Aus Linux-Magazin 04/2024

Umfrage zu 30 Jahren Kernel 1.0 unter Linux-Pionieren

© igorvkv / 123rf.com

Drei Jahrzehnte produktionsreifes Linux haben bei vielen Unternehmen und deren Kunden tiefe Spuren hinterlassen. Wir haben uns bei einigen prominenten Linux-Profis der ersten Stunde umgehört.

Was haben die ersten Kunden eines Linux-Distributors, eines Linux-Systemhauses oder eines Linux-Schulungsanbieters 1994 erwartet, und was wollen sie heute? Wie haben sich die Einstellungen und Ansprüche über die Jahre verändert? Wie hat sich der Erfolg von Linux auf den Umgang mit dem freien Betriebssystem ausgewirkt? Das Linux-Magazin hat einige prominente Linux-Pioniere befragt.

Suse

Abbildung 1: Dr. Gerald Pfeifer, Chief Technology Officer von Suse. Quelle: Suse S.A.

Abbildung 1: Dr. Gerald Pfeifer, Chief Technology Officer von Suse. Quelle: Suse S.A.

Für Suse Deutschland antwortet der CTO des Unternehmens, Dr.**Gerald Pfeifer: Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens lebte Linux auf kleinem Fuß, vor allem eingesetzt von Hobbyisten und Enthusiasten. Linux-Distributoren wie Suse lebten vom physischen Vertrieb ihrer Medien: erst Disketten, später CDs/DVDs, oft aufgepeppt mit Installations- und Verwaltungswerkzeugen. Eventuell gab es auch gedruckte Handbücher und Installations-Support per Telefon.

Suse Linux Professional etwa wurde damals in der Lehrbuchhandlung der TU Wien von der Europalette weg für knapp 1000 Schilling (den Euro gab es ja noch nicht) verkauft. Ein Herunterladen, wie heute üblich, wäre zu Zeiten von Modems und ISDN-Anschlüssen kaum sinnvoll möglich gewesen.

Und so kam ich, Windows-Anwender seit Version 2.0, Solaris- und FreeBSD-Nutzer in der Universität, mit Linux in Kontakt: Ich hatte eine knappe Deadline und musste auf meinem Rechner mit ISDN-Anschluss ein Unix-ähnliches System aufspielen. Also ab in die Buchhandlung, einmal Suse von der Palette genommen, bezahlt, und mit Handbuch und Installationsprogramm bewaffnet das System und ISDN gleich mit installiert.

Als ich Jahre später 2003 bei Suse anfing, erfuhr ich schnell, dass “die Box”, wie sie liebevoll genannt wurde, mit ihren halbjährlichen Releases den Löwenanteil der Umsätze ausmachte. Zu dieser Zeit war Suse Linux Enterprise noch in den Anfängen: erst für Mainframes, dann für x86, Itanium und PowerPC. Allerdings war die Differenzierung über längere Lebenszyklen, Hard- und Softwarezertifizierungen sowie 24×7-Support für Laien schwer greifbar. Es war aber auch die Zeit, in der Marktgranden wie IBM und SAP, Hewlett-Packard, Fujitsu und Oracle sowie Intel und AMD sich ernsthaft Linux im Server-Bereich zuwandten.

Die Aufholjagd

Vermehrt suchten neben Universitäten wie der meinen auch Vorreiter im Finanzbereich, Einzelhandelsketten und andere nach einer zuverlässigen und vor allem günstigeren Alternative für ihre Unix-Systeme. Die waren in vielen Fällen langsam und gleichzeitig teuer, und sie hielten die Anwender in starren Abhängigkeiten vom jeweiligen Hersteller gefangen.

Es war aber auch die Zeit, in der sich Linux in vielen Bereichen wie Hochverfügbarkeit, Skalierbarkeit und teils Systemverwaltung noch strecken musste. So habe ich damals mit SGI eng an der Umstellung ihrer Supercomputer und Grafikrechner von Irix auf MIPS-Hardware nach Linux auf Intel-Hardware gearbeitet. 512 Cores waren damals 512 Sockel verteilt auf 16 Racks, und darauf lief ein einziger Kernel. Mit Fujitsu, Hewlett-Packard (HPE gab es noch nicht), IBM und SGI ging es um Themen wie Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit und Wartbarkeit (Reliability, Availability, Serviceability – kurz RAS).

Nebenbei kamen mehr und mehr auch Sicherheitsthemen auf, und Kunden fragten nach offiziellen Zertifizierungen, bis hin zur reichlich aufwendigen und teuren Common-Criteria-Zertifizierung auf Level EAL 4+. Vor allem wurden immer längere Lebenszyklen gefordert, von 7 und dann 10 auf 13 Jahre und teils deutlich darüber hinaus, gepaart mit 24×7-Support und weiteren Services.

Jahr für Jahr kämpfte sich Linux so voran, auf günstigerer und gleichzeitig immer leistungsfähigerer Industriestandardhardware – vulgo x86 von AMD und Intel und deren Erweiterungen auf 64 Bit. Zu guter Letzt war dann Linux für jeden eine realistische Größe und Enterprise Linux breit etabliert.

Der Zieleinlauf

Letztlich haben uns HP/UX, Irix, Solaris und AIX verlassen oder sind auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe. Ob bei Public-Cloud-Infrastruktur, Workloads in der Cloud, Edge-Anwendungen oder SAP HANA, überall ist Linux führend, wenn nicht gar allein auf weiter Flur.

Kunden in allen Größen setzen Linux überall dort ein, wohin Hardware verbracht werden kann, bis hin zum Erdorbit und darüber hinaus. Sie erwarten, dass “es einfach funktioniert”. Dementsprechend hat sich die Rolle der Distributoren wieder einmal erweitert, einerseits um die enge Zusammenarbeit mit Cloud-Service-Providern, andererseits um Plattformen und maßgeschneiderte Lösungen für den Embedded- und Edge-Bereich. Eines steht fest: Langweilig wird es nicht so schnell. Auf ins nächste Jahrzehnt!

in-put GmbH

Abbildung 2: Stefan Michael Günther, Geschäftsführer der in-put – Das Linux-Systemhaus GmbH. Quelle: in-put GmbH

Abbildung 2: Stefan Michael Günther, Geschäftsführer der in-put – Das Linux-Systemhaus GmbH. Quelle: in-put GmbH

Für in-put — Das Linux-Systemhaus GmbH antwortet der Geschäftsführer Stefan Michael Günther: Unser Unternehmen wurde 1996 in einem Irish Pub in Karlsruhe gegründet. Es war die Zeit der 14400er-Modems, und über BTX hatten wir den Zugang zu etwas entdeckt, das sich “Internet” nannte. Die damaligen Inhalte im Netz kamen noch ohne CCS, Video und Ähnliches aus – schlichtes HTML mit Bildern. Die Entscheidung, sich mit Webdesign zu beschäftigen, führte zur Notwendigkeit, einen eigenen Webserver zu betreiben. Vor die Wahl gestellt, sich mit den Kosten für Windows-Server-Lizenzen zu belasten oder etwas Neues, Kostenloses namens Linux zu verwenden, entschieden wir uns für eine erste Linux-Installation, basierend auf Slackware.

Freilich wurde die Grafikkarte des gekauften PCs von Linux nicht unterstützt – im Gegensatz zur Netzwerkkarte – was zur frühzeitigen und intensiven Beschäftigung mit der Kommandozeile führte. Und da der damalige Kernel noch keine virtuellen IP-Adressen unterstützte, erfolgte der Wechsel zu Suse Linux, da in derem gedruckten Handbuch die Konfiguration und Kompilierung des Kernels ausführlich beschrieben war. Nur am Rande sei erwähnt, dass unser erster Router unter DOS lief und irgendwann durch einen ISDN-Router der Firma Ascend ersetzt wurde, die es heute auch nicht mehr gibt.

Wir merkten schnell, dass für unsere Kunden Internet-Gateways mit Proxy und Blacklists (Squid und SquidGuard), Mailserver (auf Basis von Sendmail) und Fileserver (lang lebe Samba) interessante Alternativen zu Produkten aus Redmond waren. Also wechselten wir mehr und mehr von Webdesign zu Installation und Support für Linux-Server. Kurz darauf kamen Linux-Schulungen dazu – zumeist Linux-Grundlagen, dann auch Systemadministration, Postfix, Asterisk und Samba.

In diesem Bereich ließ sich über die Jahre eine Entwicklung beobachten: Während den ITlern zuerst jegliche Linux-Kenntnisse fehlten, wurden die Anforderungen an die Schulungen immer spezieller und anspruchsvoller. Während zu Beginn die Schulungen in unseren Räumen stattfanden, wuchs mit der Zeit die Anzahl der Unternehmen, die individuelle Schulungen vor Ort anfragten. Das machte die Angelegenheit auch für die Dozenten interessanter, denn man reiste durch Deutschland, in die Schweiz und nach Luxemburg und konnte sich unter anderem die Herstellung von Bierflaschen, die IT eines Mobilfunknetzbetreibers und die Abläufe in einem Container-Hafen genauer ansehen.

Da man nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann, waren auch wir gezwungen, uns immer mehr zu spezialisieren. So befassen wir uns unter anderem seit mehr als 13 Jahren mit dem Thema VoIP, seit mehr als 11 Jahren mit der Verschlüsselung von E-Mails (“Kondome schützen – CipherMail auch!”) und seit einigen Jahren mit den speziellen Anforderungen (GxP & ISO 27001) hinsichtlich der IT-Security in Pharmaunternehmen.

B1 Systems

Abbildung 3: Ralph Dehner, Geschäftsführer von B1 Systems. Quelle: B1 Systems GmbH

Abbildung 3: Ralph Dehner, Geschäftsführer von B1 Systems. Quelle: B1 Systems GmbH

Für B1**Systems antwortet der Geschäftsführer Ralph Dehner: In den letzten drei Jahrzehnten hat eine bemerkenswerte Transformation in der Linux-Community und bei Unternehmen stattgefunden. Was einst als Nischenbetriebssystem begann, hat sich zu einem Schlüsselakteur in der Welt der IT entwickelt. Diese Veränderungen sind das Ergebnis einer Kombination aus technologischem Fortschritt, einer wachsenden Akzeptanz von Open-Source-Prinzipien und einer zunehmenden Vielfalt von Anwendungen und Diensten.

Als B1 Systems 2004 gegründet wurde, erlebte die Linux-Community bereits eine dynamische Phase. Open Source gewann zunehmend an Bedeutung, und wir wollten nicht nur von dieser aufstrebenden Bewegung profitieren, sondern auch einen Beitrag dazu leisten. Die Herausforderung, Open Source gegenüber traditionellen, proprietären Lösungen zu verteidigen, trieb uns an, innovative Ansätze zu finden und uns ständig zu verbessern.

Als Geschäftsführer bin ich froh, dass es nicht mehr so ist wie früher, als sehr viele Entscheider gar nicht wussten, was Linux ist beziehungsweise dass es Alternativen zu proprietärer Software gibt. Manager, die wir vor 20 Jahren erst einmal davon überzeugen mussten, dass Linux Vorteile hat, stellen nun von ganz allein gezielte Anfragen – und das nicht nur für Server, sondern zunehmend auch für Linux auf Desktops. Immer mehr Entwickler in den Unternehmen wünschen sich einen Linux-Desktop, der dann auch zentral verwaltet werden kann. Wir beobachten seit nunmehr 20 Jahren eine stetige Steigerung der Relevanz von Linux in der gesamten Unternehmenslandschaft.

Dieser Bedeutungsgewinn ist der bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit und dem kontinuierlichen Streben nach Verbesserung in der Linux-Community zu verdanken. Von den Anfängen als Hobbyprojekt bis zur weltweiten Verwendung in Unternehmensumgebungen hat Linux bewiesen, dass Open Source nicht nur eine Alternative, sondern oft die bevorzugte Wahl ist.

Linuxhotel GmbH

Abbildung 4: Ingo Wichmann, Geschäftsführer der Linuxhotel GmbH. Quelle: Linuxhotel GmbH

Abbildung 4: Ingo Wichmann, Geschäftsführer der Linuxhotel GmbH. Quelle: Linuxhotel GmbH

Für die Linuxhotel GmbH antwortet deren Geschäftsführer Ingo Wichmann: Ich erinnere mich noch gut an einen Artikel des Linux-Magazins aus dem Jahr 2003, in dem der IT-Leiter des Auswärtigen Amts zu Wort kam. Er sagte damals über uns: “Anfangs hielt sich die Begeisterung der Mannschaft in Grenzen. In unserer Windows-Monokultur war Linux ein Fremdwort.” Den Wandel habe dann eine Schulung für Ingenieure im Linuxhotel in Essen gebracht. “Eine Woche Schulung durch kompetente Enthusiasten hat alle überzeugt, dass es mit Linux funktioniert.” Wer dann über eine dünne Satellitenleitung einen Server in Zentralasien remote und verschlüsselt in wenigen Minuten installiert und konfiguriert hat, wurde vom Saulus zum Paulus: “Das versuchen Sie mal mit einem Windows-2000-Server”, meinte einer der Ingenieure des Auswärtigen Amts.

Einige Zeit später schickte der IT-Leiter einer Kommune mehrere Mitarbeiter zu uns. Er hatte wohl die Hoffnung, dass wir sein Team von Linux überzeugen können. So saßen dann in der Schulung lauter gestandene Windows-Admins. In meiner – vielleicht ein bisschen übertriebenen und etwas verzerrten – Erinnerung saßen die mit vor der Brust verschränkten Armen vor mir: “Nun überzeuge uns mal!” Sie empfanden die Administration mithilfe der Kommandozeile als Rückschritt. Automatisierung war für sie damals noch kein so starkes Argument, die Powershell für Windows kam erst 2006.

Tatsächlich habe ich große Freude daran, auch auf die Schmerzpunkte der Technologien hinzuweisen, die ich schule. Warum trennen die verbreiteten Distributionen nicht sauber zwischen lokaler Konfiguration in »/etc« und Voreinstellungen in »/usr«? Warum muss man sich für jeden Dienst ein anderes Kommando für den Syntax-Check der Konfigurationsdateien merken und kann das nicht einfach mit »systemctl configcheck Dienstname.service« erledigen?

Für manche Unternehmen aus der freien Wirtschaft schien es anfangs in Linux-Treiber-Kursen undenkbar, dass der eigene Treibercode einmal im Mainline-Kernel landen würde. Das eigene geistige Eigentum wurde als eine Art Gold angesehen, dass es um jeden Preis zu schützen galt. Der Preis dafür war, dass der Code im eigenen Repository verrottete. Und beim nächsten Produktzyklus hatte sich der Kernel so schnell weiterentwickelt, dass man den Treiber neu schreiben musste. Heute beteiligen sich viele große deutsche Unternehmen an der Linux Kernel-Entwicklung, zu ihrem eigenen Vorteil. Auch in der öffentlichen Verwaltung haben viele die Notwendigkeit der Automatisierung erkannt. Heute müssen wir keine Teilnehmer mehr vom Konzept Open-Source-Software überzeugen.

Aber ich warte immer noch darauf, dass unser Staat versteht, dass man sich mit vielen Milliarden Euros an Lizenzgebühren für proprietäre Clouds und Software nur noch tiefer in teure Abhängigkeiten verstrickt. Allein die Kostensteigerungen in dem Bereich übersteigen die gesamten Ausgaben für digitale Souveränität bei Weitem. Als Unterstützer der Open Source Business Alliance wissen wir, dass das auch in der Digitalpolitik parteiübergreifend fast jeder so sieht. Solange es kein Geld kostet, gibt es da eindeutige und einstimmige Beschlüsse – bis hin in den sonst so uneinigen IT-Planungsrat aus Bund, Ländern und Kommunen.

Aber diese Beschlüsse nützen nichts, wenn in den Haushalten das Geld dann doch wieder dorthin gelenkt wird, wo es am schlechtesten angelegt ist. Was könnten wir allein mit den letztes Jahr bekannt gewordenen Milliardenzahlungen an Microsoft und Oracle für eine nutzerfreundliche, effiziente und Cloud-basierte Verwaltungs-IT bauen! Die Proprietären können das nicht besser. Die schaffen es noch nicht mal, auf Ihre privaten Schlüssel aufzupassen, wie wir letzten Juli sehen konnten.

Netways GmbH

Abbildung 5: Bernd Erk, CEO der Netways GmbH.

Abbildung 5: Bernd Erk, CEO der Netways GmbH.

Für die Netways GmbH antwortet CEO Bernd Erk: Seit den Anfängen vor über 30 Jahren hat Linux die IT-Branche und damit auch unser Angebot und unsere Projekte maßgeblich beeinflusst. Als Open-Source-IT-Dienstleister haben wir diese Veränderungen hautnah miterlebt und können einen umfassenden Einblick in die Auswirkungen von Linux auf uns und unsere Kunden geben.

Linux als Alternative zu den vorherrschenden proprietären Betriebssystemen begann seine Reise in den 1990er-Jahren. Mitte des Jahrzehnts hatten dann die ersten unserer Kunden Kontakt mit Linux und einer neuen Ära von Freiheit und Flexibilität. Durch diese Freiheit wuchs die Entwickler- und Anwendergemeinde schnell, und Kunden, die früher meist nur Konsumenten von Software waren, trugen aktiv zur Weiterentwicklung der eingesetzten Programme bei.

Mit der zunehmenden Einführung von Linux als Server-Betriebssystem veränderte sich auch der Markt für Geschäftsanwendungen. Viele Server-Anwendungen wurden auf Linux portiert, was die Zusammenarbeit in gemischten Umgebungen verbesserte. Für uns als Dienstleister war es wichtig, dass unsere Kunden nahtlos mit verschiedenen Plattformen arbeiten konnten, und der offene Ansatz von Linux und Unterstützung für offene Standards spielten dabei eine wichtige Rolle.

Linux war immer häufiger Voraussetzung für die von uns angebotenen Lösungen im Bereich der IT-Infrastruktur. Das führte dazu, dass sich immer mehr Kunden mit Linux auseinandersetzten, die vorher noch keine Berührungspunkte damit hatten. Viele unserer Kunden im Bereich Monitoring begannen die Projekte mit einer Linux-Grundlagenschulung. Obwohl nicht immer alle Mitarbeiter des Kunden freiwillig mit Linux zu arbeiten begannen, stellte sich überraschend schnell und oft Begeisterung für den offenen Ansatz ein.

In den folgenden Jahren waren es drei wichtige Entwicklungen, die den endgültigen Siegeszug von Linux einläuteten.

Erstens führten Bewegungen wie DevOps und Prozesse wie Infrastructure as Code dazu, dass immer mehr Kontrolle in den Rechenzentren auf Linux-Systeme überging. Während Linux schon lange als Basis für IT-Infrastrukturkomponenten wie DNS oder E-Mail genutzt wurde, stellten Lösungen wie Puppet, gefolgt von vielen anderen, die Hierarchie der Plattformen bei unseren Kunden auf den Kopf. Windows-Server wurden abhängig von Linux-Infrastrukturen, und was vorher oft undenkbar war, war mit den stetig steigenden Anforderungen an Agilität und Geschwindigkeit nicht mehr wegzudenken.

Zweitens hat die Einführung von Container-Technologien wie Docker und Kubernetes die Art und Weise revolutioniert, wie Anwendungen entwickelt, bereitgestellt, betrieben und skaliert werden. Mit Docker wurden zunächst nur die bereits vorhandenen Fähigkeiten des Linux-Kernels einfacher zugänglich gemacht, aber Linux hat damit an vielen Stellen eine Gruppe von Anwendern erreicht, die bisher oft nur auf proprietären Plattformen gearbeitet haben: die Entwickler.

Drittens hat Linux im Bereich der Sicherheit eine starke Position eingenommen. Die Community konnte Schwachstellen schnell lokalisieren und beheben, da der Quellcode offenlag. Unsere Kunden konnten sich auf eine solide und sichere Basis verlassen, während wir dafür sorgten, dass ihre spezifischen Sicherheitsanforderungen erfüllt wurden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Linux in den letzten 30 Jahren eine bedeutende Rolle in der Informationstechnologie gespielt hat. Als Open-Source-IT-Dienstleister haben wir die Vorteile dieses Betriebssystems aktiv genutzt, um unseren Kunden innovative Lösungen anzubieten. Linux hat die Art und Weise grundlegend verändert, wie Unternehmen IT betrachten und einsetzen. Wir blicken mit großer Freude auf die vergangenen 30 Jahre zurück und freuen uns darauf, unsere Kunden auch weiterhin auf ihrer Reise durch die dynamische Welt der Open Source IT-Infrastruktur zu begleiten.

Red Hat

Abbildung 6: Jan Wildeboer, EMEA Evangelist, Red Hat. Quelle: Red Hat, Inc.

Abbildung 6: Jan Wildeboer, EMEA Evangelist, Red Hat. Quelle: Red Hat, Inc.

Für Red Hat antwortet der EMEA Evangelist Jan Wildeboer: Die Geschichte von Linux und Red Hat ist eng miteinander verbunden – wenn man will, kann man sogar von einer geradezu symbiotischen Beziehung sprechen. Ohne den Linux-Kernel gäbe es Red Hat nicht. Umgekehrt stellt sich die Frage, ob ein Linux, wie wir es heute kennen, ohne Red Hat so aussähe, wie es das heute tut. Fakt ist: Das Open-Source-Betriebssystem dominiert die Geschäftswelt, und ein Ende des Höhenflugs ist nicht in Sicht.

Der 26. März 1993 markiert den Startschuss für Red Hat als Unternehmen. An der Spitze standen damals zwei Einzelkämpfer, die sich einige Monate zuvor auf einer Tech-Konferenz kennengelernt hatten: Marc Ewing, der sich auf Hacking und Debugging spezialisiert und seine eigene Linux-Distribution entwickelt hatte, und Bob Young, der quasi aus seinem Wohnzimmer heraus einen Laden für Schreibmaschinen- und Computerzubehör betrieb. So revolutionär die Idee einer Community-getriebenen Open-Source-Software damals war, so konventionell war das Vertriebsmodell.

Der Download eines kompletten Betriebssystems war undenkbar, weshalb Red Hat Linux über viele Jahre in einem Karton verpackt neben Microsoft Windows und Lotus Notes in den Regalen der Händler stand. Gewöhnlich kam alle sechs Monate eine neue Version inklusive 90-Tage-Support heraus, auch darin unterschied man sich nicht von anderen Softwarefirmen. Das Geschäft beruhte auf der Überzeugung, dass Kunden regelmäßig eine neue Version erwerben, um so die aktuellsten Funktionen zu erhalten. Der andere Teil bestand aus dem Verkauf von Mützen, T-Shirts, Stickern, Taschen und Tassen mit dem eigenen Logo.

Unternehmen haben andere Ansprüche

Was für Hobbyanwender gut funktionierte – sie installierten einfach jeweils das neueste Betriebssystem auf ihrem Rechner – war für die wachsende Zahl von Unternehmenskunden keine Lösung.

Pioniere, die ihren Print- oder Webserver nicht auf einer eigens gekauften Solaris-Maschine aufbauten, sondern auf vorhandenen Rechnern in Kombination mit Linux, erwarteten für eine einmal erworbene Software langfristigen Support – am besten rund um die Uhr. Sie brauchten zudem Tests und Zertifizierungen der Hardwareanbieter. Und sie wollten Unternehmensanwendungen von unabhängigen Softwareanbietern, die für die Lösungen von Red Hat zertifiziert sind.

Um den Anforderungen des professionellen Markts gerecht zu werden, stellte Red Hat 2002 auf ein Subskriptionsmodell mit zweijährigem Release-Zyklus und langen Support-Zusagen um. Es folgten Partnerschaften mit Blue-Chip-Unternehmen wie IBM, Dell oder Hewlett-Packard. Mit Intel beispielsweise kooperierte Red Hat schon früh bei der Prozessorentwicklung, etwa in Bezug auf Paravirtualisierung.

Ohne Linux läuft nichts

Wurden Web- und Printserver mit Linux in den Anfangsjahren noch in der hintersten Ecke des Rechenzentrums aufgestellt, quasi unter dem Radar des Managements, ist das Open-Source-Betriebssystem aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. Cloud Computing und Künstliche Intelligenz mit Solaris oder HP-UX? Hätte nicht funktioniert.

Linux, egal in welcher Distribution, erweist sich als der große Unifier, der in Bereiche vorgedrungen ist, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Microsoft für seine Azure Cloud den Netzwerk-Stack von Linux verwendet? Heute ist Red Hat Enterprise Linux eine der erfolgreichsten und am weitesten verbreiteten kommerziellen Linux-Distributionen. Und nicht nur das: Unser Portfolio deckt den modernen IT-Stack ab, einschließlich hybrider Cloud-Infrastrukturen, Middleware, agiler Integration, Cloud-nativer Anwendungsentwicklung sowie Management- und Automatisierungslösungen. Aber wie immer steht eines über allem: das Open-Source-Modell.

Ich bin stolz auf die Leistung der gesamten Linux-Gemeinde – ob nun Hersteller, Partner oder Community. Was wir erreicht haben, ist der Wahnsinn. Irgendwann wird es keine proprietäre Software mehr geben, davon bin ich weiterhin überzeugt, und an diesem Ziel arbeiten wir.

Fazit und Ausblick

Ob Distributor, Systemhaus oder Schulungsanbieter – alle unsere Kommentatoren haben die letzten 30 Jahre mit Linux als Erfolgsgeschichte erlebt, wenn auch nicht ohne gewisse Anlaufschwierigkeiten. Wir bedanken uns bei allen sechs Interview-Partnern ganz herzlich für die interessanten Einblicke in ihre ganz persönliche Linux-Historie und wünschen ihnen und uns weitere drei Jahrzehnte ungebrochene Linux-Success-Story.

Falls Sie sich jetzt fragen, warum an dieser Stelle eine Retrospektive des Linux-Magazins fehlt: Die folgt in ausführlicher Form in einem halben Jahr in der ganz besonderen Jubiläumsausgabe 10/2024, mit der wir dann zusammen mit Ihnen den 30. Geburtstag unserer Publikation feiern möchten.

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