Betrügereien mit Kryptowährungen sind ein Milliardengeschäft. Um es auszutrocknen, bedarf es europaweiter Regulatorien, selbst wenn die manchen Innovatoren hinderlich erscheinen.
“Das sind die heimlichen Gewinner der Kryptowährungen! Sichern Sie sich den Gratis-Sonderreport! Die Revolution des Internets ist im Gange – und Sie können profitieren! Diese drei Kryptoinvestments bieten gigantisches Gewinnpotenzial!” Mit solchen und ähnlich reißerischen Slogans locken windige Anbieter vielerorts ein unbedarftes Publikum – Leute, die sich gern selbst als hippes Investmentgenie sehen würden, das – in der Welt der Reichen und Schönen zu Hause – mit ein paar lässigen Tricks Millionen verdient. Aktien sind voll Neunziger. Wer heute auf einer Party die Umstehenden erblassen lassen will, muss mit wissender Miene etwas von Blockchain, Kryptos und Decentralized Finance, besser DeFi, raunen.
Allein, den großen Reibach machen am Ende doch andere: Nicht der Möchtegern-Finanzjongleur, sondern die gewöhnlichen Kriminellen, die heute mit Bitcoin & Co. operieren wie früher mit Dietrich und Kuhfuß. Eine Untersuchung der amerikanischen Federal Trade Commission hat das jüngst belegt. Danach wurden vier von zehn US-Dollar, die durch Betrug auf Social-Media-Plattformen (vor allem Instagram und Facebook) verlorengingen, in einer Kryptowährung bezahlt – mehr als mit jeder anderen Zahlungsart. Allein seit Anfang 2021 wurden mehr als 46 000 Kryptobetrugsfälle registriert, mit einer Schadenssumme jenseits der Milliardengrenze. Die gemeldeten Verluste liegen damit 60 Mal höher als noch 2018. Gut 70 Prozent davon entfielen auf Bitcoin.
In den meisten Fällen ging es dabei um Anlagebetrug. 575 Millionen US-Dollar heimsten Hochstapler ein, die behaupteten, sie könnten schnell und einfach riesige Renditen für die Anleger erzielen. Hier treffen fehlendes Verständnis für Kryptowährungen, mangelnde Erfahrung und überbordende Versprechen aufeinander. Am Ende steht oft der Totalausfall. Auf Platz zwei rangieren sogenannte Romance Scams, häufig garniert mit einem Investment-Twist. Zunächst versuchen die Keyboard-Casanovas ihre Opfer mit Eloquenz und vorgeblichem Reichtum zu beeindrucken. Schon bald bieten sie beiläufig Tipps für den Einstieg in Kryptoinvestitionen und Hilfe bei der Geldanlage an. Insgesamt beläuft sich der Schaden durch derartige Betrügereien auf 185 Millionen US-Dollar seit 2021, durchschnittlich 10 000 US-Dollar pro Fall.
An dritter Stelle stehen mit einem Verlust von 133 Millionen US-Dollar Fälle, in denen sich die Betrüger als Unternehmen, Banken oder Behörden ausgeben. So mimten die Betrüger in einem Fall Grenzschutzbeamte, die behaupteten, das Konto des Opfers würde im Zuge von Drogenermittlungen eingefroren. Die einzige Möglichkeit, das Vermögen zu retten, bestünde darin, es in Kryptowährungen anzulegen. Das Opfer soll Bargeld abheben und es in einen Krypto-Geldautomaten einzahlen. Der “Agent” schickt dann einen QR-Code und sagt, dass man den vor die Kamera des Geldautomaten halten soll. In diesen QR-Code ist jedoch die Adresse der Brieftasche des Betrügers eingebettet. Sobald die Maschine ihn scannt, ist das Bargeld weg.
Klar: Dafür kann Bitcoin nichts. Und wahr ist auch, dass die Idee eines Finanzsystems, das ganz ohne die Vermittlung von Banken auskommt und unabhängig von Staaten ist, zu faszinieren vermag. Allerdings haben fast alle Vorteile hier auch eine Kehrseite. So fällt mit den Banken nicht nur ein Vermittler weg, der mitverdienen will, sondern auch eine Kontrollinstanz, die verdächtige Transaktionen erkennen und unterbinden kann. Das wiederum macht Kryptowährungen besonders attraktiv für Spekulanten, Geldwäscher und Betrüger aller Art. Deshalb darf es hier keine unregulierte Parallelwelt geben. Nötig ist stattdessen ein rechtlicher Rahmen, wie der, auf den sich der Ratsvorsitz und das Europäische Parlament EU jüngst mit dem Papier “Markets in Crypto Assets Regulation” (MiCAR) geeinigt haben. Über Details mag man streiten; prinzipiell aber muss man ein wenig Bürokratie und vielleicht sogar Tempoverlust bei den Innovationen hinnehmen, wenn man den Krypto-Gaunern das Handwerk legen will.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







