Aus Linux-Magazin 06/2022

Editorial 06/2022

© Computec Media GmbH

Manche sinnvollen und nützlichen Projekte haben eine Kehrseite, die auf ganz anderen Gebieten ernste Probleme bereiten kann. Schlimmer noch: Nicht selten rücken solche Seiteneffekte erst in den Fokus, wenn es schon fast zu spät ist.

Youtube in Mosambik oder mehr erfahren über den Ursprung des Universums? Videocalls nach Tibet oder das Rätsel der dunklen Materie lüften? Online zocken im arktischen Iglu oder erkennen, wenn sich Asteroiden nähern? Etwas überspitzt könnten das die Alternativen sein, wenn alles so weitergeht. Das heißt, wenn beispielsweise Elon Musks Unternehmen SpaceX wie geplant Zehntausende Starlink-Satelliten in den Weltraum schießt. Bis zum Jahr 2027 werden es knapp 12 000 sein, und weitere 30 000 sind beantragt. Und SpaceX ist nicht der einzige derartige Satellitenbetreiber, Konkurrenten wie OneWeb oder O3b in Großbritannien und Amazons Projekt Kuiper entlassen ebenfalls massenhaft fliegende Transponder ins All.

SpaceX verspricht schnelles Internet auch in entlegenen, nicht erschlossenen Gebieten. Dafür rasen die flachen Kisten in relativ niedrigen Umlaufbahnen zu Hunderten um die Erde. Das ist technisch beeindruckend und schafft segensreiche Kommunikationsverbindungen, selbst in Gegenden, in denen man niemals Glasfaserkabel verlegen könnte. Aber es schafft auch jede Menge Probleme. So entstehen beispielsweise riesige Mengen Weltraumschrott, wenn die Geräte nach rund fünf Jahren ausgedient haben. Die Starlink-Satelliten sollen dann zwar in der Atmosphäre verglühen, tragen damit aber zu einem anderen Problem bei: Die künstlichen Erdtrabanten stören schon während ihrer Nutzungszeit massiv die Astronomen. Sie zerschneiden als helle Leuchtspuren Fotos des Nachthimmels, verdecken kleine Objekte und machen manchmal sogar ganze Aufnahmen unbrauchbar, indem sie sehr empfindliche CCD-Sensoren sättigen. In der letzten Ausbaustufe der Satellitenkonstellationen werden ausgemusterte, verglühende Satelliten jedes Jahr 6000 künstliche Sternschnuppen zusätzlich erzeugen.

In der Januar-Ausgabe von “The Astrophysical Journal Letters” berichten Forscher davon, dass sie binnen eines knappen Jahres in mehr als 5300 Aufnahmen eines einzigen Teleskops Satellitenspuren gefunden haben. Dabei handelte es sich um die Zwicky Transient Facility (ZTF), die den gesamten Nachthimmel nach Objekten scannt, die sich mit der Zeit verändern. In diesen Bildern wurden bereits mehr als 4500 Supernovas entdeckt, aber auch 229 Asteroiden und Kometen in Erdnähe. Weil die Anzahl der Satelliten sprunghaft wächst, explodiert auch die Anzahl der Störungen: Noch 2019 waren erst 0,5 Prozent der Aufnahmen im Dämmerlicht betroffen – besonders in dieser Zeit erscheinen die Satelliten. Momentan sind es schon fast 20 Prozent, und es steht zu befürchten, dass schon in naher Zukunft, Satellitenspuren so gut wie jede Aufnahme verunzieren. Die Internationale Astronomische Union (IAU) hat mit Unterstützung durch das deutsche Max-Planck-Institut für Radioastronomie bereits ein Zentrum für den Schutz des Nachthimmels vor Störungen durch Satellitenkonstellationen gegründet.

Die gute Nachricht: Man kann etwas tun. Man kann Computer damit beauftragen, Zeitfenster zu errechnen, in denen kein Satellit im Sichtfeld der Kamera ist. Man kann die Satelliten speziell beschichten, sodass sie weniger Sonnenlicht reflektieren (sich dafür aber unter Umständen aufheizen). Man kann die Satelliten in eine günstige Lage bringen, um Reflexionen zu vermindern. Man kann spiegelnde Teile mit einer Sonnenblende versehen. Man kann eine KI darauf trainieren, die hellen Spuren aus den Bildern wieder heraus zu retuschieren. Womöglich wird sich das Problem also lösen lassen. Es bleibt aber der beunruhigende Umstand, dass wieder einmal unreguliertes Profitstreben ein Problem geschaffen hat, für das man erst im Nachhinein nach Abhilfe sucht. Mit Glück greift die dann zu einer Zeit, zu der man schon kein Foto des Sternenhimmels mehr schießen kann, ohne dass sich ein menschengemachter Störer ins Bild drängt. Warum bloß erinnert mich das an die Klimakrise?

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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