Gerade unter jungen Leuten ist die KI als Ersatz für einen menschlichen Gesprächspartner populär. Wohin das führt, dürfte davon abhängen, wem sich die KI-Betreiber verpflichtet fühlen.
Sie ist immer fröhlich und hat nie genug von mir, ganz egal, wie ich gelaunt bin. Immer hört sie geduldig zu, immer weiß sie Rat, immer klingt sie verständnisvoll. Wer hätte nicht gern eine solche Freundin? Tatsächlich kann sie jeder haben: Sie heißt KI. Im einfachsten Fall steckt sie in ChatGPT, sonst aber in spezialisierten Partnerimitationsapps wie Replika [1] oder Character AI [2]. Deren Angebot richtet sich übrigens keineswegs vor allem an betagte Witwen, es ist im Gegenteil gerade unter jungen Leuten populär. Einer der Gründe dafür: In über 40 Prozent aller Haushalte Deutschlands wohnt nur eine Person, die am Abend mit niemandem über den Tag reden kann. Beinahe jeder Dritte (28 Prozent) fühlt sich durch Einsamkeit belastet.
Wohin aber führt es, wenn eine künstliche Intelligenz zum Partnerersatz erkoren wird? Der Philosoph Christian Uhle entwirft zwei Szenarien: Im ersten erliegen die meisten der Illusion, künstliche Intelligenz würde sie verstehen und sich für sie interessieren, auch weil die KI mit der Zeit immer besser lernt, sich auf ihre Nutzer einzustellen und deren Wünsche zu befriedigen. In der Folge reden die Menschen immer weniger miteinander. Ihre Fähigkeiten verkümmern, sich aufeinander einzustellen, Kompromisse zu schließen, andere Perspektiven zu akzeptieren. Die Reibungen, an denen die Gesprächspartner früher gewachsen wären, fallen weg. Die KI verlangt einem keine Selbstüberwindung ab, sondern bestätigt uns jederzeit. Es entsteht ein Teufelskreis: Die analogen, zwischenmenschlichen Fähigkeiten nehmen ab, und das treibt die Menschen erst recht in die Arme sozialer KIs. In der Folge wächst eine völlig entfremdete, beziehungsunfähige Generation heran.
Das zweite Szenario ist der Gegenentwurf. Hier tauschen sich die Menschen zwar auch intensiv mit der künstlichen Intelligenz aus, ziehen sich dabei aber nicht aus menschlichen Beziehungen zurück. Im Gegenteil: Hier fungiert die KI als Coach und Therapeut für jede Lebenslage. Hier übt sie mit ihrem Nutzer in einem geschützten Raum gerade, die eigenen Emotionen auszudrücken, mit eigenen Argumenten zu überzeugen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen oder konstruktiv mit Frustration umzugehen. So hat jeder immer und überall einen psychologisch geschulten Assistenten zur Seite, der ihn beim Bewältigen des Alltags unterstützt. Er hilft sogar denen, neue Menschen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen, denen es nicht so leicht fällt, auf andere zuzugehen.
Welche der beiden Varianten wird wahr? Das wird maßgeblich davon abhängen, ob die KI-Betreiber sich ausschließlich an ihrem wirtschaftlichen Erfolg orientieren oder ob sie gesellschaftlich kontrolliert werden und auch sozialen Zielen verpflichtet sind. Die Frage lautet also: Erhalten wir eine KI, die nicht nur dem Geldscheffeln dient, sondern in erster Linie ihren Nutzern?
In Europa gibt es mit dem AI Act erste Ansätze dafür, die Technologie ethisch einzuhegen. Gegenteiliges hört man aus Amerika, wo Trump eine Verordnung der Vorgängerregierung zur sicheren und vertrauenswürdigen Entwicklung und Nutzung von künstlicher Intelligenz aufgehoben hat, die ebenfalls Grenzen setzte. Sein Vize J. D. Vance verunglimpfte jüngst auf dem Pariser KI Summit moderierende Maßnahmen als “autoritäre Zensur” und warnte, eine “übermäßige Regulierung” würde eine “transformative Industrie abwürgen”. Überlässt man das Feld aber den Tech-Milliardären, führt das zu Zuständen wie derzeit in vielen sozialen Medien. Deren Algorithmen versuchen, die Benutzer süchtig zu machen und an die Plattform zu fesseln, um sie dort mit gewinnträchtiger Werbung zu berieseln. Die deregulierte Technik handelt so gegen das wahre Interesse ihrer Nutzer. Aus dieser Perspektive ist das Schicksal der KI als Sozialpartner nur ein Beispiel für das Ringen um eine gemeinnützige Technologie.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







