Aus Linux-Magazin 09/2019

Eile mit Weide

Jan Kleinert, Chefredakteur

Von Rindern war an dieser Stelle erst ein Mal die Rede, es ist Zeit diesem Mangel zu begegnen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunders beschrieb der britische Wirtschaftsautor William Forster Lloyd, wie Hirten im Königreich, die selbst kein Weideland besaßen und ihre Rinder deshalb auf gemeinschaftlichen Wiesen (der Allmende, englisch: Commons) fressen ließen, durch Überweidung systematisch die Grasnarbe und damit ihre Existenzgrundlage zerstörten.

Der Raubbau geschah nicht aus Dummheit, sondern sehenden Auges: Jeder Bauer wusste, dass er und die anderen zu viele Tiere auf die knapper werdende Ressource Wiese trieben. Doch der einzelne Hirte hätte ökonomisch unsinnig gehandelt, hätte nur er die Zahl seiner Viecher reduziert.

Am Ende der Überweidung verarmten alle Hirten, und der Begriff der dürren Allmendekuh machte die Runde. Zwei ebenso einfache wie unsympathische Maßnahmen hätten das Problem lösen können: Die Dorfbewohner hätten ihr Gemeineigentum einem Großgrundbesitzer übereignen müssen. Der wäre dann im Sinne der Werterhaltung seines Eigentums wohl nachhaltiger mit den natürlichen Ressourcen umgegangen. Oder sie hätten den Staat bitten müssen, Nutzungsbeschränkungen zu erlassen.

Auch auf William Forster Lloyd geht der Begriff für den systemischen Raubbau an einer sich erschöpfenden gemeinschaftlichen Ressource zurück: Tragedy of the Commons. Dass diese Tragöde keine rein historische ist, zeigen Meeres-Überfischung oder überbordende CO2-Emissionen. Erst der vor sieben Jahren verstorbenen Creative-Commonce-Päpstin Elinor Ostrom gelang es, ein komplexes kollektives Handlungsset für Nutzer zu entwickeln, das ohne Privatisierung der Ressourcen und ohne eine zentralstaatliche Vorschriften auskommt.

Die Wissens-Allmenden wie Wikipedia sowie die Code-Basare der Open-Source-Bewegung bedürfen einer solchen “Governing the Commons” (Elinor Ostrom) nicht, sie profitieren von ihrer einfachen digitalen Kopierbarkeit und erschöpfen sich durch Gebrauch nicht. Digitale Kopien bedrohen umgekehrt eine Menge Geschäftsmodelle, bei denen der Verbrauch das Vehikel ist, um den Gebrauch zu bepreisen. Die Leser von gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften kaufen vermeintlich Papier, in Wirklichkeit aber ein beschränktes Nutzungsrecht an Artikeln und Fotos. Welche benutzerfeindlichen Blüten das Adaptieren traditioneller Verwertungswege ins Digitale treiben kann, zeigt die “Bitparade” in diesem Linux-Magazin. Der Autor des Artikels jedenfalls hatte jede Menge Mühe, gekaufte kommerzielle Blu-ray-Filme unter Linux wiederzugeben.

Sich über einen Kopierschutz, der stets die Falschen trifft, oder eine in Javascript lax zusammengenagelten Paywall aufzuregen, ist natürlich erlaubt. Zugleich hat bislang niemand ein Ostrom-artiges Frameset für digitale Bücher, Zeitschriften, Musik oder Filme gefunden, das für alle Beteiligten in der Verwertungskette die richtigen Anreize schafft. Gelingt dies auf Dauer nicht, bekommen wir eine “Tragedy of the Content”, die nur durch staatliche Regelungen oder über wirtschaftliche Monopole lösbar wäre. Die Grasnarbe des Weidelands für Künstler, Fotografen und Autoren zeigt schon jetzt einen deutlichen Verschleiß. Am Enden werden die abgemagerten Kühe vielleicht genauso dumm aus der Wäsche schauen wie alle leidenschaftlichen Milchtrinker. Bauer sucht schlau.

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