
Abbildung 3: Gnome Shell erlaubt eine neue Sichtweise auf virtuelle Desktops. Dahinter stecken die Bibliothek Clutter und Javascript.
Erstmals haben die beiden Projekte KDE und Gnome eine gemeinsame Entwicklerkonferenz veranstaltet. Das Linux-Magazin war vor Ort und hat auf dem Gran Canaria Desktop Summit die aktuellen Trends für den Open-Source-Desktop aufgespürt.
Endlich gibt es den einen richtigen Ort, an dem sich alle treffen, die am freien Desktop arbeiten.” So formulierte der Gnome-Entwickler Dave Neary in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem KDE-Vorstand den Kerngedanken des Gran Canaria Desktop Summit (GCDS, [1]). Vor rund zwei Jahren tauchten die ersten Pläne für eine gemeinsame Veranstaltung auf, vom 3. bis 11. Juli 2009 tagten nun rund 850 KDE- und Gnome-Entwickler zusammen in der Stadt Las Palmas.
Sugar zu Gast
Dabei blickten die Teilnehmer auch über die Grenzen der beiden großen Open-Source-Desktops hinaus. Unter den geladenen Keynote-Rednern war Walter Bender von den Sugar Labs. Er präsentierte das pädagogisch orientierte Sugar-GUI, das ursprünglich für den so genannten 100-Dollar-Laptop OLPC entwickelt wurde. Open-Source-Software eigne sich besonders zum Lernen, betonte Bender, sie lasse sich nicht nur kostenlos verbreiten, sondern sei geprägt von einer Kultur des Teilens und der Diskussion.

Abbildung 1: Von links nach rechts: Das Alfredo-Kraus-Auditorium hat viel Stil – aber ein schwaches Netzwerk. Richard Stallman trat als Heiliger IGNUcius auf, Will Stephenson von Akonadi warb dafür, den PIM-Datendienst in viele Anwendungen zu integrieren. Seif Lotfy stellte Gnome Zeitgeist vor.
Für einigen Diskussionsbedarf sorgte die Keynote von Richard Stallman. Er appellierte an die Zuhörer im Alfredo-Kraus-Auditorium, die Programmiersprache C# zu meiden, denn sie sei möglicherweise durch Microsofts Patente belastet.

Abbildung 2: Das Alfredo-Kraus-Auditorium am Strand Las Canteras: Das Konzertgebäude diente dem Summit als Veranstaltungsort der ersten zwei Tage.
Das empfanden einige Teilnehmer als pauschale Verdammung von Mono und allen freien Anwendungen, die darauf setzen. Eine Fragestellerin warf Stallman vor, damit diskriminiere er selbstherrlich die Arbeit vieler Desktopentwickler, die sich mit dieser Technologie beschäftigen. Der Auftritt des GNU-Gründers als komischer Heiliger St. IGNUcius mit seiner etwas verunglückten Bekehrung aller “Jungfrauen in Sachen Emacs” sorgte für weitere Verstimmung.
Im Zeichen von Gnome 3.0
Stallmans Äußerungen fanden zwar Widerhall in zahlreichen Blogeinträgen, waren aber untypisch für den Desktop Summit. Die KDE- und Gnome-Anhänger in bunten Projekt-T-Shirts, eine ganze Generation jünger als der bärtige Veteran, hatten anderes im Sinn. Viele Sitzungen der Gnome-Community beispielsweise standen im Zeichen der nächsten großen Release, der für 2010 geplanten Gnome 3.0.
Dazu gehört Gnome Shell [2], wobei es sich nicht um eine Kommandozeile handelt, sondern um eine Schicht, die neue Interaktionen zwischen Desktop und Benutzer bieten soll. Der Entwickler Owen Taylor demonstrierte in seinem Vortrag eine Gnome-Shell-Anwendung, die zahlreiche virtuelle Desktops mit Anwendungen für bestimmte Tätigkeiten verwaltet.

Abbildung 3: Gnome Shell erlaubt eine neue Sichtweise auf virtuelle Desktops. Dahinter stecken die Bibliothek Clutter und Javascript.
Gnome Shell ist in der kommenden Gnome-Version 2.28 als optionales Zubehör vorgesehen, in Gnome 3.0 soll es als Standard den Desktop verwalten. Als Unterbau dienen die Clutter-Bibliothek sowie der neue Windowmanager Mutter. Gnome Shell ist hauptsächlich in Javascript geschrieben.
Großes Interesse zeigten die Teilnehmer auch an dem Vortrag von Federico Mena-Quintero, Seif Lotfy und Thorsten Prante über Gnome Zeitgeist [3]. Die Software beantwortet Anfragen wie “Wo ist das Arbeitsblatt, das ich am Dienstag in der Uni-Bibliothek entworfen habe?” Zeitgeist besteht aus einer Engine, die Ereignisse (Events) protokolliert, und einer Ansicht (Journal), die diese Daten dem Anwender aufgearbeitet und sortierbar präsentiert.
Mit diesem Ansatz kommt Zeitgeist dem episodischen Gedächtnis des Menschen entgegen, das sich Tätigkeiten und Erlebnisse merkt. Das Team betonte, seine Engine sei keine Desktop-Suchmaschine, sondern protokolliere schlicht Ereignisse. Auf dem Summit trafen sich die Zeitgeist-Entwickler allerdings mit den Machern des Indexers Tracker und des KDE-Semantik-Framework Nepomuk. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für eine Integration ihrer Dienste – im besten Sinne einer projektübergreifenden Arbeit an der Zukunft des freien Desktops.
Couch für zwei
Zusammenarbeit gab es auch beim Personal Information Management (PIM), also bei Kontakten, Terminen, Aufgaben und Notizen. Gnomes Groupware Evolution und KDEs Datendienst Akonadi [4] tauschten Daten über einen gemeinsamen Speicher aus. Das machte Couch DB [5] möglich. Nach dem Einsatz in Canonicals Cloud-Betriebssystem Ubuntu One soll diese Datenbank auch auf Desktop-Rechnern Einzug halten, um Anwendungsdaten und Einstellungen zu speichern.
Der Red-Hat-Entwickler Lennart Poettering, Programmierer des freien Sound-Servers Pulseaudio, suchte in seinem Vortrag ebenfalls nach Aufgabenstellungen, die die Projekte Gnome und KDE gemeinsam bearbeiten könnten. Dazu zählt er die Lokalisierung für Audio-Benachrichtigungen, etwa verschiedene Sprachvarianten für die Nachricht “You have mail”.
Dies lässt sich laut Poettering mit der Libcanberra [6] erreichen, einer Bibliothek, die nicht an das GTK-Toolkit gebunden ist und sich daher für den Cross-Desktop-Einsatz eignet. Sie arbeitet mit Alsa, OSS, Pulseaudio sowie Gstreamer zusammen. In seinem Vortrag zeigte er an Codebeispielen, wie sich die Open-Source-Bibliothek nutzen lässt.
Die Spezifikationen für gemeinsam genutzte Technologien pflegen KDE, Gnome, X.org und weitere verwandte Projekte auf der Website Freedesktop.org. Der KDE-Mann Aaron Seigo hat vor Kurzem den ungepflegten Zustand der Seite bemängelt. Obwohl Seigo nicht zum Desktop Summit anreisen konnte, war die Wiederbelebung der Freedesktop-Seite ein Thema der Veranstaltung. Seit einiger Zeit sei beispielsweise eine Desktop-übergreifende Spezifikation für Benachrichtigungen in Arbeit, berichtete der KDE-PR-Mann Sebastian Kügler. Derzeit sei das Procedere auf Freedesktop.org aber unklar, man müsse hier endlich Nägel mit Köpfen machen. Cornelius Schumacher, auf dem Summit frisch zum KDE-Vorsitzenden gekürt, hat einen Vorschlag für das Verfahren veröffentlicht [7].
Gemeinsame Zukunft?
Der KDE e.V. und die Gnome Foundation nutzten die Tagung zudem, um ihre jeweiligen Jahresversammlungen abzuhalten. Die Projekt-eigenen Tracks behielten während des Gran Canaria Desktop Summit ihre angestammten Namen Akademy und Guadec.
Ob es im Jahr 2010 wieder einen gemeinsamen Entwicklerkongress geben wird, ist derzeit noch offen. Das Gnome-Projekt führt zu diesem Thema eine Online-Umfrage [8] unter den Summit-Teilnehmern durch. Die Gnome-Geschäftsführerin Stormy Peters verriet in ihrem Blog bereits, dass viele Entwickler die gemeinsame Arbeit als sehr erfolgreich empfanden.
Daneben schätzten die Open-Source-Entwickler offenbar auch die landschaftlichen Vorzüge des Veranstaltungsorts: Am Strand Las Canteras waren immer wieder Grüppchen von Desktop-Leuten auszumachen, erkennbar an den vom Sponsor Qt Software verschenkten großen hellgrünen Badetüchern.
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Infos |
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[1] Gran Canaria Desktop Summit: [http://www.grancanariadesktopsummit.org] [2] Gnome Shell [http://live.gnome.org/GnomeShell] [3] Gnome Zeitgeist [http://live.gnome.org/GnomeZeitgeist] [4] Akonadi: [http://pim.kde.org/akonadi/] [5] Couch DB: [http://www.kryogenix.org/days/category/software/couchdb] [6] Libcanberra: [http://0pointer.de/lennart/projects/libcanberra/] [7] Spezifikationsprozedur für Freedektop: [http://lists.freedesktop.org/archives/xdg/2009-July/010757.html] [8] Gnome-Umfrage: [http://www.gnome.org/~behdad/survey/index.php?sid=94926&lang=en] |




