Aus Linux-Magazin 02/2023

Editorial 02/23

© Computec Media GmbH

Ersatzteillieferpflichten und Updates für längere Zeit, Akkutausch durch Anwender – mit diesen und anderen Maßnahmen will die EU-Kommission das Leben vieler Handys deutlich verlängern und Berge von Elektroschrott reduzieren.

Inzwischen ist es fast ein Kinderspiel: Ein passendes USB-Kabel, ein kleines Software-Tool und eine knappe Dreiviertelstunde Zeit, und alle Apps meines alten Smartphones wanderten klaglos auf das neue Modell. Klar, ein paar Problemchen gibt es immer: etwa Apps, die sich an die alte Hardware klammern, damit niemand eine Einfachlizenz mehrmals nutzen kann oder bei denen lokale Daten nicht mitkopiert werden, die mit der neueren Android-Version nicht mehr klarkommen oder die eine erneute Authentifizierung einfordern. Aber das sind eher Marginalien – im Großen und Ganzen trübt das die Vorfreude nur wenig.

Doch halt, ein paar Wermutstropfen gibt es: Da ist zum einen der spaßmindernde Gedanke an den Preis, zum anderen ein Anflug von schlechtem Gewissen angesichts einer Million Tonnen Elektroschrott im Jahr (gezählt vom Umweltbundesamt für 2019). Das Vorgängermodell war noch keine vier Jahre alt. Klar, der vom Anwender nicht austauschbare Akku hatte seinen Zenit überschritten, ein Update auf die neueste Android-Version 13 (geschweige denn die Nachfolger) würde es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben. Inzwischen waren auch bessere Kameras und Displays auf dem Markt. Deswegen verrenten die meisten ihr Handy übrigens bereits nach zweieinhalb Jahren. Aber hätte man es nicht doch noch eine Weile aushalten können?

Neue Richtlinien der EU-Kommission sollen diese Entscheidung künftig erleichtern. Da ist zunächst die gern als Öko-Plus gepriesene Normierung der Ladebuchse auf USB-C und der damit einhergehende Verzicht auf das zuvor jedem neuen Handy beigelegte Netzteil. In Wahrheit ist das allerdings eher eine Anti-Apple-Kampagne, denn so gut wie alle anderen Hersteller hatten sich längst freiwillig darauf verständigt. Nur Apple verteidigte verbissen seine proprietäre Lösung mit fadenscheinigen Argumenten. Jetzt droht dasselbe Spiel beim drahtlosen Laden: Zwar gibt es mit dem QI-Protokoll auch dafür einen herstellerübergreifenden Standard, der aber bislang nur längst überholte 15 Watt normiert. Das lässt viel Raum für proprietäre Ladeschalen mit 50 Watt und mehr.

Wesentlich nachhaltigere Eingriffe drohen den Smartphone-Herstellern allerdings mit den neuen Ökodesign-Regeln und einem Energieeffizienz-Label – beidem haben die EU-Mitgliedstaaten bereits zugestimmt. Hier gibt es ein paar handfeste Vorgaben: So sollen die Hersteller noch fünf Jahre nach dem Verkauf des letzten Handys einer Modellreihe Ersatzteile wie Akkus, Displays oder Kameras bereitstellen müssen. Reparaturanleitungen müssen kostenlos sieben Jahre lang greifbar sein. Updates des Betriebssystems sollen noch mindestens für drei Jahre und Sicherheitsaktualisierungen des Betriebssystems für fünf Jahre nach Verkaufsende angeboten werden. Nutzer müssen den Akku selbst austauschen können, es sei denn, er hält mindestens 1000 Ladezyklen und das Gerät ist entsprechend der IP67-Norm wasserdicht. Doch selbst in diesem Spezialfall muss der Akku für professionelle Reparateure auswechselbar bleiben. Ein Energie-Label für Handys und Tablets soll ab 2024 unter anderem anzeigen, wie energieeffizient und widerstandsfähig ein Gerät ist und wie gut man es reparieren kann. Für die Haltbarkeitsnote A muss das Gerät zum Beispiel mehr als 300 Stürze aus einem Meter Höhe überleben, für E noch immerhin 100.

Das geht manchem noch nicht weit genug. Beispielsweise gilt die Ersatzteillieferpflicht nur für professionelle Reparaturbetriebe, nicht aber etwa für das Repair-Café nebenan. Sieben Jahre Reparaturanleitungen sind sinnlos, wenn es nach fünf Jahren keine Updates mehr gibt, und dergleichen mehr. Immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Wer demnächst ein Handy kauft, das den neuen Regeln genügt, der entscheidet sich nach drei Jahren dann vielleicht doch lieber für einen einfachen Akkutausch zur Halbzeit statt für den teuren Neukauf und hilft so, Hunderte Tonnen Elektromüll einzusparen.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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