinwerfer auf den Finnen, als er die bevorstehende Akquisition von Sun durch Oracle scharf kritisierte. Seine Bedenken scheinen zudem nicht unbegründet, bekommt doch Oracle auf diese Weise die Kontrolle über MySQL, was nicht nur den Wettbewerb zwischen der wohl wichtigsten proprietären und der prominentesten Open-Source-Datenbank Makulatur werden lässt, sondern auch den gesamten Datenbank-Markt ausdünnt, obwohl Oracle versichert, MySQL fortzuführen.
Im zweiten Akt versucht Monty das Publikum im Saale in die Handlung einzubeziehen. Unter [http://helpmysql.org/de/petition] stellt er zum Jahreswechsel eine Petition ins Netz und ruft zur digitalen Unterzeichnung auf, um damit die Kartellbehörden aufzurütteln, die sowieso argwöhnisch das Liebeswerben von Oracle und Sun beäugen. Es sei wichtig, das von Oracle gezeichnete Bild zu korrigieren, so Widenius. 34000 Unterzeichner hatte er nach drei Wochen bereits beieinander.
Im dritten Akt betritt ein gewisser Marc Fleury die Bühne und brüllt in Richtung Monty: “Es ist eine Schande!” Die Vorgeschichte des Fleury liest sich wie die von Widenius. Auch er war einst Chef einer Open-Source-Firma, Jboss, die geschluckt wurde, von Red Hat. Mit einem Verkauf hätten die Gründer und Mitbesitzer damals bei MySQL nicht nur die Entwicklung, sondern eben auch die strategische Entscheidung über die Zukunft des Datenbanksystems aus der Hand gegeben, so der Franzose Fleury. Wenn Widenius das nicht passe, solle er den MySQL-Code gefälligst forken.
Die Zuschauer im Theater stimmt Fleurys Deklamation zumindest nachdenklich. Erst recht, wenn er daran erinnert, dass Sun damals der Kauf 800 Millionen US-Dollar wert war. Und in der Tat flossen damals 16,6 Millionen Euro allein in Widenius\’ Taschen, was förmlich nach einem Brecht-Zitat schreit: “Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.”
Aber auch der Ex-Jboss wagt den großen Auftritt nicht, weil ihm das Schicksal des MySQL-Codes so am Herzen liegt. Er sorgt sich mehr, dass Unternehmen in Zukunft die Übernahme von Open-Source-Firmen zu riskant erscheint, wenn Leute vom Schlage Montys Kampagnen losträten. Im Publikum beginnt das Raunen. Sitzen wir vielleicht in einem Schmierentheater? Ein Brecht-Stück zumindest ist es keines. Denn der einfache Mann, der Arbeiter, der freie MySQL-Programmierer bekommt auf diesen Bühnenbrettern keinen Auftritt, keinen Applaus, geschweige eine Gage. Der alte Brecht wusste es:
“Denn die einen sind im Dunkeln Und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte Die im Dunkeln sieht man nicht.”






