Aus Linux-Magazin 01/2026

Editorial 01/26

© Computec Media GmbH

Wer das Schreiben häufig an die KI delegiert, delegiert das Denken, und das macht dumm. Wie könnte ein Ausweg aussehen, der die KI nicht verbannt?

“Schreibe mir ein Editorial für ein Linux-Magazin im Umfang von etwa 4000 Zeichen, das die Gefahr thematisiert, durch zu häufiges Delegieren von Schreibaufgaben an eine KI das Selberdenken zu verlernen. Wähle einen überraschenden Einstieg, bleib locker im Ton, argumentiere sachlich und belege Behauptungen.” Diesen Prompt habe ich im Comet-Browser von Perplexity AI abgesetzt, hinter dem verschiedene Sprachmodelle wie GPT-4o oder Claude 3.5 stehen. Im Browser war gleichzeitig eine Studie geöffnet, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Herausgekommen ist dabei unbrauchbarer Mist. So versuchte die KI auf Biegen und Brechen einen Linux-Bezug herzustellen – und seien die Metaphern noch so überstrapaziert. Zum Beispiel war vom “Auslagern der geistigen Paketverwaltung an die KI” die Rede, und alles gipfelte im Ausruf: “Lassen Sie Ihr Gehirn nicht zum Thin Client werden.” Die Argumente stammten ohne Ausnahme aus der einen Studie, der Tonfall war unpersönlich, die Sprache wirkte oft unbeholfen und unfreiwillig komisch – besonders da, wo sie die KI im Interesse vordergründiger Linux-Bezüge vergewaltigte.

So ein nicht verwertbares Resultat ist allerdings nicht die einzige drohende Gefahr. Wenn man das Schreiben – und damit das Denken – häufig an eine KI auslagert, riskiert man in der Tat, geistige Fähigkeiten zu verlieren. Nicht nur argumentiert man dann mit fremden Wissen, das Sprachmodelle ausschließlich nach Quantitätskriterien aus riesigen Datenmengen destillieren und nach intransparenten Regeln zensiert haben. Dadurch kommt dem Nutzer das Gefühl abhanden, stolzer und vor allem verantwortlicher Schöpfer der eigenen Ideen zu sein. Nicht nur bewegt man sich in einer Filterblase, weil LLMs dazu tendieren, ihren Nutzern nach dem Mund zu reden. Man baut auch wirklich geistig ab.

Amerikanische Forscher habe das in besagter Studie [1] nachgewiesen. Sie teilten 54 Versuchspersonen, die einen Aufsatz schreiben sollten, in drei Gruppen auf: Die erste durfte einen KI-Chatbot nutzen, die zweite eine Suchmaschine, die dritte nichts als Stift und Papier. Während des Schreibens maßen die Wissenschaftler ihre Gehirnaktivität per EEG.

Die auf sich allein gestellten Teilnehmer demonstrierten die stärkste Aktivität in verteilten Netzwerken des Gehirns. Suchmaschinenbenutzer zeigten eine moderate Beanspruchung des Denkapparats. LLM-Benutzer wiesen die schwächsten Verbindungen im Hirn auf. Die kognitive Aktivität nahm parallel zur Nutzung externer Tools ab. “Use it or lose it” – nicht beanspruchte Ressourcen verkümmern.

Die in Interviews angegebene Eigenverantwortung für die Aufsätze fiel bei der LLM-Gruppe sehr gering aus. Die Suchmaschinengruppe spürte eine stärkere Eigenverantwortung, jedoch immer noch weniger als die Gruppe, die nur ihre eigenen Gehirne nutzen konnte. Die LLM-Gruppe fiel zusätzlich in der Fähigkeit zurück, aus den Aufsätzen zu zitieren, die sie bloß wenige Minuten zuvor geschrieben hatten.

Was kann man tun? Die Zeit lässt sich nicht mehr vor die Erfindung der Sprachmaschine zurückdrehen. Der Mensch muss also lernen, mit ihr souverän umzugehen. Wie kann das gelingen? Die Neurowissenschaftlerin Milena Merten gab kürzlich in einem Handelsblatt-Interview diesen Tipp: “Wie beim Sport: im Training bleiben. Ich persönlich mache Krafttraining, Yoga und Walks – aber ich bin nicht stark genug, um eine Couch allein in die zweite Etage zu schleppen. In solchen Fällen lasse ich mir von jemandem helfen, der deutlich mehr Muskelkraft als ich hat. Nach dem gleichen Prinzip arbeite ich mit KI: Sie nimmt mir nur das ab, was ich nicht selbst kann.”

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

Infos

  1. Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task: https://arxiv.org/abs/2506.08872
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