Aus Linux-Magazin 06/2020

Editorial 06/2020

Die Corona-Krise hat ein fundamentales Dilemma geschaffen, die scheinbar unabwendbare Wahl zwischen Privatheit und Gesundheit: Sollten wir Handydaten freigeben, um andere vor Ansteckung zu schützen?

Also, reden wir über das Corona-Virus – ein anderes Thema scheint es ja ohnehin kaum noch zu geben. Selbst ein Magazin für Akustikgitarristen, das ich lese, hat jüngst sein Editorial am Virus aufgehängt, um dann in einem minder eleganten Schwenk über die kontemplative Wirkung des Musizierens zu seiner Inhaltsvorschau überzuleiten. Ich denke, da liegt das Thema für ein IT-Magazin doch deutlich näher, denn Informationstechnologie steht im Zentrum eines fundamentalen Konflikts: Ist es statthaft, die Handys aller Menschen anzuzapfen, um festzustellen, wem sie begegnet sind? Darf man diese Information mit Corona-Diagnosen verknüpfen, um so nachzuvollziehen, wen ein Infizierter seinerseits angesteckt haben könnte? Die Frage im engeren Sinn ist eventuell schon entschieden, wenn dieser Text erscheint. Das Dilemma dahinter wird aber bleiben und weiter wirken.

Der Staat soll, um Gottes willen, die Finger von privaten Handys lassen – so klänge eine reflexhafte Reaktion. Doch Maciej Ceglowski sieht es anders. Das überrascht, weil man den in Polen geborenen und heute in San Francisco lebenden Software-Entwickler eigentlich als ausgewiesenen Vorkämpfer gegen den Überwachungskapitalismus kennt. Aber er meint, vor der permanenten Massenüberwachung zu warnen sei jetzt dasselbe, wie sich Sorgen über Schimmel im Keller zu machen, während das Haus in Flammen steht. Er schreibt: “Für diesen Vorschlag müssten wir keine Freiheiten aufgeben, die wir nicht schon seit langer Zeit auf dem Altar der Bequemlichkeit geopfert haben. Die erschreckende Überwachungsinfrastruktur, die dieses Projekt erfordert, existiert bereits und wird am Laufen gehalten durch eine private Industrie, die vollkommen unreguliert ist und die diese Daten nutzt, um Leuten Hautcreme zu verkaufen. Warum sollte man sie nicht nutzen, um Leben zu retten?” [1]

Dem widerspricht zum Beispiel der israelische Historiker und Philosoph Yuval Noah Harari. Er meint, wir sollten auch an die langfristigen Konsequenzen einer solchen Einwilligung denken. Was in der gegenwärtigen Krise womöglich legitim erscheint, könnte die Schleusen öffnen für eine Massenüberwachung, die nicht nur unsere Einstellungen und Interessen und unsere Bewegungsprofile umfasst, sondern auch biometrische Daten – die werden tatsächlich auch hierzulande bereits angezapft. “Wir müssen daran denken – das ist entscheidend –, dass Ärger und Freude, Liebe und Langeweile biologische Phänomene sind wie Fieber oder Husten. Dieselbe Technologie, die Erkältungen erkennt, kann auch Gelächter erkennen. Wenn Konzerne und Regierungen unsere biometrischen Daten in Massen abgreifen, dann lernen sie uns besser kennen, als wir uns selber kennen, und sie können dann unsere Gefühle nicht nur identifizieren, sondern auch manipulieren und uns andrehen, was sie wollen, ob Produkt oder Politiker.” [2]

Zugegeben: Momentan geht es um pseudonymisierte Daten. Aber muss man nicht den Anfängen wehren? Besteht nicht die reale Gefahr, dass sich festsetzt, was einmal eingeführt wurde? Dass Konzerne oder Geheimdienste die Überwachung für ihre Zwecke auszuweiten suchen, wenn sie erst einmal einen Fuß in der Tür haben? Und welche Sicherheit ließe sich mit dieser Preisgabe informationeller Selbstbestimmung erkaufen? Könnte man überhaupt alle testen, die von ihrem Handy alarmiert wurden, oder schürte man nur die Angst? Könnte man unterscheiden, ob ein potenziell Infizierter vor mir steht oder vielleicht in einem neben mir parkenden Auto sitzt? Wäre die Beteiligung überhaupt hoch genug für verwertbare Aussagen (im Augenblick wäre nur die Hälfte aller Menschen überzeugt [3])?

Hararis Fazit lautet: “Die Leute zwischen Freiheit und Gesundheit wählen zu lassen, ist die Wurzel des Problems: Es ist eine falsche Wahl. Wir können und sollten sowohl Privatheit als auch Gesundheit genießen.”

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