Aus Linux-Magazin 12/2024

Editorial LM 12/2024

© Computec Media GmbH

Kann man den Segen der künstlichen Intelligenz gar nicht überschätzen, oder sind die Erwartungen an KI maßlos übertrieben? Fest steht: Allheilmittel scheint es nicht zu geben.

Manchen KI-Apologeten gehen scheinbar die Superlative aus, mit denen sie künstliche Intelligenz als Allheilmittel anpreisen, als Schlüssel zum Paradies. Elon Musk etwa meint, KI werde in Zukunft immensen Wohlstand schaffen, ein Zeitalter des Überflusses, in dem es keinen Mangel an Gütern und Dienstleistungen gibt und jeder alles haben kann, was er will. Sämtliche Menschheitsprobleme soll künstliche Intelligenz demnach lösen, jede denkbare Aufgabe übernehmen, sie soll allwissend und Menschen in jeder Beziehung haushoch überlegen sein. Als Kontrast dazu bietet sich ein Blick auf den aktuellen Hype Cycle des Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner an. Da finden sich diverse Stichworte mit KI-Bezug nahe dem Gipfelpunkt der Kurve, die für überhöhte Erwartungen steht. Kurz danach fällt sie steil und tief ab in das Tal der Desillusionierung, von wo aus sie entlang der Zeitachse nur moderat wieder ansteigt, ehe sie viel später das Plateau der Produktivität erreicht.

Wer hat recht? Nun, KI kann manche Probleme unbestritten gut lösen, aber eben lange nicht alle. Grundschulmathematik reicht aus, um ein Beispiel für ein ungelöstes und womöglich unlösbares Rätsel zu verstehen. Man denke sich irgendeine natürliche Zahl aus. Ist sie gerade, halbiert man sie. Ist sie ungerade, multipliziert man sie mit 3 und addiert 1. Mit dem Ergebnis verfährt man so, wie mit dem Startwert. Ein Beispiel: 10 ist gerade und wird deshalb durch 2 geteilt, das ergibt 5. Die 5 ist ungerade, weshalb man 5 x 3 + 1 rechnet, Ergebnis 16. Es folgt 16 / 2 = 8, 8 / 2 = 4, 4 / 2 = 2, 2 / 2 = 1. Damit kann man aufhören, denn wegen 13 x 3 + 1 =  4 würde, wer weitermacht, in eine Endlosschleife geraten. Man kann starten, womit man will; unter Umständen ergeben sich sehr lange Folgen, aber man endet immer bei 1.

Die Hypothese, dass das für jede natürliche Zahl als Startwert gilt, nennt man die Collatz-Vermutung. Vermutung deshalb, weil bis heute niemand beweisen konnte, dass es in der unendlichen Menge der natürlichen Zahlen keine einzige gibt, deren Collatz-Folge nicht doch unendlich anwächst oder die irgendwann in eine Endlosschleife abbiegt, weil sich ein Wert wiederholt. Es wäre möglich, dass sich die Vermutung prinzipiell nicht beweisen lässt. Das würde bedeuten, dass dabei nicht nur alle bisherigen Supercomputer und die fortgeschrittenste KI nichts helfen, sondern dass sie das auch niemals können werden. Es lässt sich nicht alles mathematisch fassen, aber selbst das, was sich auf diesem Weg ausdrücken lässt, kann man nicht immer berechnen oder beweisen. Die Collatz-Vermutung ist dafür nur ein Beispiel unter vielen.

Womöglich nicht berechenbare Probleme stellen aber nicht die einzige unüberwindliche Grenze dar, an die KI stoßen kann. Eine ganz andere, viel profanere, ist die Wirtschaftlichkeit. KI-Entwicklung, namentlich die der generativen Modelle, frisst Milliardenbeträge, spielt sie aber bislang nicht wieder ein. Zwar hoffen die Geldgeber auf eine spätere Rendite, aber das ist Spekulation. Für die USA veranschlagt der MIT-Professor Daron Acemoglu einen Produktivitätszuwachs durch KI von derzeit nur 0,5 Prozent und einen Beitrag von nur etwa 1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (GDP).

Da stellt sich die Frage, wie man die horrenden Summen wieder einspielen will, die bisher in KI investiert wurden. Allein der Betrieb von ChatGPT kostet den Branchenprimus OpenAI geschätzte 700 000 US-Dollar am Tag. Analysten spekulieren, dass die OpenAI-Bilanz 2024 ein Minus von 5 Milliarden Dollar ausweisen wird. Der Risikokapitalgeber Sequoia Capital schätzt, dass alle Tech-Firmen zusammen bisher wenigstens 600 Milliarden Dollar für KI ausgegeben haben. Dieses Geld müssten sie zuerst einmal wieder verdienen, nur, um ohne Verlust aus dem Geschäft herauszukommen. Unter den Analysten mehren sich die Skeptiker.

Kurz: Wenn eine künstliche Intelligenz Krebs auf Röntgenbildern zuverlässiger erkennt als ein Arzt, dann ist das bewundernswert und ein Segen. Das ewige Leben ab 2030, das sich etwa der Futurologe Ray Kurzweil vom Technikfortschritt verspricht, bringt es aber nicht.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 1 HeftseitePreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben