Ein altes Buch lässt uns staunen, und wir wundern uns, was die Zukunft bringen mag.
Beim Ausmisten eines meiner Bücherregale fiel es mir in die Hände, ein schmales Bändchen mit orangefarbigem Einband: “Zahlensysteme und Rechenautomaten”. Eigentlich wirft man ja keine Bücher weg, aber gerade Fachbücher, insbesondere solche über IT-Themen, veralten heute so schnell, dass ein paar Jahre genügen können, um ihren Inhalt komplett zu entwerten. Es sei denn, man überschreitet diesen Zeitpunkt um ein paar Jahrzehnte: Dann sind sie wieder ein Grund zu Staunen.
So ging es mir mit dem orangefarbigen Büchlein, 1972 bei Teubner als Lizenzausgabe erschienen. Das Original “An Introduction to Number Scales And Computers” von F. J. Budden stammt aus dem Jahr 1965. Vor dem Abschied ins Altpapier habe ich noch ein wenig darin herumgeblättert. In Kapitel 10 “Einführung in das Programmieren” erklärt der Autor: “Ich will Sie in die Prinzipien und nicht in die Technik des Programmierens einführen, denn ich denke, dass der größte Teil meiner Leser kaum direkt mit Rechenautomaten arbeiten wird.” Kein Wunder: “Rechenautomaten” waren zu dieser Zeit, als gerade Transistoren die Elektronenröhren ablösten und sich die allerersten integrierten Schaltkreise durchsetzten, kleiderschrankgroße Apparate, die in heutige Preise umgerechnet über 100 000 Dollar kosteten und von Herren in weißen Kitteln bedient wurden.
Knapp 60 Jahre später arbeitet praktisch jeder mit Rechenautomaten, vom Kind bis zum Greis. Programmieren ist Schulstoff, auch wenn nicht jeder darin zum Profi wird. Der Umgang mit Rechnern in allen Ausprägungen, vom PC über das Tablet bis zum Smartphone, ist inzwischen so alltäglich wie irgendwas. Und gerade das macht ja einen guten Teil des einst Unvorstellbaren aus: Ein paar Klicks mit der damals noch nicht erfundenen Maus in einer damals noch nicht verfügbaren grafischen Oberfläche genügen, um den Rechenautomaten zu steuern. Von Speicherstellen und CPU-Registern braucht man dafür noch nie gehört zu haben. Manchmal kann man den Rechner, der sich als hilfreicher Digitaldiener tarnt, sogar mit natürlicher, gesprochener Sprache bedienen. Das war zu jener Zeit kühne Science Fiction.
Und auch die Entwicklung der Gerätetechnik ist in diesen wenigen Jahrzehnten explodiert. Eines der hauptsächlichen Speichermedien, die mein frühes Computerbuch erklärt, ist das Lochband. Ich lese, dass die damals hippen Ausführungen “immer einen Reibungsantrieb” hatten, weil der Transport mittels der hergebrachten Führungslöcher das Band sonst bei höherer Geschwindigkeit zerrissen hätte. Solch ein Lochband speicherte ein paar lächerliche Bits pro Zoll, und man konnte dabei zusehen. Eine handelsübliche Festplatte mit Shingled Magnetic Recording (SMR) erreicht heute Speicherdichten von über einem Tbit pro Quadratzoll – das ist beinahe das Tausendmilliardenfache, ein Verhältnis, das sich kaum begreifen lässt: Es entspricht der Größenordnung von ein paar Wassertropfen im Vergleich zur Ostsee.
Eigentlich bräuchte ich den Platz. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, das kleine Büchlein wegzuwerfen. Es ist ein Zeitdokument, und es impliziert die bange Frage, mit welchem mildem Lächeln unsere Enkel später staunend die momentan topaktuellen Bücher durchstöbern werden. Denn auch für sie wird dereinst das Normalste von der Welt sein, was uns heute noch gänzlich unvorstellbar ist.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







