Angeblich gab es sie: gütige Firmenpatriarchen, die neben Umsatz und Gewinn stets auch die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter im Blick behielten. Viele heutige Angestellte haben dagegen jemanden über sich, der (s)einen Ruf als harter Optimierer oder gar Sanierer genießt. Studien und empirische Erkenntnisse legen zudem nahe, dass Choleriker und nassforsche Sacharguments- und Gefühls-Ignoranten in Führungsetagen sehr viel häufiger sind als in der Gesamtbevölkerung.
Vermutlich meinen die dahinterstehenden Firmenbesitzer oder Aktionäre, dass der Typus wutschnaubender Durchdrücker eher ein Highperformer sei als die leise und gelegentlich verständnisvolle Führungskraft, die ihre Autorität allein aus der Qualität ihrer Entscheidungen schöpft. Absicht oder nicht, als Folge dieser Königsmacherei kann man manchmal den Angstschweiß riechen, sobald sich die Fahrstuhltüren in mancher Etage öffnen. Die Wette, ob im Büro am Ende des Ganges ein Rumpelstilzchen sein forsches Wesen treibt, ist leicht zu gewinnen.
Ob Abteilungen, die mit dem gleichen Vokabular wie die kaiserlicher Truppen gegen Napoleon geführt werden, am Ende der Schlacht die besseren Umsätze schreiben als Pfadfinder-Einheiten ohne explizite Tötungsabsicht, kann niemand sagen. Auf jeden Falls sind in moderat geführten Unternehmungen Fluktuation niedriger, Selbstwertgefühl, Arbeitsqualität und Motivation höher. Schon 2002 veröffentlichte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin einen Mobbing-Report für Deutschland. Demnach gehen Schikanen mehrheitlich vom Boss aus (“Bossing”) oder er toleriert sie mindestens.
Es waren keine renditehungrigen Anteilseigner, die Linus Torvalds auf den Linux-Chefsessel befördert haben. Er genießt das Privileg, Erfinder der Wurst zu sein, um die es beim freien Betriebssystem geht, weshalb er auch die Wurstfabrik führen darf. Von daher müsste er nicht zwingend an einem Rambo-Image feilen – tat es aber seit einem Vierteljahrhundert. Legendär sind seine Schimpfkanonaden und Wutausbrüche auf der Mailingliste.
Für die Journaille wie das Linux-Magazin waren solche Ausfälle natürlich stets willkommende Abwechslung im an Glamour armen Nerds-sitzen-vor-grauen-Kisten-Alltag. Die Verursacher seine Verbalattacken freilich litten beim Linux-Bossing. Nicht wenige warfen sogar das Handtuch – oft sehr fähige Entwickler, die angesichts ihres ehrenamtlichen Engagements zurecht der Meinung waren, sich den schrillen Ton nicht gefallen lassen zu wollen.
Ein selbst verschuldet geplatzter Auftritt auf dem Maintainer Summit, den die Community dann seinetwegen verschob, hat wohl bei Torvalds jetzt ein Umdenken provoziert. Er entschuldigt sich bei allen, die er über die Jahre derb angegangen war, und bekennt, Gefühle anderer nie gut verstanden zu haben. Das habe zu einer unprofessionellen Atmosphäre geführt. Er verordnet sich eine Auszeit und will sich Hilfe holen. Zudem denkt er über eine Art technischen Fuck-Mailfilter nach. Greg Kroah-Hartman soll das Tagesgeschäft vorerst führen.
Die ebenso plötzliche wie umfassende Katharsis eines chronischen, vielleicht sogar pathologischen Wüterichs überrascht sehr. Welches Detail Linus’ unvermittelte Reise ins Ich ausgelöst hat, bleibt vorerst im Dunkeln. Jedoch nötigt die Rigorosität Respekt ab – nach vergleichbar offensiven Rüden-Läuterungen muss man unter Firmenbossen länger suchen. “Gnothi seauton” (Erkenne dich selbst) steht über dem Eingang des Apollon-Tempels zu Delphi. Verschwände das Linux-Bossing auf immer, käme gar die Inschrift über dem Tempelausgang des Orakels infrage: Damit du Gott erkennst. Denn ein gütiger Patriarch wäre geboren.







