Mittlerweile ist es einfacher, Aufgaben aus dem Büroalltag an die KI zu delegieren, als sie in einer Office-Suite selbst zu bearbeiten. Löst der Chatbot bald die Bürosoftware ab?
Es begab sich zu der Zeit, als Wordstar noch der Platzhirsch der Textverarbeitungen war. Im September 1978 erschien es für das Betriebssystem CP/M, später gab es Versionen für DOS und ab 1992 auch für Windows. Anfangs musste man den Cursor noch mit Tastenkombinationen über den Bildschirm bewegen, weil viele Tastaturen noch keine Pfeiltasten besaßen. Ähnliche Einzelprogramme gab es damals für die Tabellenkalkulation (Visicalc) und für Datenbanken (dBase).
Die nächste Entwicklungsstufe von Office-Software folgte in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren mit grafischen Oberflächen. Hier stößt man auch auf die Anfänge von Microsoft Office, das im Sommer 1989 zunächst nur für den Apple Macintosh herauskam. Eine Version für Windows gab es erst gut ein Jahr später. Damals hatte es in Gestalt von Wordperfect Office oder Lotus Smartsuite Konkurrenten auf Augenhöhe.
Mit der Zeit wuchsen die Standardprogramme zusammen, erhielten eine einheitliche Oberfläche, wurden auch gemeinsam installiert und teilten sich Komponenten wie die Rechtschreibprüfung. Einzelne Elemente ließen sich dann via OLE verlinken oder in die jeweils andere Applikation einbetten. Dateiformate wurden standardisiert und eine Anbindung ans Internet geschaffen.
Letztere war im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Grundlage für eine weitere Metamorphose: Die Office-Suite wanderte in die Cloud und wurde zu Software-as-a-Service. Abomodelle setzen sich durch: Das Ganze hieß zunächst Office 365 und später Microsoft 365. Das Cloud-Office sorgt für regelmäßig wiederkehrende Einnahmen aufseiten des Monopolisten. Weitere Komponenten verknüpften sich mit den Office-Programmen, wie die webbasierte Kollaborations- und Dokumentenmanagementplattform Teams und der Cloudspeicher OneDrive.
Im Moment stehen wir vor der womöglich letzten Wandlung. “ChatGPT, im Folgenden findest Du eine Tabelle im CSV-Format, die die Anzahl der Leser eines Newsletters im Verlauf der Zeit darstellt. Generiere daraus ein Liniendiagramm mit einer Trendgeraden.” Die Grafik ist schneller da, als man Excel auch nur starten könnte. Sie lässt sich als SVG- oder PNG-Datei speichern. Sogar zwei kleine Tippfehler in der Datumsspalte korrigiert die KI.
Eine Tabellenkalkulation, anfangs eines der schlagendsten Argumente für einen PC im Büro – wofür braucht man sie noch? Möglicherweise hat die KI ja eine benutzt. Soll mir recht sein; es wäre mir aber egal, welche. Mir kann einerlei sein, wo man die Grafikfunktionen in Excel oder LibreOffice findet. Ich muss nicht wissen, wie ich eine Trendgerade erzeuge und in ein Diagramm einbette. Ich brauche die Daten nicht händisch zu prüfen, um den Tippfehler im Datum zu finden. Ich kann ChatGPT sogar noch ein paar Zusatzinfos geben und den Chatbot anweisen, auf Basis der Grafik eine ganze Präsentation zu entwerfen. Damit wäre dann auch Powerpoint überflüssig.
Vielleicht bleiben noch Nischen für die Office-Suiten. Eine Datei im DOCX-Format kann ChatGPT nicht erzeugen, und selbst, wenn es das könnte, bräuchte ich eine Textverarbeitung, um das Dokument zu lesen oder zu drucken. Vielleicht erledigen die Office-Komponenten, dirigiert von der KI, im Hintergrund auch noch einen Teil der Arbeit. Die eingeführten Dateiformate wird man weiter benötigen. Außerdem fällt es sicherlich leichter, eine komplexe Tabelle in der Tabellenkalkulation zu bedienen, als den Prozess verbal zu beschreiben. Aber bei vielen Routineaufgaben wird sich die KI eher anbieten als die Bürosuite.
Von isolierten Einzelprogrammen hat sich Bürosoftware über die Integration in Office-Suiten zu SaaS-Plattformen entwickelt. Am Ende steht dann doch wieder ein einzelnes Programm. Nur, dass es diesmal nicht die Textverarbeitung ist, sondern der Chatbot.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







