“Der Onkel aus Amerika” als Sinnbild für plötzlichen Reichtum, hat Tradition. Selbst in der Literatur findet der mittlerweile begüterte Auswanderer als Projektionsfläche für Dollar-Glückserwartungen einen Platz. In Franz Kafkas “Der Heizer” beispielsweise offenbart sich ein mitreisender Senator der 16-jährigen Hauptfigur Karl Roßmann. Damit lösen sich auf einen Schlag alle Probleme Karls: der abhandengekommene Koffer, der unglücklich in die Sache hineingezogene, etwas einfältige Schiffsheizer und die Ungewissheit, was ihn, den von der Familie Fortgeschickten, in Amerika erwartet.
Der reichste amerikanische Onkel, den man sich vorstellen kann, ist heute, da dieses Editorial entsteht, zu Besuch in Berlin. Angela Merkel und Berlins Klaus Wowereit freuen sich über Bill Gates, den Gast, der gestern in einem Privatjet in Tempelhof einschwebte.
Anlass für Gates\’ Reise ist das von Microsoft zum zehnten Mal veranstaltete “Government Leaders Forum Europe”. Knapp 500 Verwaltungsmitarbeiter und große Microsoft-Kunden diskutieren über die Zukunft der IT-Branche und der elektronisch organisierten Verwaltung. Zudem will Microsoft bis 2010 vier Millionen jungen Deutschen den beruflichen Umgang mit Computern beibringen. Lehrer und Schüler können sich mit ihren Projekten anmelden, der besten Schule winken 50000 Euro für das “Klassenzimmer der Zukunft”. Gates im Berliner Rampenlicht – dabei ist der 52-Jährige seit Anfang Januar Rentner. Er gilt als rüstig und finanziell unabhängig.
Andere Pensionäre tun sich schwerer mit ihren Kapitaleinkünften. Aber auch mit dem Aufhören. Gates dagegen, dem aus seiner Zeit als Microsoft-Primus Winkelzüge gegen Linux und Mitbewerber sowie Erpressungsversuche gegen Hardwarehersteller anzulasten sind, beweist echten Humor. In seinem Abschiedsvideo, ganz im Stile von Bill Clintons bahnbrechend selbstironischem Letzter-Tag-Streifen, mimt er den untalentierten Rockmusiker, Filmstar oder US-Vizepräsidenten. In Gastauftritten reden ihm das Bono (“U2”), Steven Spielberg (“E.T.”) sowie die Demokraten Hillary Clinton und Barrack Obama aus. Einzig das letzte Löschen des Bürolichts durch Händeklatschen gelingt.
Zurück nach Berlin: Die Kanzlerin ist freundlich, die MS-Legende Gates lächelt, die Kameras klicken. Fast jede Geschichte mit einem reichen Onkel aus Amerika legt für den Beschenkten zugleich den Keim des Scheiterns aus. Kafkas Karl Roßmann ging es mit seinem Onkel genauso. Dessen Rede sagt “nichts Eigentliches”, er reflektiert seine eigenen Sätze, behauptet sich gewissermaßen selbst. Karl ist der beredten Unbestimmtheit des Senators wegen anfangs sehr unsicher, ob der überhaupt sein Onkel sei.
Am Schluss der Erzählung fasst Karl den Onkel “genauer ins Auge, und es kamen ihm Zweifel, ob dieser Mann ihm jemals den Heizer werde ersetzen können”. Wen könnte William Henry Gates III dieser Tage in Berlin ersetzen? Die Frage scheint, sobald hingeschrieben, reichlich kafkaesk.






