Man findet heute alles im Internet? Das ist nicht wahr! Das Wertvollste, das Neue, das, wonach man nicht hätte suchen können, das bringt auch Google nicht ans Licht.
Ich muss mich outen: Ich höre noch Radio, und das nicht nur im Auto, sondern beispielsweise auch am Samstagvormittag. Da läuft eine meiner Lieblingssendungen im DLF: “Klassik-Pop-et cetera”. In jeder Folge darf ein mehr oder minder bekannter Künstler – sei es ein Schriftsteller, Schauspieler oder Musiker – den Hörern seine Lieblingsmusik vorstellen, die ihn besonders berührt und geprägt hat. Natürlich trifft die Auswahl in Gänze eher selten haargenau meinen Geschmack, aber sie ist immer überraschend, immer erweitert sie den Horizont, häufig bringt sie mir Neues näher, nie zuvor Gehörtes. Oft schon bin ich da auf Musik gestoßen, die mir völlig unbekannt war, und hin und wieder habe ich mir direkt nach der Sendung die CD eines Künstlers bestellt, dessen Musik ich eben zum ersten Mal im Leben gehört hatte.
In diesen Fällen wirkt die Sendung zwar wie eine Musikempfehlung, die aber grundlegend anders funktioniert als die eines Streaming-Diensts wie Spotify. Dort wird in der Regel nur mehr vom Gleichen geliefert: Musik, die so ähnlich klingt wie die neulich gekaufte, mehr von den Künstlern meiner Playlist, mehr aus meinem Lieblingsgenre und so fort. Woran sollen sich die dummen Empfehlungsalgorithmen auch sonst orientieren? Spotify hat 40 Millionen Songs zur Auswahl, ein reiner Zufallsgenerator würde nur Chaos und unzufriedene Kunden produzieren. Dagegen kann eine KI meinen Musikgeschmack auf der Grundlage des zuvor Gehörten analysieren und auf diese Weise etwas anbieten, was ich wahrscheinlich zumindest nicht ablehnen würde.
Neu oder gar überraschend wird das freilich meist auch nicht sein. Ich bleibe in meiner Blase, drehe mich im Kreis, werde selbst meiner Lieblingsmusik irgendwann überdrüssig. Ganz anders in der Radiosendung: Da sorgt ein Mensch für eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl mit eigenen Farben und Kontrasten, mit einer eigenen Dramaturgie, vor dem Hintergrund ganz anderer persönlicher Erfahrungen als meiner. Das kann keine KI. Das viel beschworene Data Mining stößt hier an die Grenze der Berechenbarkeit. Das für mich Neue, präsentiert von einem anderen, dem es vertraut ist, das folgt aus keiner Formel.
Ein Magazin wie das vorliegende kann übrigens im besten Fall etwas Ähnliches. Es vermag dem Leser hin und wieder Informationen zu einem Thema zu bieten, an das er nicht gedacht hat, das er deshalb auch nicht gegoogelt hätte, das ihm neu ist. Im Heft findet er es so aufbereitet, dass er es einfach aufnehmen kann. Zudem hat die Redaktion alle Inhalte verlässlich verifiziert, sodass der Leser den Informationen vertrauen kann.
Braucht man das, wo man doch heute doch alles im Internet findet? Ich meine ja. Was man findet, ist allzu oft das bereits Bekannte, nur breitgetreten. Das, wofür man kein Suchwort nennen kann, das wirkliche Neue und Überraschende, das fördert selbst eine ausgefeilte Google-Suche meist nicht zutage.
Jens-Christoph Brendel







