Aus Linux-Magazin 11/2019

(K)Ein Sommermärchen

Jens-Christoph Brendel, stellvertretender Chefredakteur

Es war einmal ein einsamer Admin, der lebte bei einem Hoster in einem Rechenzentrum am Ende der Welt, wo er alle Tage seine Server umhegte. Einmal war er gerade im Begriff, alte Dateien zu löschen, als er an eine besonders große geriet. Da ploppte plötzlich ein Fensterchen vor ihm auf, in dem zu lesen stand: “Bitte, lieber Admin, lösch mich nicht! Was hilft’s dir, wenn du mich ausradierst? Ich bin ein verwunschener Code. Wenn du mich am Leben lässt, sollst du auch einen Wunsch frei haben.”

Das rührte dem alten Admin das Herz und er verschonte die Datei. Am Abend aber erzählte er seinem Vorstand von der Begebenheit. Der sagte zu ihm: “Wie blöd bist du, dir nichts zu wünschen? Wie schön wäre es doch, wenn wir eine kleine Cloud hätten, mit VMs, die wir zur Selbstbedienung anbieten könnten, die automatisch skalieren und hochverfügbar sind. Damit könnten wir noch viel mehr Geld verdienen! Geh sofort zurück an dein Terminal und verlange eine Cloud!”

Der Admin kehrte also zurück an seinen Rechner und navigierte zu der großen Datei: “Bitte um Goodwill – mein CTO, der will nicht so wie ich wohl will.” Dann richtete er aus, was ihm aufgetragen war. Da tat sich ein Fensterchen vor ihm auf und der Admin las: “Die Cloud, die hast Du schon.” Eine Weile verkaufte der Hoster hernach Cloud-VMs an zufriedene Kunden, und der Admin sorgte sich stillvergnügt um seine Server. So ging es wohl acht oder 14 Tage, bis der Vorstand wieder zu dem Admin kam: “Wie schön wäre es doch, wenn wir auch ein paar Dienste as a Service anbieten könnten! Damit könnten wir noch viel mehr verdienen. Geh zurück an dein Terminal und verlange dies und jenes as a Service!”

Auch diesen Wunsch gab der Admin weiter und wieder lautete die Antwort: “Die Services, die hast Du schon!” In der Folge bot der Hoster auch Applikationen, Webserver oder Datenbanken als Services an. Doch schon nach kurzer Zeit kam der Vorstand wieder zum Admin: “Wie schön wäre es doch, wenn wir für die Services nichts bezahlen müssten! Geh zurück und verlange Open-Source-Software für unsere Cloud! Support dafür brauchen wir nicht. Wir sind nun so groß, dass wir das alles alleine hinbekommen. So verdienen wir viel Geld mit etwas, das uns keinen Heller kostet!”

Darauf wandte der Admin ein: “Aber die fleißigen Open-Source-Programmierer und Distributoren im Land sind darauf angewiesen, dass jemand ihre Enterprise-Versionen kauft. Wenn jedermann ihre Software in Clouds nutzt, aber die Hersteller nicht mehr dafür bezahlt, dann funktionieren deren Geschäftsmodelle nicht mehr und sie geraten an den Bettelstab.” Dem Vorstand war das einerlei. “Papperlapapp”, sagte der, “die müssen sich schon selber helfen.”

Schweren Herzens ging der Admin zurück an sein Terminal und übermittelte, was ihm der Vorstand aufgetragen hatte. Da verfinsterte sich der Himmel und Blitze zuckten durchs Gewölk. Und mit einem Mal war alle freie Software aus der Welt verschwunden. Der Admin aber fand sich bei einer Handvoll alter Server wieder, für die er nun auch noch teure Betriebssysteme und allerlei andere proprietäre Programme kaufen musste. Und wenn er nicht gestorben ist, dann müht er sich noch heute mit ihnen ab.

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