Vor 30 Jahren erschien Linux 1.0, das erste produktionsreife Kernel-Release. Historische Abrisse zum freien Betriebssystem von Linus Torvalds gibt es viele. Mindestens so spannend aber ist die Art und Weise, wie Linux den Lauf der Welt direkt und indirekt beeinflusst hat.
“Hello everybody out there using Minix” – so beginnt eine Mail, die Weltgeschichte geschrieben hat. Selbstverständlich war sich dessen, wie so oft, seinerzeit noch niemand bewusst. Heute kennt diese E-Mail im Linux-Umfeld fast jeder: Mit eben jenen Zeilen stellte im Spätsommer 1991 der finnische Informatikstudent Linus Torvalds (Abbildung 1) sein Bastelprojekt Linux vor, das aus akademischem Interesse und der Unzufriedenheit mit den damaligen Betriebssystemen entstanden war.
Am 13. März 1994 erschien Linux 1.0, jenes Release des Linux-Kernels also, das nach mehreren Jahren entsprechend den Gepflogenheiten erstmals als stabil und produktionsreif galt. Zu allen möglichen Jubiläen des freien Betriebssystems gab es seitdem zahllose historische Abrisse, frei nach dem Motto “Es ist Weihnachten und Opa erzählt vom Krieg”. Was haben die Nutzer nicht schon alles mitgemacht: defekte Dateisystemtreiber hier, wilde Hacks, um den Nvidia-Treiber zum Laufen zu kriegen dort, den Wechsel von Ipchains über Iptables zu Nftables und so weiter und so fort.
Wer sich der Linux-Geschichte allerdings nur aus der rein technischen Sicht nähert, vergisst allzu leicht einen anderen zentralen Aspekt: Linux ist kein im luftleeren Raum entstandenes Projekt, sondern hat seine Umwelt ebenso beeinflusst, wie jene Menschen Linux geprägt haben, die daran und damit arbeiteten. Praktisch lässt sich die gesellschaftliche Relevanz von Linux kaum übertreiben. Ohne das freie Betriebssystem wäre die Welt heute sehr wahrscheinlich eine andere. Grund genug, den Blick schweifen zu lassen und zu erforschen, welche Auswirkungen Linux fernab von der Linux-Kernel-Mailing-Liste und den üblichen Entwicklerkreisen hatte.

Abbildung 1: Linus Torvalds 2018 auf der LinuxCon in Peking: der wohlwollende Diktator auf Lebenszeit, der den Lauf der Welt verändert hat. Quelle: Wikipedia / Raysonho
Die frühen Jahre
Dazu gehört zunächst eine wichtige Erkenntnis: Gerade jüngeren Semestern fällt es heute oft schwer, sich die Welt vorzustellen, in die hinein Linus Torvalds sein Projekt erfand. Vorrangig liegt das daran, dass Linux die IT so grundlegend verändert hat. Wer in den späten 1980ern oder frühen 1990ern an einem Computer arbeiten wollte, tat das in aller Regel im Rahmen der Arbeit an einer Universität. Das Internet war allenfalls ein kühner Plan in den Hinterköpfen allzu euphorischer Strategen. Eine globale Vernetzung existierte nicht, und Tim Berners-Lee hatte gerade erst HTML erfunden, das später das World Wide Web ermöglichte.
Einen eigenen Computer besaß längst nicht jeder Student, auch weil die Auswahl der auf Computern lauffähigen Software eher stark eingeschränkt ausfiel. Es gab MS-DOS; von Windows NT sprach 1991 noch niemand. Selbst wer über einen Computer verfügte, konnte darauf nicht einfach beliebige Software installieren. Die Open Group mit Mitgliedern wie HP versuchte, eigene Desktop-Unix-Varianten (Abbildung 2) zu etablieren, die jedoch ordentlich ins Geld gingen. Die dominierenden Betriebssysteme waren allesamt kommerziell und nur gegen Bares zu bekommen.

Abbildung 2: Benutzeroberflächen wie HP CDE waren Teil des Versuchs, einen proprietären und kostenpflichtigen Unix-Desktop zu etablieren. Vergeblich: Auf Desktops geriet Unix wegen Windows ins Hintertreffen, auf Servern machte Linux Unix weitgehend den Garaus. Quelle: Wikipedia / LinuxBuild
Als akademisches Projekt war Minix von Andrew S. Tanenbaum grundsätzlich nicht für den Alltagseinsatz vorgesehen. Anders als sein Schöpfer spielte es in der IT nie eine relevante Rolle. Stattdessen traf man auf klassisches Unix in etlichen Varianten und auf BSD in diversen Formen und Farben. All diese Systeme hatten gemeinsam, dass sie sich am klassischen Funktionsumfang von Unix orientierten und beispielsweise echtes Multitasking häufig nicht funktionierte. Heute kann man sich Multitasking aus modernen Betriebssystemen kaum wegdenken, damals war das Feature praktisch Luxus.
Zeitgenössische Unix-Admins konnten mit Linux dementsprechend wenig anfangen und hielten es vorrangig für ein Spielprojekt eines verwirrten Informatikstudenten. Hier tun sich ganz offensichtliche Parallelen zur Gegenwart auf: Ähnlich wie Hersteller und Admins seinerzeit Linux als Bastelprojekt zu diffamieren versuchten, tun kommerzielle Hersteller das bis heute bei anderen Werkzeugen.
Anders ist kaum zu erklären, wie Hashicorp nach seiner völlig vermurksten Lizenzumstellung auf den Terraform-Fork Open Tofu reagierte, indem man unterstrich, wie wichtig ein professioneller Hersteller und kommerzieller Support im Business-Umfeld seien. Semantisch steckt in der Aussage nichts anderes als “Gebt euch nicht mit Bastlern ab”. Die Kritik allerdings greift deutlich zu kurz, denn der zentrale Vorteil von vermeintlichen Bastellösungen liegt eben darin, dass sie nicht unter der Fuchtel eines Anbieters stehen, der sie naturgemäß auf kommerziellen Erfolg hin optimiert. Stattdessen sind sie leicht, meist kostenlos verfügbar, und – wenn sie wie üblich unter einer freien Lizenz stehen – obendrein ein gut nutzbares Objekt zum Lernen und Experimentieren.
Linux macht da keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: Es bot Anfang der 1990er-Jahre Studenten erstmals ein funktionierendes Betriebssystem, das auf einigermaßen erschwinglicher Hardware lief. Zusätzlich lag der Quelltext offen. Wer wollte, konnte nach Belieben an dem OS herumbasteln. Gleichzeitig implementierte Linux schon in den ersten Versionen fast sämtliche Systemaufrufe von Unix 7 und versprach Studenten zudem eine Umgebung, die einigermaßen identisch mit jener war, mit der sie als Informatiker später ohnehin arbeiten würden.
Kommerzielle Vermarktung
Linus Torvalds revolutionierte mit seinem Kernel quasi im Vorbeigehen die Open-Source-Welt und verschaffte ihr dort Anerkennung oder zumindest Gehör, wo das Thema Open Source in der öffentlichen Wahrnehmung zuvor kaum vorkam. Männer mit Rauschebärten fummeln im stillen Kämmerlein an Computern herum – keine Story, die beim allgemeinen Publikum gut verfängt. Dass am Markt ein freier Unix-Klon auftauchte, dessen kommerzielle Wiederverwendung explizit erlaubt war, kam einer Revolution gleich.
Dass dieser Bedarf durchaus existierte, zeigen ebenso andere Projekte, deren Anfänge in die damalige Zeit fallen. FreeBSD erblickte offiziell 1993 das Licht der Welt und schickte sich an, die kommerziellen BSD-Distributionen zu ersetzen. Da war der Zug aber praktisch schon abgefahren. Findige Entwickler hatten längst angefangen, Linux weiterzuentwickeln, kommerziell zu vermarkten und zu verwerten.
Auf Servern, deren Gesamtzahl schon damals steil anstieg, stand plötzlich ein freies und zudem kostenloses Betriebssystem zur Verfügung, mit dessen Hilfe sich Server-Dienste problemlos betreiben ließen. Ende der 1990er-Jahre hatte das vermeintliche Bastelprojekt die Konkurrenz vielerorts schon aus den Rechenzentren verdrängt. Webserver verwendeten nun nicht mehr Microsofts IIS, sondern Apache auf Linux mit PHP und MySQL – ein derart erfolgreiches Gespann, dass es eine eigene Abkürzung bekam: LAMP. Dessen einzelne Komponenten existierten auch deshalb, weil Linux vorgemacht hatte, dass kommerziell relevante Produkte auf Basis freier Software keine Utopie sind.
Heute beschreiben viele Beobachter die “goldenen LAMP-Jahre” als einen ersten Höhepunkt der FOSS-Geschichte. So war es kein Zufall, dass Microsoft seinerzeit Linux mit Spott und Häme überzog. Immerhin hatte das freie Betriebssystem dem Unternehmen bereits so stark kommerziell geschadet, dass Redmond sich zum Handeln gezwungen sah und bis heute legendäre Werbekampagnen auf den Weg brachte. Freie Software, so las man dort, könne schon mal “mutieren” und sei dementsprechend eine Gefahr für Geschäfte. Untermalt war die Behauptung von einem Foto mit Pinguinen, auf die die Köpfe anderer Tiere montiert waren. Der Ansatz war indes, so muss man aus heutiger Sicht sagen, aussichtslos. Den Kampf um die Rechenzentren des WWW verlor Microsoft ebenso kläglich wie jenen um die Vorherrschaft im Segment der Smartphones und mobilen Geräte.
Das lag auch daran, dass Linux von Anfang an tat- wie finanzkräftige kommerzielle Unterstützer wie Red Hat auf seiner Seite hatte. 1993 gründete Bob Young die ACC Corporation, die Software für den Betrieb unter Linux vermarktete. Marc Ewing startete 1994 seine erste eigene Linux-Distribution (Red Hat Linux) und lagerte sie in ein Unternehmen aus, das Young 1995 kaufte. Vier Jahre später ging man an die Börse; der Rest ist Geschichte. Seinen Erfinder hat Linux längst zu einem vermögenden Mann gemacht – völlig zu recht, wie man anmerken möchte.
Dass Red Hat mit Linux in so kurzer Zeit kommerziell so erfolgreich werden konnte, unterstreicht einmal mehr den tatsächlichen Bedarf am Markt, den Torvalds mit seinem Projekt, bewusst oder nicht, bediente.
Überall Linux
Wie erwähnt, gab es im Rechenzentrum spätestens ab Ende der 1990er-Jahre für andere Betriebssysteme als Linux nicht mehr viel zu melden. ZDNet geht davon aus [1], dass heute über 95 Prozent der Server in Rechenzentren auf Grundlage einer der zahlreichen Linux-Distributionen laufen. Das Internet könnte in seiner heutigen Form ohne Linux also schlicht nicht existieren. Das liegt unter anderem daran, dass Linux als Kernel einerseits stets auf eine gewisse Universalität ausgelegt war. Andererseits waren die Distributoren, die Linux als Grundlage für ihr Geschäft nutzten, stets gut darin, aktuelle Trends wahrzunehmen und zu integrieren.
Das Beispiel der aufkommenden Virtualisierung ab Ende der 1990er-Jahre zeigt das deutlich. Hardware war seinerzeit so leistungsfähig geworden, dass sie sich mit einfachen Programmen kaum noch auslasten ließ. Das weckte Begehrlichkeiten, auf einem Blech mehrere verschiedene, voneinander völlig unabhängige Workloads zu betreiben. Virtualisierung per se war zwar keine neue Erfindung, aber unter Linux erreichte sie auf Grundlage von Xen erstmals ein breites Publikum.
Als Xen scheiterte, entstand aus der Dynamik der durch Linux massiv gestärkten Open-Source-Szene heraus KVM, das bis heute als wichtigster freier Hypervisor für Linux gilt. Parallel dazu entwickelte VMware ein Geschäftsmodell auf Basis kommerzieller Virtualisierung, dessen Kern von Anfang an Linux bildete. Dieser Teil der Industrie wäre ohne den Linux-Kernel also ebenso undenkbar gewesen, wiewohl die Meriten dafür nicht nur Linus Torvalds zustehen.
Dank Linux entstanden schließlich zahllose Open-Source-Projekte, ohne deren Existenz wiederum Linux selbst vermutlich nicht so erfolgreich hätte sein können. Dazu gehört beispielsweise Debian GNU/Linux (Abbildung 3), das nativ und in Form des Derivats Ubuntu weltweit auf zahllosen Servern läuft. Und selbst, wenn man es heute kaum noch erkennt: Red Hat war und ist tief in der Community verankert. Red Hat war es sogar, das in den 2000er-Jahren quasi ein neues Geschäftsmodell auf Linux-Basis entwarf, in dem die Open-Source-Szene eine wichtige Rolle spielte. Seither findet die maßgebliche Entwicklung in den Desktop-Distributionen der Anbieter statt, aus denen dann später die Pakete für den Enterprise-Bereich hervorgehen.

Abbildung 3: Debian GNU/Linux ist eine der ältesten Linux-Distributionen und bis heute keine Firma, sondern ein Projekt von Freiwilligen. Quelle: Wikipedia / Tomats
Von der Virtualisierung hin zur IT der Gegenwart ist es nicht mehr so weit wie von den Anfängen des Linux-Kernels bis zu dessen völliger Dominanz bei Servern. Dass man das Konzept der Virtualisierung irgendwann mit einem Pay-as-you-go-Konzept und Selbstbedienungsfähigkeiten kombinieren würde, lag auf der Hand, und nichts anderes steckt hinter Cloud Computing. Der Übergang von den klassischen para- oder vollvirtualisierten VMs der Vergangenheit hin zu den Containern und ihren Managern der Gegenwart (Kubernetes) entspricht dann schon fast nur noch einer technischen Nuance.
Erneut spielt Linux dabei eine maßgebliche Rolle: Kaum vorstellbar, dass sich Docker mit seinem Betriebs- und Verteilungsmodell für Software so flächendeckend hätte etablieren können, ließe sich die dafür benötigte Hardware nicht bis heute komfortabel mit Linux betreiben. Was dabei auffällt: Die im Linux-Kernel vorhandene Implementierung von Cgroups und Namespaces, quasi das Fundament für Container, gilt im Markt keinesfalls als die beste ihrer Art. Aber sie genügt, um im Alltag zu funktionieren – ein Mantra, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Linux-Geschichte zieht.
Cloud in Linux-Hand
Damit ist ebenfalls klar, dass es das moderne Cloud-Geschäft ohne Linux nicht gäbe. Gerade Amazon kommt dabei eine mehrfache Rolle zu: Erst gründete Jeff Bezos seinen Buchversand und nutzte dabei ganz selbstverständlich Linux-Server. Dann mutierte der Buchversand zum Universalverkäufer, ein Wachstum, das ohne Linux unmöglich gewesen wäre. Längst macht den größten Anteil am Amazon-Geschäft der IT-Dienstleistungssektor aus, vulgo: die Cloud. Und da setzen praktisch alle Linux ein, sowohl auf dem Host als auch in der virtuellen Instanz und sowohl in AWS als auch in Azure oder GCP.
Nahezu sämtliche Clouds auf diesem Planeten dürften auf Linux fußen. Ganz grundsätzlich wäre das Geschäftsmodell der meisten IT-Dienstleister der Gegenwart ohne Linux auch vor der Cloud schon undenkbar gewesen. Das liegt nicht ausschließlich an Linux selbst, sondern ebenso am Zoo von Werkzeugen und Bibliotheken, deren Existenz aus der Open-Source-Welt heraus Linux durch seine bloße Existenz ermöglicht hat: Linux war stets das System, auf dessen Grundlage Entwickler ohne hohen finanziellen Aufwand tätig werden konnten. Das umfasst weite Teile der heutigen GNU-Toolchain genauso wie die meisten Programmier- und Skriptsprachen. Selbst wenn diese bereits vor Linux existierten, haben Entwickler sie mithilfe des freien Kernels doch erheblich vorangetrieben.
Die Sache mit dem Desktop
Eine ganze Weile klaffte eine offene Wunde im Fleisch der Linux-Fans, nämlich der Desktop-Computer. So schnell Linux das Server-Segment auch eroberte, den klassischen Desktop konnte es nie wirklich für sich einnehmen. Bis heute dümpeln die Nutzerzahlen der Desktop-Anwender global selbst nach optimistischen Schätzungen irgendwo zwischen vier und fünf Prozent. Dahinter stecken komplexe Ursachen.
Anders als auf Servern haben Microsoft und Apple auf dem Desktop vor allem den Vorteil, dass ihre Systeme ab Werk zum Lieferumfang gehören. Für Linux müssen Nutzer sich bemühen, was vielen zu aufwendig ist. Praktisch einsetzen lässt sich Linux auf Basis einer der Desktop-Distributionen am Arbeitsplatz längst und glänzt dort durch Stabilität und kluges Nutzen vorhandener Ressourcen. Von einem “Jahr des Linux-Desktops”, das Kommentatoren immer wieder jetzt aber wirklich ganz bald kommen sehen, kann jedoch keine Rede sein.
Oder doch? Je nach Sichtweise liegen die Dinge etwas anders. Im Hinblick auf Smartphones hat Linux mindestens an deren Erfolgsgeschichte mitgeschrieben. Je stärker sich die Welt vernetzte, desto mehr wuchs das Bedürfnis der Menschen nach neuen Formen der Kommunikation und der sozialen Interaktion. Dass die vernetzte Welt dafür mobil werden musste, ist nur folgerichtig, und Linux spielt dabei eine erhebliche Rolle. Immerhin ist es der Kern von Android, jenem Betriebssystem, das heute mit Abstand den größten Marktanteil im Segment der Mobilgeräte hält.
Google-Manager, die mit der Entwicklung der ersten Android-Varianten als Gegengewicht zu iOS betraut waren, berichteten später, dass Linux als eine der wenigen Komponenten von Anfang an gesetzt gewesen sei. Zu aufwendig, mühsam und kompliziert wäre der Ansatz gewesen, ein mobiles Betriebssystem von Grund auf neu zu konstruieren. Apple hat das ebenfalls nicht gemacht, sondern iOS in weiten Teilen von MacOS hergeleitet. Im Prinzip trägt also die Mehrheit der Menschen weltweit ein Linux fast immer bei sich. Das, so unken manche, sei eigentlich der Erfolg von Linux auf dem Desktop.
So gut wie jeder Haushalt verfügt heute über eine Internet-Anbindung, auf den dafür genutzten Routern läuft regelmäßig Linux. Zentrale Server-Dienste bei Kommunikations- und Mobilfunkanbietern zum Betrieb ihrer Netze wären ohne Linux undenkbar. Dasselbe gilt für die Verwendung dieser Netze, um unterwegs mal schnell ein Foto auf Instagram hochzuladen oder ein Video auf Youtube zu stellen. Insofern wären Facebook, Instagram, Whatsapp und Youtube ohne Linux undenkbar, denn hier kommt Linux in jeder erdenklichen Form in der Entwicklung, der Erprobung und im produktiven Umfeld zum Einsatz. Wer eine Nachricht über Whatsapp oder Signal (Abbildung 4) verschickt, nutzt im Hintergrund Linux-Server. Ebendiese universale Einbindung des freien Betriebssystems ist Teil seiner Faszination und per se absolut erstaunlich.

Abbildung 4: Praktisch sämtliche digitalen Dienste der Gegenwart, wie hier Signal, wären ohne Linux im Hintergrund auf den Servern undenkbar. Quelle: Wikipedia / JeremyNguyenGCI
Was wird
Linux ist offensichtlich allgegenwärtig und ein so zentraler Teil der digitalen Infrastruktur, dass seine Bedeutung in den kommenden Jahren sicherlich nicht zurückgehen wird. Ganz im Gegenteil: Derzeit entstehen neue Vermarktungs-, Produkt- und Geschäftsmodelle, in denen Linux noch weiter ins Zentrum rückt als bisher. Das Internet of Things (Abbildung 5) liefert ein Beispiel dafür – schlaue Beleuchtungssysteme, WLAN-Waschmaschinen und vernetzte Kühlschränke, die selbstständig Essen nachbestellen, würden ohne den Linux-Kernel als Grundlage von eingebetteten Systemen kaum funktionieren.

Abbildung 5: Der Raspberry Pi nimmt eine zentrale Rolle im Internet of Things ein. Das IoT bringt Linux de facto in die meisten Haushalte – jedoch oft unbemerkt. Quelle: Raspberry Pi Inc.
Wer heute ein Bluetooth-Modul für den heimischen Waschvollautomaten kauft, erwirbt dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Mini-Linux-Computer: Die Unternehmen, die im Auftrag klassischer Haushaltsausrüster solche Software-Stacks entwickeln, setzen dabei vor allem auf das einstige Bastelprojekt von Linus Torvalds. Der nächste Milliardenmarkt ist also schon im Fokus.
Ähnliches gilt für Edge Computing oder das sich immer weiter verbreitende Thema der künstlichen Intelligenz. Machine-Learning-Modelle entwickeln die meisten Unternehmen heute zumindest mithilfe von Linux und dessen umfassender Toolchain. Leistungsstarke Server mit CPUs und GPUs, die im Kontext des maschinellen Lernens unverzichtbar sind, greifen ebenfalls meist auf Linux zurück. Der absurd teure Betrieb von ChatGPT wäre kaum zu realisieren, stünden dahinter nicht Linux-Server.
Vor diesem Hintergrund erscheint es erstaunlich, wie wenig der Durchschnittsanwender und die Gesellschaft Linux im Alltag wahrnehmen. Das freie Betriebssystem fungiert quasi als stiller Riese im Hintergrund. Zwangsläufig stellt sich die Frage, wie es weitergeht und was man erwarten darf.
Klar scheint, dass Linus Torvalds dem Projekt langfristig erhalten bleiben wird. Er agiert, und auch das ist durchaus bemerkenswert, bis heute als “Benevolent Dictator for Life” und trifft noch immer sämtliche Entscheidungen bei der Linux-Entwicklung. Um kein allzu offensichtlicher Single Point of Failure zu sein, hat er sich aber schon vor etlichen Jahren ein Team aus Vertrauensleuten zusammengestellt, die ihm zuarbeiten und die Linux-Entwicklung dadurch geräuschlos vonstattengehen lassen.
Weniger rosig sieht die Zukunft im Hinblick auf die Open-Source-Community aus. Der Kauf von Red Hat durch IBM etwa löste Stirnrunzeln aus: Wird IBM sich langfristig an die von Red Hat einst so offensiv vertretenen Ideale der freien Software halten, oder spielt hier irgendwann nur noch der schnelle Taler eine Rolle? Einige Aktionen, etwa das Anlegen der Axt an die einstige RHEL-Wurzel CentOS, legen diese Vermutung nahe. Das wäre zwar nicht das erste Mal, dass ein einstiger Zuarbeiter zum Linux-Kernel sein Commitment erheblich reduziert, aber sicherlich der größte Fall bis hierhin.
Zumindest in der Vergangenheit ist es der Linux-Community aber stets gelungen, etwaige Entwicklungsausfälle abzufangen. Gerade weil Linux von so zentraler Bedeutung für die gesamte Industrie ist, liegen die Vermutung und die Hoffnung nahe, dass das im Zweifelsfall auch erneut gelänge. Auch andere einstige Vorzeigeschüler der Linux-Klasse verändern sich, und nicht unbedingt zum Guten. Dass der deutsche Linux-Pionier Suse etwa mittlerweile zum Spielball der Investoren wurde und immer den Besitzer wechselt, ist in den Augen vieler Beobachter kein sonderlich gutes Zeichen. Auch hier würden aber andere Projekte wie die komplett freien Distributionen Debian oder Arch Linux womöglich einige Probleme im Nachgang abfangen.
30 Jahre Linux 1.0 präsentieren sich als absolut beeindruckende Geschichte: vom Bastelprojekt eines angehenden Informatikers hin zu einer beinahe völligen Dominanz auf dem Markt der digitalen Dienste der Gegenwart. Zugleich ist Linux aber bis heute eben auch Inspiration und eine Erinnerung daran, dass eine gute Idee gerade in ihren Anfangsjahren nicht unbedingt den Applaus ihres Umfelds braucht, um sich letztlich als genialer Einfall herauszustellen.
Ein Hoch auf Linus
Dass Linus Torvalds als Urheber einer der größten Ideen der Menschheitsgeschichte an seiner Schöpfung noch möglichst lange Freude hat, bleibt ihm nur zu wünschen. Das gilt umso mehr, als er es sogar noch ein zweites Mal geschafft hat, die digitale Welt zumindest teilweise auf den Kopf zu stellen, indem er Git erfand. Viele wissen heute gar nicht mehr, dass es ursprünglich auf Torvalds zurückgeht. Dabei ist die Geschichte so einfach wie genial: Torvalds nutzte bis 2002 schlicht gar kein Versionsverwaltungssystem, um die stetig wachsenden Quellen von Linux zu handhaben.
Aus der Not heraus entschied er sich für Bitkeeper, um nachträglich zu versionieren. Allerdings stand die Software unter einer proprietären Lizenz und löste heftigste Proteste gerade bei den Altvorderen der Open-Source-Bewegung aus. Eine Weile lang ignorierte Torvalds das. Als Bitkeeper aber die kostenlose Lizenz stornierte, die man Linux-Entwicklern bis dahin eingeräumt hatte, weil einer davon begonnen hatte, an einer eigenen Alternative zu Bitkeeper zu arbeiten, platzte Torvalds der Kragen. Binnen weniger Tage schrieb er die erste Version von Git. Der Rest ist einmal mehr Geschichte, in etwa so wie Bitkeeper, das in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist.
Ein weiterer Treppenwitz der Geschichte ist dabei, dass Github, die weltweit größte Plattform für Git-Verzeichnisse, mittlerweile Microsoft gehört. Dort hat man übrigens spätestens seit der Übernahme des Chefsessels durch Satya Nadella jede Scheu vor Linux verloren. Längst entwickelt man in Redmond eine eigene Linux-Distribution für Azure. Und wer Linux auf dem Desktop will, installiert sich WSL, das Windows Subsystem for Linux. Linux ist und bleibt eben wirklich überall. (jcb/csi)
Infos
- ZDNet-Statistik zu Linux auf Servern: https://www.zdnet.com/home-and-office/networking/can-the-internet-exist-without-linux/





