Aus Linux-Magazin 07/2026

Editorial

© Computec Media GmbH

Elon Musk tritt im Prozess gegen OpenAI als Altruist auf, der sich um eine gemeinnützige Firma betrogen sieht, die er einst mitgegründet hatte. Dabei weiß er, dass Geldverdienen unumgänglich ist. Wie aber das Gericht entscheiden wird, bleibt hoch spannend.

Im Zuge der Gerichtsverhandlung von Elon Musk gegen OpenAI ist es nun herausgekommen. Die Zahl war bislang nicht öffentlich bekannt, aber jetzt hat sie der OpenAI-Mitgründer Greg Brockman im Zeugenstand erwähnt: 50 Milliarden Dollar. So viel wird OpenAI allein in diesem Jahr für Rechenleistung ausgeben.

50 Milliarden sind schwer zu fassen. Nehmen wir deshalb beispielsweise einmal Salzgitter. Die Stadt hat rund 105 000 Einwohner, der Anteil der Erwachsenen liegt bei etwa 60 Prozent, macht rund 62 000 volljährige Bewohner. Würde jeder Erwachsene in Salzgitter während seines kompletten Arbeitslebens (40 Jahre) nur 60 Prozent seines Verdiensts (wir rechnen mit durchschnittlichen 50 000 Euro im Jahr) behalten dürfen – das ist die Definition der Armutsschwelle – und müsste die restlichen 40 Prozent auf ein Konto einzahlen, dann käme über die Zeit in etwa die Summe zustande, die OpenAI in einem einzigen Jahr für Rechenleistung ausgibt. Eine deutsche Großstadt vegetierte für vier Jahrzehnte in Armut dahin, um das Geld zu sparen, das ChatGPT in einem Jahr verpulvert.

Nun hat OpenAI allerdings diesen ungeheuren Betrag nicht etwa bereits verdient und kann ihn daher auch nicht schuldenfrei reinvestieren. Stattdessen stammt das Geld zum allergrößten Teil von Risikokapitalgebern. Und die wollen es irgendwann verzinst zurückbekommen. Das erklärt die immer neuen, fast schon verzweifelten Versuche, die eigene Popularität zu monetarisieren. Das neueste Vorhaben, das gerüchteweise die Runde macht, ist der Plan, ein eigenes Smartphone zu entwickeln, das ohne Apps auskommen soll und dessen zentrale Komponente ein Chatbot ist. Im Gespräch mit ihm soll der Anwender all das erreichen können, was ihm heute Apps ermöglichen. Zuvor waren es diverse Abo-Modelle, Werbung für Nutzer, die die nicht bezahlen wollen, ein spezieller Kanal für medizinische Beratung, die geplante Entwicklung einer Super-App, der Sofortkauf-Button oder Sex-Chats. Auch die Einstellung des eigenen Videomodells Sora ist nur vor dem Hintergrund der mangelnden Profitabilität zu verstehen.

Dabei steht KI erst am Anfang. Zukünftig werden noch mehr Ressourcen gebraucht: Noch mehr Rechner und Rechenzentren, schnellere Beschleuniger, größere Speicher, leistungsfähigere Stromversorgung. Diese Entwicklung hat die Gewinne von Nvidia und der Speicherhersteller stark steigen lassen – für OpenAI aber sind das Kosten. Zudem ist der Konkurrenzkampf hart, Anthropic oder Google liegen mindestens dicht auf. Keiner kann es sich leisten, zurückzufallen. Das alles macht Entwicklung und Betrieb von Sprachmodellen zu einer extrem teuren Angelegenheit.

Und damit sind wir wieder bei dem eingangs angesprochenen Gerichtsverfahren, in dem Elon Musk behauptet, OpenAI habe das Ideal der Gemeinnützigkeit verraten, dass es einst, als er als Mitgründer noch an Bord war, hochgehalten hatte. Doch die Idee, diese Technik ohne Gewinnabsicht, allein zum Wohle der Menschheit zu entwickeln, war von Anfang an illusionär. Die Gründung einer profitorientierten Sparte kam zwangsläufig, weil anders kaum Geldgeber zu gewinnen sind, die den exorbitanten Kapitalbedarf decken. Niemand weiß das besser als Musk, der sich nun als weißer Ritter geriert, sein eigenes KI-Start-up xAI aber vom ersten Tag an auf Gewinne ausgelegt hat und mit seiner scheinheiligen Anklage darauf abzielt, einen direkten Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Wie der Prozess ausgeht, ist dennoch offen und dürfte eine der spannendsten Fragen des Jahres sein.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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