Aus Linux-Magazin 10/2024

Von Magnetscheiben in Plastikhüllen und kommerziellen Office-Paketen

© Tim Schürmann

“Du hast zwei Heftseiten”, sagte die Redaktion. Wenn einem die stetig wachsende Weisheit von innen die letzten Haare aus dem Kopf drückt und sich im Bart langsam graue Strähnchen bilden, dann nutzt man ein solches Angebot selbstverständlich gern für ein paar verklärte Erinnerungen an die gute alte Zeit.

@L:Die Schlange bewegte sich langsam weiter. Immerhin befand ich mich mittlerweile an ihrem vorderen Ende und würde gleich an die Reihe kommen. Zu meiner Rechten gewährte eine große Glasscheibe schonungslose Einblicke in ein tristes und karg eingerichtetes Büro, in dem ein hagerer Mann mit Dreitagebart schon seit rund fünfzehn Minuten geduldig Disketten kopierte. Die Älteren unter uns dürften sich an diese Datengräber noch lebhaft erinnern: Die kleinen Magnetscheiben aus der Hölle waren lediglich durch eine Hartplastikhülle vor sie überrollenden Bürostühlen geschützt und begrüßten ihre Besitzer gern einmal freudig mit Lesefehlern – selbstverständlich genau dann, wenn man damit nicht gerechnet hatte. Zwei leere Kandidaten hielt ich seit über zwanzig Minuten in meinen Händen. Die dürren Finger des bärtigen Männchens würden sie gleich ebenfalls nacheinander in ein Laufwerk schieben und sie mit einer Personal Edition des BETA-Compilers bespielen.

Die experimentelle Programmiersprache aus Dänemark kannte zum damaligen Zeitpunkt keine Sau. Ihre Syntax ähnelte außerdem nur wenig der des gerade extrem hochkochenden Java, das bereits viele Studienanfänger nicht mehr bloß als Kaffeeexportregion kannten. Genau deshalb wählten die Professoren BETA als kuscheliges Folterwerkzeug für die Einführungsvorlesungen: Mit dieser unbekannten Sprache hatte jeder dieselben Voraussetzungen und ich das Thema für meinen allerersten Artikel im Linux-Magazin. Um unsere Hausaufgaben machen zu können, stellte der Fachbereich Informatik ein Mini-Linux mit dem BETA-Compiler bereit. Diese zwei Disketten durften wir aus raffinierten Bürokratie- und Lizenzgründen allerdings nicht selbst aus dem Netz angeln. Stattdessen mussten wir im Büro des Rechenzentrums anklopfen, wo der bärtige Mitarbeiter jetzt endlich meine Disketten mit verständlicherweise wenig Elan in das Laufwerk seiner grauen Sun Sparcstation schob.

Sanfter Exorzismus

Die zwei bespielten Disketten trug ich zu meinem von Microsoft-Produkten besessenen PC. Den musste ich davon erstaunlicherweise gar nicht befreien. Wie auf den meisten Heimrechnern dieser Zeit lief dort zunächst MS-DOS und später Windows 95. Unter diesen Betriebssystemen ließ sich Linux wie ein MS-DOS-Programm installieren. Die Dateien der Distro wanderten dabei einfach in ein Unterverzeichnis. Der Aufruf des MS-DOS-Tools Loadlin fuhr den Linux-Kernel hoch und übergab ihm die volle Kontrolle über das System [1]. Der Vampir aus Redmond aß freiwillig Knoblauch. Dass Linux auf einem FAT-Dateisystem lag, dessen Dateinamen maximal acht Zeichen lang sein durften, kaschierte geschickt der pfiffige UMSDOS-Treiber [2]. Er übersetzte die Dateioperationen zwischen Linux und dem FAT-Dateisystem. Auf diese Weise ließ sich noch vor dem Durchbruch der Live-Systeme recht unkompliziert in Linux hineinschnuppern. Genau das tat ich.

Linux entpuppte sich als interessantes und hilfreiches System. Es ähnelte dem Unix-System auf den Sun-Rechnern an der Uni. In den eigenen vier Wänden hatte ich jedoch die volle Kontrolle, keine stets zu kleine Speicherquota und noch ein paar andere Annehmlichkeiten. Und Linux lief. Es funktionierte einfach. Es kannte meine komplette Hardware, ohne einen Treiber installieren zu müssen. Meinem Minimal-Linux fehlte lediglich eines: eine grafische Benutzeroberfläche.

Stangenware

Also setzte ich mich in den Zug Richtung Stadt. Wie alle, die damals ein Linux-System installieren wollten. Mein Weg führte mich zu Bücher Krüger, der zu dieser Zeit größten Buchhandlung am Ort. Die Computerabteilung verkaufte nicht nur bedruckte tote Bäume, sondern erstaunlicherweise auch Software für IT-Experten – angefangen von Compilern (Hände hoch, wer noch Watcom kennt) bis hin zu Linux-Distributionen. Letztere gab es in unterschiedlich teuren Schachteln. Hochpreisige Exemplare kamen mit dicken Handbüchern, die ihren Besitzern bei der Lektüre zu einem unfreiwilligen Hanteltraining verhalfen. Besonders beliebt waren dabei die Produkte einer gewissen S.u.S.e GmbH, die schon einmal mit bis zu 130 DM zu Buche schlugen (Abbildung 2). Ich wählte für den Einstieg eine günstige Slackware-Ausgabe, die aus vier CDs und zahlreichen README-Dateien bestand, aber dafür immerhin erschwingliche 20 DM kostete.

Abbildung 1: In der Schachtel von SuSE Linux 7.0 befanden sich unter anderem drei gedruckte Handbücher, eine Schnellinstallationsanleitung, sechs CDs, zwei Disketten und ein Tux als Ansteckpin.

Abbildung 1: In der Schachtel von SuSE Linux 7.0 befanden sich unter anderem drei gedruckte Handbücher, eine Schnellinstallationsanleitung, sechs CDs, zwei Disketten und ein Tux als Ansteckpin.

Eine Distribution aus dem Internet herunterzuladen war utopisch. Einen Zugang gab es für Normalsterbliche nahezu ausnahmslos per Modem, das wiederum nur wenige Bytes pro Sekunde aus der Telefonleitung nuckelte. Das fiepende Kästchen blockierte oberdrein während seiner Arbeitszeit das Telefon im Haus, sodass ich vorzugsweise nachts online gehen musste. Dabei galt es, schon vorab genau zu überlegen, welche Seiten ich ansteuern wollte, um so wenig Zeit wie möglich zu vertrödeln. Denn jede Sekunde buchte der Vorstand der Telekom einen nicht unerheblichen Betrag vom Girokonto ab. In manchen Nächten glaubte ich, das schrille Lachen aus der obersten Etage der Telekom-Zentrale zu hören. Vielleicht war ich aber auch einfach nur übermüdet.

Die CDs brachten ein sattes Softwarepaket und eine grafische Benutzeroberfläche mit. Zwar kam damals schon das X11-System zum Einsatz, für seine Einrichtung musste man jedoch zu Monitor und Grafikkarte passende Zahlenkolonnen in die zugehörige Konfigurationsdatei hämmern. Mit den richtigen Werten ließ sich einigen Röhrenmonitoren sogar ein kurzes schrilles Fiepen, gefolgt von einem für immer schwarzen Bild entlocken. Immerhin gab es konservative Beispielkonfigurationen als Vorlage, über die sich schließlich der Fenstermanager Fvwm95 auf den Schirm beschwören ließ. Den wählte ich übrigens nicht, weil er mehr recht als schlecht die Benutzeroberfläche des gewohnten Windows 95 imitierte, sondern weil er unter allen Fenstermanagern der benutzerfreundlichste war. Für eine heruntergeklappte Kinnlade sorgte die überdimensionale Arbeitsfläche: Stieß man mit der Maus an den Bildschirmrand, scrollte Linux in die entsprechende Richtung über den riesigen Desktop. Unendlich viel Platz für meine Fenster! So etwas konnte Windows nicht. Zu Recht, denn das ständige Umherscrollen während der Arbeit begann so schnell zu nerven, dass ich die Arbeitsfläche flink wieder auf die tatsächliche Monitorauflösung festnagelte.

Schreibmaschinen

Texte schrieb der geneigte Informatikstudent selbstverständlich in LaTeX (ausgesprochen Latech). Zur Texteingabe bot sich der etwas gewöhnungsbedürftige Editor LyX an (ausgesprochen Lüch – zumindest wir nannten ihn so). Wer die spannende Arbeit mit ihm nachvollziehen möchte: Das Monster wird immer noch von unerschrockenen Fans am Leben gehalten [3].

Eine Entsprechung zu Microsofts Office-Programmen gab es noch vor Star-, Open- und Libre Office in Form des kommerziellen Applixware Office. Dessen Hersteller hatte sich auf Büropakete für Unix-Systeme spezialisiert. Spätestens gegen das kostenlose Open Office hatte das von jeher funktionsarme Applixware jedoch keine Chance. Mitte der 2000er-Jahre endete dementsprechend die Entwicklung. Wer das Office-Paket noch einmal reanimieren möchte, findet die letzte Version beim jetzigen Eigentümer Vistasource [4].

Im Rückblick kurios erscheinen ebenfalls die Versuche der eigentlich für Grafiksoftware bekannt gewordenen Firma Corel: Mitte der 1990er-Jahre portierte sie zunächst die Unix-Fassung ihrer legendären Textverarbeitung WordPerfect auf Linux. Für den privaten Gebrauch gab es sogar eine kostenlose Personal Edition. Um die Jahrtausendwende verstärkte man das Linux-Engagement und brachte eine eigene Distribution namens Corel Linux heraus. Flankiert wurde sie von einem umfangreichen Büropaket namens WordPerfect Office 2000 (Abbildung 2), das man samt Handbuch für stolze 349 DM im Einzelhandel erwerben konnte. In der entsprechenden Schachtel befanden sich neben einem kleinen Plüsch-Pinguin [5] allerdings ausschließlich Windows-Programme, die wiederum WINE unter Linux zum Laufen bringen sollte – mit Betonung auf sollte. Das komplette Konstrukt entpuppte sich beim Endanwender als äußerst wackelig. Ein Erfolg für Corel wurden Distro und Office-Paket nicht, die Linux-Ambitionen stellte man wenig später wieder ein.

Abbildung 2: WordPerfect Office bestand aus aufgekauften Windows-Programmen wie der Tabellenkalkulation Quattro Pro.

Abbildung 2: WordPerfect Office bestand aus aufgekauften Windows-Programmen wie der Tabellenkalkulation Quattro Pro.

Zurück in die Zukunft

Die Geschichte von Linux kennt noch mehr Kuriositäten. Beispielsweise erhoffte sich die deutsche Firma Nero vom aufstrebenden freien Betriebssystem ebenso einen neuen Absatzmarkt. Man portierte daher kurzerhand sein CD- und DVD-Brennprogramm (Abbildung 3) auf Linux, obwohl dort längst Open-Source-Werkzeuge etabliert waren [6]. Wenig verwunderlich blieb der Erfolg aus.

Auch die Weiterentwicklung des BETA-Compilers liegt schon seit Jahren auf Eis. Wer sich für die Sprache und ihre interessanten Ansätze interessiert, findet eine umfassende Dokumentation auf den Seiten der Universität Aarhus [7]. An meiner Universität wurde BETA nicht sehr lange gelehrt, recht schnell stiegen die Professoren auf ein gewisses Java um. Die Buchhandlung Bücher Krüger musste 2009 schließen, den Verkauf von Linux-Distributionen hatte sie schon vorher eingestellt. Linux-Systeme kommen jetzt von der Linux-Magazin-DVD oder Dank Flatrates aus dem Internet. Nicht verändert hat sich die rasante Entwicklung von Linux. Ich bin jedenfalls auf die Kuriositäten der nächsten 30 Jahren gespannt. (csi)

Abbildung 3: Die Linux-Version des Brennprogramms Nero war zwar extra auf Linux zugeschnitten, hatte aber weniger Funktionen als das Windows-Pendant.

Abbildung 3: Die Linux-Version des Brennprogramms Nero war zwar extra auf Linux zugeschnitten, hatte aber weniger Funktionen als das Windows-Pendant.

Das Klackern des Todes

Die Übertragung von großen Datenmengen stellte uns Informatikstudenten immer wieder vor Probleme. Irgendwann materialisierte sich im Rechnerraum der Universität eine drastische Erleichterung in Form eines Zip-Laufwerks. Dessen Disketten-ähnlichen Medien schafften sagenhafte 100 MByte, später sogar 250 MByte. Damit musste man nicht mehr als “Diskjockey” zahlreiche Disketten jonglieren und große Dateien per »split«-Kommando in Scheibchen schneiden. Ich kratzte also mein Geld für ein Laufwerk zusammen, das an den damals noch existierenden, eigentlich für Drucker gedachten und obendrein noch irre langsamen Parallel-Port angeschlossen wurde. Linux hatte damit freilich kein Problem, sondern brachte dafür sogar direkt einen Treiber mit. Das teure Zip-System blieb allerdings ein kurzlebiger Exot. Einerseits machte ihm die CD-ROM den Garaus, andererseits galten die Zip-Laufwerke als nicht sehr zuverlässig. Berühmt-berüchtigt war der “Click of Death”, bei dem das Laufwerk urplötzlich starb und dann nur noch Klickgeräusche von sich gab.

Infos

  1. Loadlin: http://youpibouh.thefreecat.org/loadlin/
  2. UMSDOS: https://tldp.org/HOWTO/UMSDOS-HOWTO.html
  3. LyX: https://www.lyx.org/
  4. Applixware Office: https://vistasource.com/
  5. Tim Schürmann, Test des deutschen WordPerfect Office 2000, LinuxUser 09/2000, https://www.linux-community.de/ausgaben/linuxuser/2000/09/test-des-deutschen-wordperfect-office-2000/
  6. Tim Schürmann, Brennprogramm Nero für Linux, LinuxUser 07/2005, https://www.linux-community.de/ausgaben/linuxuser/2005/07/brennprogramm-nero-fuer-linux/
  7. Programmiersprache BETA und das Mjølner System: https://beta.cs.au.dk/mjolner_system/
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