Aus Linux-Magazin 06/2025

Editorial

© Computec Media GmbH

Warum können chinesische Startups in der milliardenschweren Oberliga generativer KI mitspielen? Unter anderem, weil sie auf Open Source setzen. Davon kann man auch hierzulande lernen.

Inzwischen ist es bereits mehrfach passiert, die Wellen schlagen nicht mehr so hoch. Doch als das chinesische Unternehmen DeepSeek im Januar 2025 sein spektakuläres Modell R1 erstmals vorstellte, war die Fachwelt schockiert. Entwickelt mit einer einstelligen Millionensumme, bot es Konkurrenten die Stirn, die das Zehnfache oder mehr in die Entwicklung ihrer Produkte investiert hatten. In der Folge verlor am 22. Januar 2025 die Aktie von Nvidia, Hersteller teurer KI-Beschleunigerhardware, 17 Prozent an Wert – mit 600 Milliarden Dollar der größte Tagesverlust eines US-Unternehmens in der Börsengeschichte.

Da überbieten sich Tech-Giganten aus den USA mit Milliardeninvestitionen, und dann kommt ein Startup um die Ecke, noch dazu aus dem vom Westen sanktionierten China, und wartet mit konkurrenzfähigen Sprachmodellen auf, die gleichwertige Performance zu einem Bruchteil der Kosten bieten. Da liegt die Frage auf der Hand: Ist es vielleicht ein Irrweg, Fortschritt mit immer mehr Geld für immer mehr Technik erzwingen zu wollen? Was macht man in Fernost besser?

Darauf gibt es mehrere Antworten. Beispielsweise setzen die Chinesen die Mixture-of-Experts-Architektur innovativer ein und optimieren die Nutzung der Ressourcen. Ein spezieller Erfolgsfaktor sticht jedoch heraus: Open Source. Die Volksrepublik China fördert quelloffene Software schon seit Langem. Bereits Anfang der 2000er-Jahre bemühte sich China, teils gezwungenermaßen, mit Open Source unabhängiger von westlicher Technologie zu werden.

Zu den Beispielen dafür gehört das quelloffene HarmonyOS, der chinesische Android-Ersatz, dessen App- und Services-Plattform HWS mit 1,8 Millionen Entwicklern und 490 Millionen aktiven Usern heute nach Google und Apple das drittgrößte mobile Ökosystem der Welt ist. Ein weiteres Exempel bietet die Förderung der offenen Cloud-Plattform OpenStack, die bei Hyperscalern wie Tencent im Einsatz ist. Mit ihr betreibt der weltweit größte Mobilfunkanbieter China Mobile das größte Network-Function-Virtualization-Netzwerk auf dem Globus.

Auf Github zählt die VR China seit 2019 zu den Top-3-Ländern, wenn man auf die Anzahl der Beiträge schaut. Auch bei KI setzt das Land ganz auf die Karte Open Source. Das fördert Innovation, erleichtert die Verbreitung und den Zugang auch kleinerer Firmen zu Spitzentechnologie. Zudem hilft es, die Folgen von Exportbeschränkungen zu minimieren, verringert die Abhängigkeit vor allem von US-Technologie und lässt China schneller im globalen Wettstreit aufschließen.

Das Open-Source-Erfolgsrezept funktioniert übrigens nicht nur in China. Auch hierzulande setzen Spitzenforscher wie Björn Ommer auf freie Software. Der Lehrstuhlinhaber an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität steckt mit seiner Forschungsgruppe hinter dem KI-Bildgenerator Stable Diffusion. Statt darüber zu jammern, dass es in Deutschland keine Risikokapitalgeber gibt, die Hunderte Millionen bereitstellen, arbeitet er an einem offenen, multimodalen Foundation Model, das nicht nur Sprach- und Bilddaten verarbeiten soll, sondern auch mit Daten aus der Industrie oder der Robotik umgehen kann.

Ommer sagt: “Unser Modell wird offen, transparent und rechtlich abgesichert sein, um Unternehmen als Sprungbrett für Innovation zu dienen – gerade auch kleinen und mittelständischen Unternehmen.” So verhilft Open Source auch denen zu einer aussichtsreichen Position, die beim Muskelspiel der milliardenschweren Tech-Giganten nicht mithalten könnten.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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