Die Meinungsmacher von heute sind die großen Plattformen. Aber ist das wünschenswert? Kann ein werbefinanzierter US-Datenkrake wirklich die Rolle übernehmen, die früher Presse und Rundfunk spielten?
Eine Anekdote vorweg: Der Ex-Präsident der USA, Donald Trump, hatte vor seiner Facebook-Sperre 35 Millionen Follower auf dieser Plattform – und noch einmal 24 Millionen auf Instagram. Nach seinem Facebook-Rauswurf wollte er seine Online-Karriere mit einem eigenen Blog fortsetzen, den er auch in mit gewohntem Bombast ankündigte: “In einer Zeit des Schweigens und der Lüge erhebt sich ein Leuchtfeuer der Freiheit” und so weiter. Wie die Washington Post Anfang Juni 2021 meldete, hat Trump den Blog nach gerade einmal 29 Tagen wieder eingestellt. Die Zahl der Kommentare oder anderen Reaktionen war derart mickrig, dass er sich damit lächerlich machte. Ohne den Support der großen Plattformen bleibt eben auch das selbsternannte Leuchtfeuer der Freiheit ein kleines Licht.
Noch vor ein paar Jahrzehnten war alles viel einfacher: Wer die öffentliche Meinung beeinflussen wollte, der brauchte die Zeitungen und Magazine, den Rundfunk und das Fernsehen. Entscheidend war, wem sie eine Stimme verliehen, und deshalb konzentrierte sich bei ihnen, den Gatekeepern, die Meinungsmacht. Noch 2010 ging eine Studie zweier deutscher Professoren davon aus, dass die Medien ihr Vermögen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, durch die Verlängerung ihrer Inhalte ins Internet deutlich verstärken könnten. Acht Jahre später wischten dieselben Autoren in einer Folgeuntersuchung ihre eigene These vom Tisch. Was sie nun sehen, ist eher das Gegenteil: Die Macht der klassischen Medien erodiert und verlagert sich stattdessen hin zu den “großen Intermediären und nichtpublizistischen Akteuren” – sprich: zu den großen Plattformen wie Facebook, Twitter, Youtube oder Google, die von Dritten erstellte Inhalte zusammenführen, auswählen und präsentieren und damit die Informationsflut überhaupt erst beherrschbar machen.
Die Kehrseite der Macht heißt Verantwortung, und gerade daran hat es nach der Plattform-Revolution lange gehapert. Facebooks Chef Mark Zuckerberg etwa gab, angesprochen auf Twitters Praxis, Tweets von Trump mit Warnungen zu versehen, noch im Mai 2020 bei Fox News zu Protokoll: “Ich bin der festen Überzeugung, dass Facebook nicht als Schiedsrichter der Wahrheit (‘arbiter of truth’) für das fungieren soll, was die Leute online sagen.” Doch mittlerweile ist diese Position Makulatur. Nach den Unruhen rund um das Kapitol am 6. Januar 2021 hat Facebook Trumps Account gesperrt, mit der Begründung, er habe mit Äußerungen an diesem Tag gegen die “Community-Standards für gefährliche Individuen und Organisationen” verstoßen. Inzwischen hat Facebooks Oversight Board, ein unabhängiges Gremium aus renommierte Juristen, Menschenrechtsexperten und Journalisten, die Sperre untersucht und im Wesentlichen bestätigt. Sie gilt nun für mindestens zwei Jahre und wird auch danach nicht automatisch aufgehoben, sondern erneut geprüft. Außerdem traten mittlerweile neue Richtlinien für den Umgang mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Kraft, die den umfassenden Freifahrtschein für Politiker teils zurücknehmen. Womöglich hat Facebook begriffen, dass es faktisch ein Schiedsrichter ist – ob es das will oder nicht.
Damit ist aber das Problem nicht aus der Welt. Können in unserer Demokratie milliardenschwere, werbefinanzierte Privatunternehmen aus den USA die Rolle der vierten Gewalt übernehmen? Und das, obwohl sich beispielsweise Facebook nach wie vor weigert, Äußerungen von Politikern einem Faktencheck zu unterziehen? Obwohl es sich bis heute nicht dazu bekennt, die eigene Rolle bei den Unruhen am 6. Januar öffentlich zu untersuchen? Befördert es die Meinungsvielfalt, wenn Anbieter auf Klickzahlen schielen und Nutzer sich ihre Informationen im Internet so zusammensuchen, dass sie in ihr Weltbild passen? Fördert es die Meinungsbildung, wenn sich die Aufmerksamkeit an Rankings orientiert, deren oberstes Kriterium nicht die journalistische Sorgfalt ist? Ist es gut, dass das Meinungsmonopol bei einer Handvoll Unternehmen liegt? Die Liste der Fragen ließe sich fortsetzen.
Vielleicht, so scheint es mir, haben die traditionellen Medien – selbst gedruckte – doch noch eine unverzichtbare Funktion.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur






