Aus Linux-Magazin 10/2024

Editorial

© Computec Media GmbH

Ein Rückblick zeigt: Die IT hat sich in den zurückliegenden drei Jahrzehnten so rasant entwickelt, dass heutige Erfolge anfangs nicht zu prognostizieren waren. Eines aber bleibt konstant: Das Linux-Magazin begleitete seine Leser in den letzten 30 Jahren mit verlässlichen Informationen und nützlichem Rat und wird das weiter tun.

Ich hatte es eigentlich auf dem Zettel, aber dann hat es sich irgendwie doch nicht ergeben, und so haben wir es diesmal nicht gemacht. Gemeint ist das, was wir beispielsweise zum 15. Geburtstag unseres Magazins noch groß exerzierten: Wir hatten die Linux-Geschichte um die Spanne ihrer Existenz in die Zukunft vorausgedacht. Wir schrieben damals, im Jahr 2009, Linux-News aus dem Jahr 2024 – mit viel Humor, etwas Science Fiction und einer Prise Demut angesichts der so fernen Zukunft. Diesmal hätten wir ja 30 Jahre in die Zukunft springen müssen, bis 2054, und würden sicher noch weiter danebenliegen.

Das kommt vor allem daher, dass sich viele Entwicklungen in der IT mit einem exponentiell ansteigenden Tempo vollziehen. Das Mooresche Gesetz, demzufolge sich die Anzahl Transistoren auf integrierten Schaltkreisen alle 18 bis 24 Monate verdoppelt, beschreibt zum Beispiel nichts anderes als einen exponentiellen Anstieg. Die Folge: Ein Smartphone-Prozessor erreicht heute Rechenleistungen, für die man noch Ende der 1990er einen Supercomputer brauchte. Wer hätte sich damals vorstellen können, dass heute jedermann in der Hosentasche mit sich herumträgt, wofür man damals einen ganzen Saal voller Rechner brauchte? Oder dass man heute locker auf einer handtellergroßen, zentimeterdicken SSD unterbringt, wofür man vor rund drei Jahrzehnten noch Plattentürme in Kühlschrankgröße benötigte? Oder nehmen wir die KI: Nach einer Durststrecke in den 90er-Jahren, in denen es sowohl an Daten als auch an Rechenleistung mangelte, um einen Durchbruch zu erzielen, setzte in den Nullerjahren ein exponentieller Aufschwung ein, der bis heute anhält. Mit einem Mal sind wir bei der natürlich parlierenden Maschine, die noch vor wenigen Jahrzehnten kühne Utopie gewesen wäre.

Ein Gedankenexperiment hilft vielleicht, die enorme Dynamik solcher Entwicklungen zu verstehen: Man nehme ein DIN-A4-Blatt, einen Zehntelmillimeter dick, und falte es in der Mitte. Die übereinanderliegenden Hälften falte man wieder in der Mitte und so fort. Lassen wir einmal außer Acht, dass das schon bald an eine praktische Grenze stößt, weil sich ja mit jedem Schritt die Fläche halbiert, die man in der Mitte knicken muss. Betrachten wir außerdem nur eine gut überschaubare Anzahl Faltungen, sagen wir die berühmten 42. Wie hoch wäre der Papierstapel danach? Vielleicht gar mannshoch?

Falsch! Zwar sind wir nach immerhin fünfmal Falten erst bei gut 3 Millimeter Dicke, aber schon nach der vierzehnten Faltung liegen 16 384 Lagen übereinander und wir erreichen fast Mannshöhe. 17 Mal Falten, und der Stapel ist mit gut 13 Metern höher als die meisten Einfamilienhäuser. 23 Mal gefaltet, und er überragt den Burj Khalifa, das mit 828 Metern höchste Hochhaus der Welt. Und seine Höhe verdoppelt sich weiter mit jedem Schritt. Nach nur 42-maligem Falten würde der Papierstoß deutlich höher hinaufreichen als bis zum Mond (242 mal 0,01 Zentimeter Papierdicke gleich 439 804,65 Kilometer). Das ist im Wortsinn unfassbar. Während der Jahrhunderttausende seiner Evolution war der Mensch im praktischen Leben nie mit derartigen exponentiellen Wachstumsraten konfrontiert und hat daher kein Gespür dafür entwickelt. Deshalb verschätzen wir uns bei solchen Aufgaben immer wieder grandios.

Wie Linux und die IT-Welt 2054 aussehen könnten, haben wir uns diesmal also gar nicht erst ausgemalt. Aber jeder von uns ist ja als Zeitzeuge live dabei und beobachtet täglich die atemberaubend großen Schritte (denken wir an die KI) oder die schon vielversprechenden, aber scheinbar noch kleinen im ersten, flacheren Teil der Kurve (Quantencomputer). Wer schon etwas länger im Beruf ist, hat den steten Wandel auch in seinem persönlichen Umfeld erlebt. Das Linux-Magazin wird Ihnen dabei auch in Zukunft gern ein verlässlicher Begleiter sein und Ihnen mit unabhängigen Informationen und praktischem Rat zur Seite stehen.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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