Aus Linux-Magazin 03/2023

Warum Open-Source generell nachhaltig ist

© elenamer / 123RF.com

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Unternehmen schreiben dazu Berichte und richten eigene Bereiche zum Thema auf ihren Webseiten ein. Politik und Zivilgesellschaft rufen Nachhaltigkeitspreise aus. So weit, so gut – oder?

Die meisten Menschen verstehen heute die zwingende Notwendigkeit, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten und damit die Menschheit wie den Planeten zu retten. Freilich erwartet man von Politik und Wirtschaft die großen Hebel, die eine sozioökologische Transformation ermöglichen. Viele haben sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, die Themen unserer Zeit. Auf den ersten Blick sind die beiden allerdings kein harmonisches Pärchen.

Laut einer im Februar 2022 erschienenen Bitkom-Studie verbrauchen deutsche Rechenzentren rund 16 Milliarden kWh jährlich [1]. Digitalisierung verlangt eben nach mehr Energie. Zunächst ist das kein Problem, denn Bund und Wirtschaft haben längst erkannt, dass in eben jenen digitalen Technologien erhebliches Einsparpotenzial liegt. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) klärt zum Beispiel darüber auf, was es mit der Green-IT-Initiative des Bundes [2] auf sich hat.

Wald und Bäume

Abseits der Technik gerät der Faktor Mensch oft aus dem Blickfeld. Anders formuliert: Wer denkt bei Nachhaltigkeit wirklich an den sozialen Aspekt? Immerhin dürfen wir uns getrost darauf verlassen, dass Klima- und Umweltschutz im Inhalt stecken, wo Nachhaltigkeit auf dem Cover steht. Geben Sie bei der Google-Bildersuche oder Ecosia als Suchwort “Nachhaltigkeit” ein, wird Ihnen ganz grün vor Augen: grüne Weltkugeln, grüne Städte, grüne Symbole – und unzählige Bäume. “Mein Freund, der Baum” sei womöglich ein deutsches Phänomen, könnte man meinen, doch für “Sustainability” sieht es genauso aus. Da wächst und gedeiht ebenfalls alles in der nachhaltigen Welt – oder ist es die Welt der Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit steht also assoziativ synonym für Ökologie – in gewisser Weise nachvollziehbar. Doch die Definition greift zu kurz. Dr. Marcus M. Dapp von der ETH Zürich beschreibt, wie mit Nachhaltigkeit im Informationskontext umzugehen ist: “Digitale Ressourcen werden nachhaltig verwendet, wenn ihr Nutzen für die Gesellschaft maximiert wird, sodass digitale Bedürfnisse heutiger wie künftiger Generationen gleichermaßen erfüllt sind. Digitale Bedürfnisse werden optimal erfüllt, wenn die Ressourcen offen sind, das heißt der größtmöglichen Anzahl zugänglich und frei von technischen und rechtlichen Restriktionen wiederverwendbar. Zu digitalen Ressourcen zählen Formate/Protokolle, Softwareprogramme, Daten und Inhalte.” [3] Angenommen, es gelingt, all das umzusetzen, fragt sich immer noch, was mit unserem Zusammenleben passiert?

Eine reine Bestandsaufnahme der heutigen Welt hilft nicht. Letztlich entscheidet die Vorstellungskraft über eine erstrebenswerte Vision des Zusammenlebens. Im Zeitalter der Digitalisierung sollte das leichter fallen denn je. Wir haben gelernt, dass es möglich ist, mit dem Finger über eine glatte Oberfläche zu wischen und gedanklich unmittelbar in eine völlig andere Welt einzutauchen. Wir haben gelernt, dass Arbeits-, Kommunikations-, Bestell-, Produktions-, Buchungs-, Koordinations- oder schlicht Informationswege kurz sein können. Wir müssen nicht mehr abhängig sein von Zeit und Raum.

Die Konstanten, um die wir unsere konventionelle Realität herumgebaut haben, gelten mit der Digitalisierung nicht mehr. Das ist eine Chance, die – je nach historischer Betrachtungsweise – bereits vor etwa 50 Jahren einige deutlich anders denkende Menschen erkannten. Dem Programmieren von Komponenten einer digitalen Vernetzung ging eine Vision voraus, in der jeder Mensch sich potenziell als mündiger Teil des Netzwerks wähnt und an der virtuellen Welt mitarbeitet. Das ist der Kerngedanke von Open Source.

Der Kapitalismus der physischen Welt sollte in der Open-Source-Welt ausgedient haben. Vielmehr konzentrierte man sich auf ein Gemeingut der Vernetzung unserer Gedanken und die daraus folgenden Handlungen. Freilich war immer klar, dass sich die Effekte im Physischen zeigen würden, aber man wollte einen von Zeit und Ort losgelösten Weg der Kommunikation eröffnen. Die Verbindung zwischen Menschen sollte sich verbessern, indem sie frei von Sachzwängen stattfindet, ob in der persönlichen Kommunikation oder im Informationsaustausch. Menschen und Systeme sollten die Möglichkeit erhalten, Daten, Informationen oder aufbereitetes Wissen zu akkumulieren – sei es durch Sensorik oder das Anstoßen dynamischer Prozesse. Antrieb war nicht primär der Effizienzgewinn, wie später besonders in der Wirtschaft verbreitet. Es ging darum, Dinge in stetigem Wissensaustausch und Zusammenarbeit nachhaltig kontinuierlich zu optimieren.

Digitalisierung eröffnet die Möglichkeit, Daten, Informationen oder aufbereitetes Wissen zu akkumulieren. Quelle: Daniil Peshkov / 123RF.com

Digitalisierung eröffnet die Möglichkeit, Daten, Informationen oder aufbereitetes Wissen zu akkumulieren. Quelle: Daniil Peshkov / 123RF.com

Code wurde geschrieben. Programmiersprachen wurden erweitert und erneuert. Software wurde gebaut und Komponenten herangezogen, um bessere Programme, Datenbanken oder Webseiten zu entwerfen. Sicherheitslücken wurden gemeinsam identifiziert und behoben. Mit veröffentlichten Quellcodes entstand eine Transparenz, die zum Erweitern einlud und potenziell immer Qualitätssteigerungen der Entwicklungen barg. Freilich nahmen die Open-Source-Pioniere in Kauf, damit die eigene Arbeit zur Disposition zu stellen. Die ursprüngliche Vision sah aber keinen Pranger vor, sondern postulierte wohlwollende, sachorientierte Interaktionen im Netz.

Auf nach Utopia

Die digitalisierte Vernetzung war also das Bauen an einer Utopie, die sich virtuell ereignen sollte, aber physisch auswirken würde. Die Frage, was von der Grundidee der Open-Source-Bewegung heute übrig bleibt, ist erlaubt und geboten. Proprietäre Lock-in-Software begrenzte die angestrebte Interoperabilität, und obwohl viele Produkte auf Open-Source-Komponenten fußen, kommt es häufig vor, dass Open-Source-Entwickler mitsamt ihrer Ideen im Schatten gut durchfinanzierter kommerzieller und damit proprietärer Angebote verschwinden.

Der Langzeiteffekt dieser kulturellen Disparität ist, dass Code sich zu einem Machtfaktor entwickelt hat, gespeist durch die Nutzer und Nutzerinnen. Hohe Benutzerzahlen definieren den Erfolg von Software, da sie die Menschen kulturell binden. Das gelingt den Anbietern proprietärer Digitalprodukte besser als der Open-Source-Community, weil der Mensch im Informationszeitalter schnell und bequem zu einer Funktion gelangen möchte.

Digitalisierung ist zum Modebegriff in Wirtschaft und Politik geworden. Sie hat nur noch wenig mit dem ursprünglichen Netzwerkgedanken gemein. In der liberalen Marktwirtschaft zählen zwei Erfolgsfaktoren: Ein (digitales) Produkt soll den eigenen Profit oder die Rendite steigern und Zeit, Personal, Material oder Opportunitätskosten einsparen. Den Profit vergrößern Softwareanwendungen, deren Geschäftsmodelle darin bestehen, aus großen Datenmengen Erkenntnisse abzuleiten, die den Kunden – und eben nicht immer den Usern – nützen.

Werbetreibende etwa identifizieren so, wer sich wann für welches Produkt entscheiden könnte und wie sich ihm oder ihr dann ein bestimmtes Produkt zutragen lässt. Was zunächst simpel klingt, ist ein gigantisches Geschäftsmodell, angeführt von dem Oligopol um den Google-Konzern Alphabet, Facebook, Apple, Microsoft, Netflix, Amazon und Co. sowie deren Äquivalenten auf russischer (Yandex, OK etc.) und chinesischer Seite (Baidu, Alibaba, Tencent, WeChat etc.).

Kinder der Revolution

Das Marktvolumen des datengetriebenen Marketings kurbelt weitere Wirtschaftszweige an. Interessanterweise geht dem monetären Erfolg des Marketings ein kulturelles Paradigma voraus, das wiederum durch eine technische Entwicklung entstanden ist. Der globale Hang zur Selbstdarstellung und -optimierung schafft immense Geschäftsmöglichkeiten und weckt ökonomische Begehrlichkeiten. Letztere ziehen mächtige Investoren an, und so verstärken sich die Dynamiken selbst.

Wo kapitalorientiertes Begehren ohne Regulativ wächst, wird gemeinwohlorientierte Kultur überrollt. Die Tragik liegt darin, dass riesige Mehrheiten das tragen. Usability stellt jedwede Anstrengung in den Schatten, Digitalisierung nachhaltiger, sicherer, integrer, beständiger, durchdachter, menschenschutzorientierter, offener und verifizierbarer zu gestalten. Der Triumphzug der Verlockung einer Kombination aus Glitzer (Design) und Barrierefreiheit (Intuition) scheint zu hypnotisieren.

Die beschriebene Verführung hat zwei große Gegner: Aufklärung und Transparenz. Hinter der Aufklärung verbirgt sich zunächst Bildung, dezidiert Medienkompetenz, die eigentlich Risikokompetenz meint. Man muss die Wirkmechanismen digitaler Anwendungen verstehen, um eigene Inputs steuern zu können. Zudem sollte der Anwender mündig darüber entscheiden können, welchen Risiken er sich und andere aussetzt, wo persönliche Entscheidungen greifen müssen und an welcher Stelle man strukturellen Schutz nicht sogar noch umgehen sollten.

Transparenz als die Voraussetzung dafür ist quasi eine Vorstufe der Aufklärung. Hier kann und muss die Open-Source-Bewegung die Deutungshoheit über die Kultur des Informationszeitalters zurückerobern. Die Utopie des digitalen Gemeinwohls basiert auf dem Grundvertrauen in die Freiheit und Mündigkeit Einzelner. Informierte Entscheidungen sind die nachhaltigsten. Zusammen mit der Kultur gegenseitiger Verantwortung dient die transparenzbasierte Entscheidung dem Gemeinwohl und nicht nur dem Selbst.

Das verdeutlicht die gewaltige Aufgabe digitaler Nachhaltigkeit: Open Source kämpft gegen das gut finanzierte Ziel, Egoismus und Selbstbezogenheit zu säen, um hohe Profite und Renditen zu generieren. Die Community kämpft mit äußerst geringem Funding, einer kleinen Zahl engagierter Mitstreiter und einer entschlossenen Minderheit informierter Digitalexperten gegen mächtige Akteure, denen schlicht nichts am Gemeinwohl liegt. Die Open-Source-Community schafft Transparenz in einem Bereich, den kaum jemand beachtet, der aber alle potenziell gefährdet. Am Ende sind das doch recht ungleiche Mittel.

Die Open-Source-Community kämpft mit geringem Funding und einer kleinen Zahl engagierter Mitstreiter gegen mächtige Akteure. Quelle: scyther5 / 123RF.com

Die Open-Source-Community kämpft mit geringem Funding und einer kleinen Zahl engagierter Mitstreiter gegen mächtige Akteure. Quelle: scyther5 / 123RF.com

Indes verkörpern die Grundsätze der Transparenz und Kollaboration die demokratischsten aller Herangehensweisen an die Digitalisierung. Mit dem Begriff Demokratie verbinden viele Menschen Rechte; tatsächlich verbergen sich dahinter aber meist auch Pflichten. Sich von der eigenen Gier und Bequemlichkeit leiten zu lassen, bedeutet aus politikethischer Sicht nichts anderes als persönliches Arrangement mit einer Diktatur. Eckt man nicht an, mag man durchaus lange in der persönlichen Komfortzone verweilen können. Der Preis dafür sind die eigene Freiheit und Selbstbestimmung sowie die Möglichkeit, selbst Entscheidungen zu Autonomie zu treffen.

Die schlechte Nachricht lautet: Die kulturellen Trends privatwirtschaftlicher und oft politikgestützter Interessen erschöpfen sich nicht im Phänomen der digitalen Verführung. Zusammen mit der Selbstpromotion auf sozialen Medien steht gegenwärtig paradigmatisch eine weitere Bastion gesellschaftlicher Solidarität auf dem Prüfstand: Versicherungen finden ihren volkswirtschaftlichen Nutzen darin, Risiken aufzufangen und Menschen abzusichern. Das gehört zu den Aspekten von Sicherheit und soll persönliche Unversehrtheit garantieren. Am unmittelbarsten findet man das in der Krankenversicherung, aber auch die Risikoabfederung möglicher Schäden an Wohnung und Besitz oder Haftungsschäden bei selbst verursachten Schädigungen Dritter und ihrer Besitztümer sichert Existenzgrundlagen, mithin die eigene finanzielle Potenz.

Daran zeigt sich, wie Digitalisierung, Profitsteigerung und Effizienzgewinn zusammenkommen: Das Geschäftsmodell der Versicherer im Paradigma der sozialliberalen, von Für- und Vorsorge geleiteten Marktwirtschaft war eine Mischkalkulation in einem Solidarsystem. Wer viel besitzt, zahlt unabhängig von der Inanspruchnahme viel zugunsten derer, die wenig besitzen. Mit der Digitalisierung haben Versicherer die Möglichkeit und die Mittel, das Solidarsystem umzukehren. Fürsorge und Vorsorge verdichten sich aufs Individuum. Es soll sich solidarisch verhalten, indem es Sport treibt, auf die Gesundheit achtet und so weiter. Handelt eine Person zuwider, gilt das als fahrlässig, und sie wird im Risiko für das vermeintliche Solidarsystem hochgestuft. Das dient nur der Optimierung des Risikomanagements der Versicherer.

Ein anderes Beispiel bieten Kaskoversicherungen. Die Zahl der digitalen Kontrollpunkte am Auto, die Fahrverhalten oder Gewohnheiten messen, nimmt stetig zu. Aus den Messergebnissen leitet sich die Risikoklassifizierung der Versicherer ab. Dahinter steckt eine umfassende Überwachung des Menschen, die das vermeintlich autonome Verhalten reguliert: “Gute” Entscheidungen werden belohnt, “schlechte” bestraft.

Fazit: Die Richtung weisen

Wir stehen derzeit eindeutig an einem kulturellen Scheideweg, den zwei höchst ungleiche Gegner beschreiten. In der einen Richtung stehen durchstrukturierte, finanzoptimierte Wirtschaftsinteressen mit guten Kontakten in die Politik. In der anderen steht die gemeinwohlorientierte digitale Zivilgesellschaft mit Zielen der Sicherheit für den Erhalt der persönlichen Selbstbestimmung. Das alles klingt nicht sehr ermutigend. Aber es geht um nichts Geringeres als um die Verteilung von Macht – für Menschen heute, wichtiger aber noch für die zukünftigen Generationen.

Die Open-Source-Community wirkt seit ihrer Entstehung auf Nachhaltigkeit in der Digitalisierung hin: Transparenz und Kollaboration jenseits von Gewinnerzielung stellt den Menschen im Kontext des sozialen Gefüges in den Mittelpunkt aller Digitalisierungsbestrebungen. Digitalisierung muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Die Open-Source-Community muss sich fragen: Wie gewinnt man die Herzen und die Einsicht der Menschen, um die Forderung gesamtgesellschaftlich geltend machen zu können und Freiheit und Mündigkeit für künftige Generation zu erhalten? (csi)

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 3 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben