Mit “Focal Fossa” erschien Ende April wieder einmal ein Ubuntu mit Langzeit-Support. Es bringt einen neuen Installer für die Server-Variante mit, hübscht den Desktop auf und verbessert Details an Apps. Das Linux-Magazin wagt ein Tänzchen mit der neuen Version.
Der Marktanteil derjenigen, die Linux auf dem Desktop verwenden, bleibt überschaubar. Er dümpelt seit einigen Jahren laut dem Statcounter Globalstats [1] bei knapp unter 2 Prozent. Das dürfte das gerade erschienene Ubuntu 20.04 LTS nicht signifikant ändern, wird aber auch keine Nutzer verjagen.
Nach der Abkehr vom hauseigenen Unity-Desktop und dem Wechsel zu Gnome findet Ubuntu allmählich zu einer einheitlichen Designsprache zurück (Abbildung 1). Tatsächlich wirkt Ubuntus Standard-Desktop nun dank des überarbeiteten Yaru-Themes ansprechender als der des Vorgängers 18.04.

Abbildung 1: Die Ubuntu-Designer setzen für die Version 20.04 nicht nur optisch einige neue Akzente.
Tanz um den Support
Wer sich für Linux auf dem Desktop entscheidet, den interessieren gewöhnlich vor allem zwei Dinge: die Stabilität und die Sicherheit. So schätzt Canonical, dass 95 Prozent der Ubuntu-Installationen auf die Langzeitversionen setzen. Hier gilt es aber, genau hinzusehen. Ubuntu 20.04 erhält zwar fünf Jahre lang kostenlos Support; der gilt aber nur für Software aus den Repositorys Main und Restricted. Zugleich patchen die Ubuntu-Anbieter in dieser Zeit auch regelmäßig den Kernel, was einen reibungslosen Betrieb neuer Hardware verspricht.
Nach Ablauf der fünf Jahre springen Desktop-Nutzer am besten auf die nächste LTS-Version, was im Test ohne Zwischenfälle klappte.
Für Business-Kunden bietet Canonical an, über die kostenpflichtige Extended Security Maintenance (ESM [2]) weitere fünf Jahre Security-Patches zu beziehen. Das dürfte vor allem Unternehmen interessieren, die Ubuntu für ihre Mitarbeiter einsetzen und sich so zehn Jahre Patch-Sicherheit erkaufen (zumindest für schwere und kritische Sicherheitslücken). Die ESM deckt alle Anwendungen im Universe-Repository ab und erstreckt sich damit auf rund 30 000 Pakete [3]. Laut Mark Shuttleworth käme von Unternehmen neuerdings eine stärkere Nachfrage nach Support für Open-Source-Anwendungen. Anders als in früheren Phasen erlauben diese inzwischen intern mehr Open-Source-Software, wollen dann aber auch Patches dafür.
Auf Snap-Pakete [4] erstreckt sich der Support noch nicht. Diese stecken aus Gründen der Sicherheit mehrheitlich in einer Art Sandbox, was es den Ubuntu-Machern gestattet, auch ungeprüfte Software im Snap-Store zu erlauben. Anbieter profitierne von schnelleren Releasezyklen. Lücken in Snap-Apps patchen kann das Projekt zwar nicht: Laut Canonical-Mitarbeiter Martin Wimpress durchleuchtet es aber aktiv die Manifest-Dateien der Snaps und informiert deren Entwickler über entdeckte CVEs.
Wer für das eigene System prüfen möchte, konnte das bislang über das Kommandozeilenwerkzeug »ubuntu-support-status« tun. In Ubuntu 20.04 funktioniert »ubuntu-support-status« jedoch nicht mehr, denn die Entwickler haben es kurz vor der Release entfernt. Eine ähnliche Funktionalität bietet »ubuntu-security-status«, das über den Updates-Status von Paketen informiert.
Software-Lieferanten
Bis auf das neue Theme warten beim Installieren des Desktops keine großen Neuerungen. Zumindest kommt “Focal Fossa” aber mit einem hübscheren Login-Screen und einem überarbeiteten Sperrbildschirm.
Der Nutzer entscheidet beim Start, ob er das System mit einem Cloud-Dienst verbinden möchte. Neben Canonicals eigenem Ubuntu One [5] warten hier die Anbieter Nextcloud, Microsoft und Google auf Kundschaft. Das ebenfalls angebotene Livepatch ermöglicht es, Kernel-Patches ohne einen Neustart der Maschine einzuspielen. Die kostenlose Variante setzt allerdings ein Ubuntu-One-Konto voraus und beschränkt sich auf drei Rechner. Wer Live-Patches für weitere Rechner benötigt, braucht Lizenzen von Canonical.
Auch bei der Softwareverwaltung auf dem Desktop hat sich etwas getan. Ubuntus Ausgabe von Gnome Software liefert neuerdings neben Debian-Paketen auch Snaps und Firmware-Updates aus, alles unter einem Dach vereint. Das soll verhindern, dass die Existenz von zwei Paketformaten plus Firmware-Updater die Desktop-Anwender verwirrt. Flatpak-Support lässt sich über ein Gnome-Software-Plugin nachinstallieren.
Anders als die Debian-Pakete aktualisieren sich Snap-Apps dabei selbstständig. Diese Updates abzuschalten, steht offiziell nicht auf der Roadmap, es gibt aber Workarounds. Auf der Kommandozeile besteht die Zweiteilung von »snap« und »apt« weiter. Will der Anwender ein Snap-Update zurücknehmen, klappt das über »snap revert Paketname«. Will er Updates einer Snap-Software generell verhindern, gibt er beim Installieren den Befehl »snap install Paketname –dangerous« ein [6].
Ubuntu für Windows
Neu ist sicherlich auch, dass die Ubuntu-Entwickler inzwischen eng mit Microsoft kooperieren. In einer Vorab-Pressekonferenz wies Ubuntu-Chef Mark Shuttleworth darauf hin, dass Ubuntu 20.04 auch zeitnah in einer Version für das WSL 2 (Windows Subsystem for Linux) erscheinen wird.
Mit Microsoft-Entwicklern arbeitet das Projekt zudem an einer Snap-Unterstützung. An einem Support grafischer Apps wären die Ubuntu-Entwickler auch interessiert, das scheint aber nicht auf dem Zettel bei Microsoft zu stehen.
Gnome im Einsatz
Als Standard-Desktop kommt Gnome 3.36 zum Einsatz. Wie immer gibt es aber zahlreiche Ubuntu-Derivate, die alternative Desktops für sich einspannen, etwa KDE (Kubuntu), XFCE (Xubuntu) und LXDE (Lubuntu). Ubuntu verwendet allerdings kein Vanilla-Gnome, sondern nimmt ein paar Anpassungen vor.
Musik spielt Rhythmbox ab. Das kann optisch zwar nicht mit zeitgemäßen Playern wie dem von Spotify mithalten, bietet aber deutlich mehr Möglichkeiten als Gnomes hauseigener Musikabspieler. Unter anderem lässt sich Rhythmbox mit einer Reihe von Plugins erweitern.
Eine gute Wahl ist auch Shotwell: Die App zeigt Fotos nicht nur an, sondern hilft auch, sich in einem riesigen Bilderfundus schnell zu orientieren. So ordnet Shotwell importierte Fotos automatisch auf Basis der Metadaten zeitlich ein. Anwender markieren zudem zusammengehörige Bilder und lassen sich nur diese anzeigen, um sie dann mit Schlagworten zu versehen oder in einen eigenen Ordner zu kopieren. Über die Tags, die Shotwell unten links auflistet, finden Anwender die Fotos später zügig wieder.
Nicht zuletzt schickt Ubuntu anstelle von Evolution und Gnome Calendar einmal mehr Thunderbird ins Rennen. Das freie E-Mail-Programm betreut inzwischen die zu Mozilla gehörende Stiftung MZLA Technologies. Erst kürzlich erschien die neue Version 68 der betagten Software, die Sicherheitslücken schloss und Fehler behob. Ein moderneres und übersichtlicheres Pendant wäre sicherlich Geary; dem fehlen aber noch wichtige Features, wie Support für das POP-Protokoll, für den MS-Exchange-Server und die Verschlüsselungssoftware PGP.
Daneben warten in Ubuntu 20.04 kleinere Änderungen und Updates: So gibt es für Benachrichtigungen nun einen Schalter Do not disturb. Im Dateimanager dürfen die Anwender neuerdings Dateien mit einem Stern markieren, wodurch sie im Ordner Mit Stern markiert landen. Auf diesem Weg lassen sich schnell zusammengehörige Dateien für ein Projekt zentral versammeln.
Unter der Haube
Neben X.org als Standard-Display steht Wayland bereit. Der Autor hat den neuen Display-Server nicht getestet; unter Version 18.04 gab es mitunter noch kurze Aussetzer bei Wayland.
Der Anwender erreicht beide Optionen, indem er sich beim Desktop abmeldet und dann im Anmeldeschirm auf den Benutzernamen klickt. Das kleine Zahnrad-Symbol unten rechts bietet neben dem Zugang zu einer Wayland-Session eine weitere Option namens GNOME + Remmina-Kiosk an. Sie erlaubt es, das System im Kiosk-Mode zu betreiben und zum Beispiel nur eine einzige App laufen zu lassen. Dazu gibt es auch ein eigenes Tutorial [7]. Gedacht ist das Feature unter anderem für den Betrieb im IoT-Umfeld, beispielsweise für den Einsatz im Digital-Signage-Bereich.
Frischer Kernel
Beim Kernel haben sich die Entwickler für die Version 5.4 entschieden, die bis zum Dezember 2021 offiziellen Support erhält. Sie unterstützt unter anderem den Lockdown-Mode, der Unternehmen beim Absichern der Linux-Desktops helfen kann. Dieses Feature trieb unter anderem Matthew Garrett voran, der sich bei Google um die Sicherheit des Linux-Desktops kümmert.
Neu mit an Bord ist Wireguard. Dessen Umzug in den Standard-Kernel wurde zwar erst in Version 5.6 abgeschlossen, aber Ubuntus Kernel-Entwickler haben die Änderungen für Kernel 5.4 zurückportiert. Außerdem gibt es Updates für das von Ubuntu verwendete Dateiformat ZFS. Daneben unterstützt “Focal Fossa” nun Microsofts Dateisystem ExFAT.
Wie ein Post auf der Mailing-Liste erklärte, wird es zudem zwei Kernel-Versionen geben, die generische und eine OEM-Version. Letztere bootet Ubuntu nur dann, wenn es beim Installieren feststellt, dass es auf einer zertifizierten Maschine läuft. Zugleich soll es einen sicheren Upgrade-Pfad vom Standard-Kernel auf den OEM-Kernel geben.
Orange County
Neben den genannten gibt es unter der Haube weitere Neuerungen, die sich über das System verstreuen. Wer die Server-Variante installiert, stößt auf eine davon: Der in den Farben Schwarz, Weiß und Orange gehaltene Installer Subiquity löst Debians schon recht betagten textbasierten Installer ab. Er bietet Admins unter anderem die Möglichkeit, sich per SSH in eine laufende Installer-Session einzuklinken. Ansonsten bringt die Server-Variante wieder diverse Dienste mit, die der Admin bereits beim Installieren aktivieren kann (Abbildung 2).

Abbildung 2: Neben altbekannten bietet Ubuntu Server über Subiquity auch neue Dienste an.
Als Guided resilient install option bezeichnen die Entwickler die Möglichkeit, bei Software-RAIDs von beiden Hälften eines Mirrors zu booten. Netzwerk-Bonding lässt sich unter Ubuntu 20.04 LTS ebenso einrichten wie VLANs.
Seit Ubuntu 19.10 unterstützt Ubuntu zudem den neuen WLAN-Verschlüsselungsstandard WPA3. Der hilft allerdings nur weiter, wenn der heimische Router ebenfalls WPA3 unterstützt. Das erfordert nicht unbedingt ein Hardware-Upgrade: Für die Fritzbox kündigte AVM kürzlich eine neue Firmware an, die WPA3 auch auf etwas betagtere Fritzboxen bringen soll. Die Telekom denkt noch über WPA3-Support für ihre Router nach [8].
Software-Updates
Änderungen gibt es auch für Software und Programmiersprachen. So hat Ubuntu 20.04 nur noch eine kleine Zahl an 32-Bit-Anwendungen im Schlepptau. In den letzten Monaten identifizierten die Entwickler eine Reihe von Paketen, die unbedingt an Bord bleiben sollen, wozu etwa Wine und Steam gehören. Eine große Zahl an 32-Bit-Paketen will das Projekt aber ausrangieren [9].
Apropos ausrangieren: Auch Python 2 soll nach einer jahrelangen Auslaufphase irgendwann aus Ubuntu verschwinden. Bei “Focal Fossa” ist das aber noch nicht der Fall [10], Python 2 bleibt vorerst an Bord. Allerdings heißt die ausführbare Datei nun »python2«, sodass die Entwickler vorhandene Python-2-Programme entsprechend anpassen mussten. Bei einer Neuinstallation spielt Ubuntu 20.04 daneben Python 3 auf den Rechner (unter »/usr/bin/python3/«), das aktuell auf die Python-Version 3.8 verweist.
Ruby ist in Version 2.7 vertreten, PHP in Version 7.4 mit von der Partie. Entwickler Bryce Harrington vermutet, dass PHP 7.3 bald aus Ubuntu verschwindet. Das Werkzeug »cloud-init« kümmert sich um die Konfiguration von Cloud-Instanzen und trägt die Versionsnummer 19.4. Als Büropaket kommt LibreOffice in Version 6.4 zum Einsatz. Firefox ist in Version 75, Thunderbird in Version 68.7 und Rhythmbox in Version 3.4.4 an Bord.
Fazit
Revolutionäre Neuerungen bietet Ubuntu 20.04 LTS nicht, aber das ist auch kein Ziel der stabilen Langzeitversion. Die Optik von “Focal Fossa” überzeugt mit schicken und nützlichen Details, lässt aber noch Luft nach oben. Dennoch scheint sich Ubuntu allmählich mit dem Gnome-Desktop anzufreunden. Alles in allem entpuppen sich die eher inkrementellen Updates als hilfreich. Im Test gelang die Aktualisierung von Ubuntu 18.04 auf 20.04 problemlos.
Infos
- Linux-Marktanteil: https://gs.statcounter.com/os-market-share/desktop/worldwide/
- Extended Security Maintenance: https://ubuntu.com/esm
- Ubuntus Release-Zyklen: https://ubuntu.com/about/release-cycle
- Snap-Format in Ubuntu: https://wiki.ubuntuusers.de/snap/
- Ubuntu One: https://login.ubuntu.com
- Snaps und der Snap Store: https://discourse.ubuntu.com/t/is-ubuntu-software-going-to-be-remove-for-snap-snap-store/14542
- Kiosk-Modus: https://discourse.ubuntu.com/t/make-a-wayland-native-kiosk-snap/13991
- WPA3 für Telekom-Kunden: https://telekomhilft.telekom.de/t5/Geraete-Zubehoer/Speedhome-Wifi-Update-auf-WPA3/td-p/4421226/
- 32-Bit-Pakete für Ubuntu: https://www.linux-magazin.de/news/ubuntus-plaene-fuer-32-bit-pakete/
- Ubuntus Python-2-Pläne: https://lists.ubuntu.com/archives/ubuntu-devel/2020-February/040918.html





