Venture Capital lenkt Innovationen. Hauptsächlich wird es in Software investiert, weil das große Gewinne bei kleinem Einsatz verspricht. Aber sind die Erfindungen, die dadurch gefördert werden, tatsächlich auch die, die man am dringendsten bräuchte?
“Schon brennt der Kopf, schon glüht der Sitz, schon sprüht ein heller Geistesblitz” – durch diese Verse Wilhelm Buschs aus der Bildergeschichte über Balduin Bählamm, den verhinderten Dichter, wurde der Geistesblitz zum geflügelten Wort. Es bezeichnet eine plötzliche, nicht planbare Eingebung. Diese Unvorhersehbarkeit der zündenden Idee macht das Erfinden so schwierig, das schließlich auf den Geistesblitz angewiesen ist.
Was ihn triggert, scheint unvorhersehbar: Mal ist es ein Bad, wie der Sage nach bei Archimedes, der nackt “Heureka!” rufend durch die Stadt gelaufen sein soll, nachdem ihm in der Wanne das später nach ihm benannte Prinzip des Auftriebs eingefallen war. Ein anderes Mal ist es der blanke Zufall, wie eine vergessene Petrischale bei der Entdeckung des Penicillins. Doch ganz dem Zufall ausgeliefert scheinen die Forscher und Erfinder doch nicht. Immerhin lassen sich die Bedingungen optimieren, unter denen sie nach einer Lösung suchen. Geld macht die Suche zum Beispiel oft leichter. Weil der angehende Erfinder das ja aber erst verdient, nachdem er sein Ziel erreicht hat, können ihm solvente Geldgeber in der Anfangsphase gegen eine Geschäftsbeteiligung eine Summe anbieten. Man nennt das Wagniskapital, Venture Capital.
Das Problem dabei: Venture-Kapitalisten bedenken nicht alle Erfinder gleichermaßen mit einem Geldregen. Sie haben konkrete Vorstellungen, Projekte welcher Art sie fördern wollen, und steuern damit Innovationen. Ein Unternehmen, das nach fünf Jahren die Millionenmarke beim Umsatz erreichen könnte, interessiert weniger, ganz gleich wie nützlich dessen Produkt ist. Ein Unternehmen wie Whatsapp, das nach zwei Finanzierungsrunden mit 8 und 50 Millionen US-Dollar nach fünf Jahren für 19 Milliarden Dollar an Facebook verkauft werden konnte, ist dagegen der Glückstreffer, den alle suchen – das Unicorn.
Dass Whatsapp dazu gehört, ist kein Zufall. Software wirft oft hohe Gewinne ab, wenn auch, wie in diesem Fall, zuweilen eher indirekt. Der Wert kann etwa auch in der Vermarktung damit eingesammelter Daten liegen oder im Besetzen einer strategischen Position. Gleichzeitig lässt sich Software vergleichsweise günstig herstellen – nicht zuletzt dank Open Source. Noch vor 30 Jahren brauchte man für eine Unternehmensanwendung einen dicken und teuren Server nebst teurer Lizenzen für das kommerzielle Unix und zum Beispiel die Datenbank. Das ersetzen seit geraumer Zeit Linux und der LAMP-Stack. An die Stelle des Servers, den man, wenn er zum Engpass wurde, nur gegen einen größeren und teureren austauschen konnte, traten die Cloud oder die Container-Umgebung aus Hardware von der Stange, die sich durch Zukauf weiterer billiger Rechner beliebig aufrüsten lassen.
Da wundert es nicht, dass in den USA 75 Prozent des gesamten Venture-Kapitals in Software fließen, wie die Lemelson Foundation ermittelt hat, eine Stiftung, die Erfinder und Hersteller physischer Produkte unterstützt. Die Frage, die sich dabei stellt: Fördert das die Neuerungen, die wir am nötigsten brauchen? Wären drei Viertel der Menschheitsprobleme durch Software zu kurieren? Entstehen so die richtigen Anreize, um sich den drängendsten Fragen zuzuwenden? Vielleicht kommt man so ja zu einem neuen Whatsapp, Youtube oder Spotify – aber bräuchten wir nicht eher einen Corona-Impfstoff?
In Europa sind die Verhältnisse nicht ganz so krass. Aber auch hier fließt nach einer Erhebung der Finanzdatenbank Pitchbook mit weit über 30 Prozent der Löwenanteil des Venture-Kapitals in Software, mit seit vielen Jahren immer weiter steigender Tendenz. Dagegen geht nur maximal ein Drittel dieser Summe in Pharma- und Biotech-Projekte. Der Energiesektor rangiert im Bereich einstelliger Anteilswerte, trotz nahender Klimakatastrophe. Warum? Weil für die Entscheider nicht die Dringlichkeit des Themas den Ausschlag gibt, sondern die Aussicht, aus möglichst kleinen Einsätzen möglichst hohe Gewinne zu schlagen. Wie klagt doch Margarete in Goethes Faust? “Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles! Ach wir Armen!”
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







