Nun geht auch Hashicorp mit Flaggschiffen wie Terraform und Vagrant von der Fahne und wechselt von einer Open-Source- zu einer unfreien Lizenz. Ist das fair? Gar unumgänglich? Nähert sich damit das Ende von Open Source?
Das Gleichgewicht des seligen Gebens und Nehmens in der Open-Source-Welt hatte von Anfang an keine wirtschaftliche Basis. Selbst wenn ein Entwickler seinen Code allen umsonst zur Verfügung stellte und im Gegenzug von allen profitieren würde, die Verbesserungen beitragen: Von irgendetwas muss er oder die Firma, die ihn bezahlt, leben. Oft soll ihm sein Produkt den Unterhalt sichern, und dann ist es meist nicht die beste Lösung, es zu verschenken. Stattdessen sollen es sogenannte Open-Source-Geschäftsmodelle ermöglichen, von einem Open-Source-Projekt zu leben. Dazu kombinieren sie beispielsweise freie Core-Versionen mit bezahlten Enterprise-Features (Dual Licensing) oder kostenfreie Software mit kostenpflichtigem Support und Schulungen. Das hat eine ganze Weile lang leidlich funktioniert – dann kam die Cloud.
Die Cloud erlaubte es, dass ein Provider sich einige begehrte Open-Source-Programme kostenlos herauspicken und sie anschließend als Services seiner Wolke teuer verkaufen konnte, etwa eine freie Datenbank als Service in einer Public Cloud. Für die Kunden des Providers kann das attraktiv sein: Sie haben mit Installation, Wartung oder Skalierung nichts mehr zu tun, zudem können sie von der engen Verzahnung mit anderen Cloud-Diensten profitieren. Für den Datenbankhersteller ergeben sich aber fast nur Nachteile: Durch den Cloud-Provider erwächst ihm eine starke Konkurrenz, die seinen Umsatz schmälert. Außerdem kommt der Provider schon deshalb viel billiger davon, weil er nichts zur Entwicklung und Pflege des Produkts beiträgt. Er kann beliebig viele Interessenten bedienen, hat aber kaum Kosten. Für den Entwickler stellt sie sich plötzlich wieder, die Existenzfrage.
Tatsächlich war es ein Datenbankhersteller, MariaDB, der 2016 als erster einen Ausweg fand: die Business Source License. Sie erlaubt zunächst ganz ähnlich wie eine Open-Source-Lizenz die Einsicht in den Quellcode, dessen Anpassung und Weitergabe sowie die unbeschränkte Nutzung der Software – aber nur für den nicht kommerziellen Bereich. Für die gewerbliche Nutzung schränkt sie diese Rechte für ein paar Jahre ein, danach tritt automatisch eine reine Open-Source-Lizenz an ihre Stelle. Wer die Software in den ersten Jahren nach Lizenzierung für eigene Zwecke in einer produktiven Umgebung nutzen will, muss dafür zahlen. Diesem Modell haben sich inzwischen etliche bekannte Hersteller angeschlossen, darunter CockroachDB, Couchbase, Sentry oder erst vor Kurzem Hashicorp, der Produzent von Terraform, Consul und Vagrant.
Dieser Schritt erlaubt den Entwicklern, eine Zeitlang ihr Produkt zu monetarisieren und damit zu überleben. Allerdings gibt es auch Bedenken: Die Open-Source-Definition schließt eine Nutzungseinschränkung für bestimmte Bereiche explizit aus. Hintergeht Hashicorp seine Anwender und Entwickler, wenn es den Open-Source-Status aufgibt? Sind die Investoren die Wurzel des Übels? Sollte man das Projekt zur Strafe forken und einer Stiftung übergeben? Das ist inzwischen geschehen: Die Linux Foundation hat den Fork adoptiert und damit Stellung bezogen. Open-Source-Ikone Bruce Perens sieht es hingegen so: “Im Allgemeinen befürworte ich Systeme, die es Menschen ermöglichen, mit der Erstellung von Open Source Geld zu verdienen, selbst wenn der Preis dafür ist, dass die Software für einige Zeit nicht unter einer vollständigen Open-Source-Lizenz verfügbar ist. Open Source zu machen sollte nicht bedeuten, dass man ein Büßerhemd trägt und von Almosen lebt, während die Nutzer des eigenen Produkts, oft die größten Unternehmen der Wall Street, die Knete einstecken.” So spricht ein kluger Pragmatiker.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur






