Der jüngste Bitcoin-Hype hat viele Zocker elektrisiert. Statt im Schlaf reich zu werden, könnte man damit aber genauso gut über Nacht verarmen.
Warum bekommt man für dieses grüne, mit der Zahl 100 bedruckte Papierstück eine Tankfüllung und ein Raststättenessen, obwohl sein Materialwert nicht mal dem Preis eines Sanifair-Bons entspricht? Weil Tankwart und Koch dem Versprechen glauben, den Hunderter ihrerseits wieder eintauschen zu können, für das monatliche Taschengeld der pubertierenden Tochter, Hemd und Hose oder einen Nachmittag im Freizeitpark. Für dieses Versprechen bürgt eine Zentralbank und letztlich der Staat.
Geld ohne Staat und Zentralbank gibt es auch: Etwa digitale Kryptowährungen, allen voran der Bitcoin, der zu Jahresbeginn wieder einen spektakulären Höhenflug erlebte. Zu Anfang seiner Karriere 2009 war er für viele Jahre praktisch wertlos und erreichte dann in einem plötzlichen Kursanstieg Ende 2017 einen Preis von fast 20 000 US-Dollar. 2018 fiel er wieder um mehr als drei Viertel auf unter 4000 US-Dollar. 2020 stieg er erneut von rund 5000 US-Dollar im März auf knapp 30 000 US-Dollar zum Jahresende. Euphorische Bitcoin-Fans sahen schon ein Kursziel von 50 000 oder – warum eigentlich nicht? – 100 0000 Dollar oder mehr voraus. Windige Anbieter lockten allerorten Anleger mit Reich-im-Schlaf-Rezepten.
War der Hype 2017 einer Studie zufolge nur einem einzigen großen Händler geschuldet, so waren es diesmal etliche institutionelle Investoren. Sie kauften auf der Suche nach gern auch etwas riskanteren Anlagemöglichkeiten in einer zinslosen Zeit große Summen Bitcoins und verknappten so die verfügbare Menge, was sich auf den Preis auswirkte. Dazu kam das sogenannte Halving, ein automatischer Prozess, der ungefähr alle vier Jahre stattfindet, zuletzt im Frühjahr 2020. Er halbiert die Vergütung, die Miner als Gegenleistung für das Bitcoin-Schürfen erwarten können. Auch dadurch kommen anschließend weniger Bitcoins in Umlauf, was den Preis treiben kann. Schließlich spielt die Pandemie eine Rolle: Zur Minderung ihrer Folgen warfen viele Staaten die Gelddruckmaschinen an. Die absolute Anzahl aller jemals verfügbarer Bitcoins dagegen ist limitiert (zumindest theoretisch, sie wurde praktisch noch nicht erreicht), und so mag die Kryptowährung manchen mehr Stabilität suggerieren.
Es gibt jedoch ein großes Aber: Ein Bitcoin ist durch nichts gedeckt – weder durch ein Vermögen noch durch Wirtschaftskraft, wie bei einer Aktie, noch durch Mieteinnahmen, wie bei einer Immobilie, noch durch einen gewissen Gebrauchswert, wie beim Gold, aus dem man immerhin noch Schmuck fertigen kann, noch durch eine staatliche Garantie. Ein Bitcoin ist nichts weiter als eine hochriskante Wette darauf, dass morgen noch jemand bereit sein wird, für das Fantasieprodukt “richtiges” Geld zu bezahlen.
Das kann noch eine Weile so bleiben, es mag sich aber auch ändern, etwa wenn eine der vielen konkurrierenden Kryptowährungen bessere Features entwickelt, wenn Investoren kalte Füße bekommen und aus den Bitcoin-Anlagen fliehen oder wenn der Staat sich entschließt, Kryptowährungen zu regulieren. Dann könnte der Bitcoin im Extremfall wieder dort landen, wo er begonnen hat: nahe null. Das meint auch der Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger, der gut anderthalb Jahrzehnte als sogenannter Wirtschaftsweiser die Regierung beriet. Nach seiner Meinung sind Bitcoins nichts anderes als “digitales Spielgeld”. Wer es sich leisten kann, mag damit zocken. Wen aber ein Totalverlust empfindlich treffen würde, der sollte die Finger davon lassen.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







