Aus Linux-Magazin 04/2023

Editorial 04/2023

© Computec Media GmbH

ChatGPT ist in aller Munde und wird wegen seiner tatsächlich beeindruckenden Fähigkeiten gefeiert. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass der Chatbot in mancherlei Hinsicht eingeschränkt ist: Er hat von sich aus nichts zu sagen, weiß nicht, wovon er redet, hat keine Ideen, ist nie aktuell und lernt kaum mehr dazu.

Nerds überschlagen sich mit ihren Lobgesängen: Die Technik werde unsere Zukunft bestimmen, postulieren sie. Wer immer beruflich texte, sei damit so gut wie arbeitslos. Berichte über die tatsächlich erstaunlichen Fähigkeiten des mit riesigen Textmengen trainierten Sprachmodells von OpenAI begegnen einem dieser Tage auf Schritt und Tritt. Alles haben die Tester dem ChatGPT schon zu entlocken versucht: Gedichte, Witze, Schulaufsätze, Codeschnipsel, Antworten auf Alltagsfragen, Anleitungen zum Bombenbau (die der Bot ausfiltert) und so weiter. Eines aber fällt auf: Chatbot redet nur, wenn man ihn fragt. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern aus Unvermögen, auf sich allein gestellt auch nur den banalsten Gedanken zu fassen.

“Man kann nicht nicht kommunizieren”, so lautet ein viel zitiertes Bonmot des österreichischen Philosophen und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Und wie so häufig ist gerade das, was Menschen schwerfällt, eine Stärke des Computers: Der muss nicht üben – nicht zu kommunizieren ist seine Natur. Denn Kommunikation – welches Modell man auch immer wählen mag – setzt stets die Absicht voraus, etwas mitzuteilen.

Im einfachsten Fall erreicht ein Sender den Empfänger, indem er eine Nachricht kodiert und über einen Kanal verschickt: Der Restaurantgast (Sender) fasst seine Bestellung (Nachricht) in Sätze einer Sprache (Kodierung) und überträgt sie (durch das gesprochene Wort) an den Kellner (Empfänger), der sie wieder dekodiert. Das ist eher technisch und mechanistisch betrachtet, aber selbst da muss der Gast wissen, was er essen will. Es braucht also den Willen, etwas mitzuteilen.

Den aber haben Computer nicht. Sie mögen geschliffen reden können, aber sie wollen nichts sagen. Schaut man auf eher psychologisch angelegte Kommunikationsmodelle wie das des schon zitierten Paul Watzlawick, wird das Defizit noch deutlicher: Ihm zufolge hat Kommunikation immer einen Beziehungsaspekt, der neben der Sachinformation das Verhältnis der Gesprächspartner ausdrückt. Computer aber können keine Beziehungen haben. Mit anderen Worten: Sie kommunizieren nicht.

Was aber tun sie dann? Sie imitieren Kommunikation. Aus Abermilliarden von Beispielen können sie Sätze kombinieren, wie sie Menschen formulieren würden. Menschen wollen damit etwas aussagen. Der Computer produziert aber nur etwas, das einem Muster entspricht, das für ihn keine Bedeutung hat. Das kann frappierend echt wirken, und ChatGPT ist darin ein Meister. Dennoch ist es immer nur der schöne Schein: Den berühmten Turing-Test würde ChatGPT nicht bestehen und weiß das selbst.

Der Bot ist nicht intelligent und höchstens begrenzt lernfähig. Was seine Trainingsdaten nicht enthielten oder was nach der Lernphase geschah, das weiß er nicht und kann es sich selbst aus anderen Quellen nicht erschließen. Eigene Wünsche, Ideen, Ziele oder Gedanken kann ChatGPT als Software zudem nicht haben. Das ist ganz ähnlich wie beim algorithmischen Komponieren: Man kann einem Rechner beibringen, welche Kadenzen harmonisch klingen, man kann ihn darauf trainieren, Regeln der Stimmführung einzuhalten oder Rhythmen zu variieren. Herauskommen wird aber nicht viel mehr als gefällig klingendes Gedudel, allerhöchstens Fahrstuhlmusik: Die Absicht, Emotionen in Töne zu fassen, ist einem Rechner vollkommen fremd und unbegreiflich.

Wie sehr müssen gerade wir Journalisten uns davor fürchten, dass uns ein Chatbot den Job klaut? Das kommt darauf an: “Kreisklasse, Traktor Weichertshain gegen Lok Pollwitz, 5:2, Doppeltorschütze Müller (Weichertshain), 68. Minute rote Karte gegen Meier (Pollwitz), danach Traktor drückend überlegen” – daraus macht eine KI problemlos einen zweispaltigen 15-Zeilen-Spielbericht mit 24-Punkt-Überschrift. ChatGPT saugt sich dafür beherzt Ereignisse und Namen aus den Fingern, um die Zeilen weisungsgemäß zu füllen. Was Dichtung und was Wahrheit ist, bleibt unkenntlich.

Auch Werbeslogans, Groschenhefte, Schulaufsätze, Klappen- und Schlagertexte, Codeschnipsel und dergleichen mehr kann ChatGPT verfassen, wenn es sein muss selbst ein gereimtes Rezept für Erbseneintopf im Stil von Rilke. Vielleicht wäre es sogar die bessere Suchmaschine, wenn es wüsste, woher es etwas weiß. Aber eine eigene Meinung oder einen Glauben an irgendwas kann ChatGPT nicht haben: “Ich bin ein Computerprogramm und habe keine Gedanken.”

Sich nach Überlegung für einen Standpunkt entscheiden, ein eigenes Ziel verfolgen, mitfühlen, neugierig sein, eine Idee ohne Vorgabe entwickeln, unaufgefordert die Initiative ergreifen, selbstständig nach aktuellen Informationen suchen – so etwas kann eine KI nicht und wird es wahrscheinlich auch niemals können.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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Roland Degelmann
3 Jahre her

ChatGPT und die Frage “Was ist Intelligenz?”Vorweg: Ich halte ChatGPT für ein hoch leistungsfähiges, technisch aktuelles und für bestimmte Aufgaben sinnvoll nutzbares Werkzeug mit großen Entwicklungspotentialen. ChatGPT hat wie jedes Werkzeug aber auch Grenzen und setzt einen Nutzer voraus, der die Zielrichtung und Anwendung eines solchen Werkzeuges kennt und beherrscht. Ich nutze dieses Werkzeug, würde aber nie ungesehen meinen Namen unter dessen Output setzen. Und Angst, dass ich durch dieses Werkzeug arbeitslos werde, habe ich auch nicht. In diesem Sinne kann man dem Editorial nur vollumfänglich zustimmen. Danke für diese deutliche Positionierung, die das aktuelle Hype-Gerede ins rechte Licht rückt.… Mehr »

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