Aus Linux-Magazin 08/2025

Editorial

© Computec Media GmbH

Google ändert die Spielregeln im Internet: KI schiebt sich zwischen die Suchenden und ihre Treffer, die Quellen drohen auszutrocknen.

Der Vertrag ist gekündigt. Seither ist das Internet nicht mehr das, was es einmal war. Der ungeschriebene Vertrag hatte bisher ein eingespieltes Prozedere geregelt: Google vermittelte über seine Suche Traffic an Diensteanbieter, allen voran an Medien, mit dessen Hilfe die ihren Kunden Dienstleistungen verkaufen konnten, zum Beispiel Neuigkeiten. In aller Regel wurde dabei nicht mit Geld bezahlt, sondern mit der Aufmerksamkeit der Klienten. Die ließ sich zum Teil auf Werbung lenken, was schließlich doch monetäre Erlöse generierte.

Diese Zeiten sind nun vorbei, und schuld daran ist die KI. Es begann vor rund einem Jahr, da kündigte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O an, anstelle der puren Links als Antwort auf Suchanfragen – zunächst für die USA – eigene, KI-generierte Zusammenfassungen anzubieten, die AI Overview (AIO) hießen. Wie sich zeigte, reichten diese Überblicke vielen Suchenden aus, und sie klickten selbst dann nicht mehr auf die Quellen, wenn diese angegeben wurden. Der wahre Urheber der Informationen, auf denen die AIOs beruhten, war so von den Klicks der Interessenten abgeschnitten. Er blieb auf seinem Aufwand sitzen, ohne dass ihm sein Anteil Aufmerksamkeit ausbezahlt wurde. Den Inhalteanbietern drohten rote Zahlen.

Vor einigen Wochen folgten AIOs auch in Deutschland, und im Zuge der diesjährigen Ausgabe der I/O-Konferenz wurde kürzlich eine weitere Verschärfung angekündigt: der AI Mode. In diesem Modus wird man mit der Suchmaschine schriftlich oder mündlich chatten können. Die splittet eine Suchanfrage dann automatisch in eine Vielzahl weiterführender Unteranfragen auf, die sie parallel verarbeitet und am Ende wieder in einem Überblick zusammenfasst. Das soll zu noch tiefschürfenderen Antworten führen. Außerdem wird der AI Mode demnächst Agenten beschäftigen können, die Aufgaben wie den Kauf eines Tickets oder die Reservierung in einem Restaurant übernehmen. Beim Shopping soll der AI Mode mit personalisierten Vorschlägen helfen, und obendrein kann er in der Antwort enthaltene Daten grafisch visualisieren.

“Ich schieb’ es Dir hinten und vorn rein. Ich scheiß’ dich zu mit meiner KI”, um ein Zitat des Generaldirektors Haffenloher aus der Kultserie Kir Royal leicht abzuwandeln. Die meisten so beglückten User werden kein Bedürfnis mehr haben, alternative Quellen zurate zu ziehen. Sie werden der Antwort, die scheinbar keine Frage mehr offen lässt, blind vertrauen. Sie dürften verdrängen, dass selbstverständlich auch die KI Fehler macht und ihre Zusammenstellung nur eine Auswahl ist, deren Kriterien man nicht kennt. Es wird sie wenig kümmern, dass die Autoren des Ausgangsmaterials, das die KI verwertet, leer ausgehen und viele etablierte Geschäftsmodelle bedroht sind. Sie werden sich mit der fertig formulierten Antwort bestechen lassen.

Doch was passiert mit dem Internet? Die Algorithmen der großen Plattformen wie Spotify, Instagram, Tiktok oder Youtube sind längst darauf ausgelegt, Anwender in Abhängige zu verwandeln, die sich aus ihrer Blase nicht mehr lösen können. Hinzu tritt nun ein Suchgigant, der seinerseits das offene, kreative und bunte Internet hinter eigenen Resümees versteckt. Wo einst eine gute Idee den Wettbewerb um Aufmerksamkeit entscheiden konnte, lässt jetzt ein Monopolist gar keinen Wettbewerb mehr zu. Wo es sich einst lohnte, in die Qualität der Inhalte zu investieren, weil das monetarisierbare Reichweite brachte, geht die Rechnung nun nicht mehr auf: AIOs fangen den potenziellen Interessenten ab, er erreicht die Quelle gar nicht mehr.

Ob das so kommen muss, hat immerhin in gewisser Hinsicht jeder selbst in der Hand: Die bequemste Lösung muss nicht die beste sein, und zum Googeln gibt es gottlob noch Alternativen.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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