Aus Linux-Magazin 10/2018

Rückkehr-Produkte

Jan Kleinert, Chefredakteur

Seit Anfang 2010 riskieren Handy-Nutzer in Schanghai und Peking, dass jemand ihre SMS-Dienste blockiert, falls sie “illegale oder ungesunde” Inhalte verschicken. Auch Chinas Great Firewall scannt im Netz alles und jeden. VPN-Dienste müssen einheimische Telekommunikations-Anbieter demnächst blockieren. Die Organisation Reporter ohne Grenzen führt das Land in der Rangliste der Pressefreiheit auf Rang 176 von 180. Schwer vorstellbar, dass jemand aus dem freien Westen, der im Schutz von Grundrechten aufgewachsen ist, bei der informationellen Knechtung der 800 Millionen Internetnutzer Chinas hilft. Undenkbar? Chinesische iPhone-Besitzern verwehrt Apple, die Apps von VPN-Anbietern und der New York Times zu installieren.

Da lobt man sich Unternehmen mit Rückgrat, eines davon – Google – kürte die Moral 2004 sogar zum Verhaltensmotto: Don’t be evil! Vor acht Jahren zog sich der Konzern aus China zurück, um sich nicht zum Büttel der Zensoren zu machen. Vor kurzem jedoch verschwand “Don’t be evil!” ohne öffentliche Erklärung aus dem Kodex, und unter dem Namen Dragonfly arbeitet Google an einem Zensur-kompatiblen Produkt, um damit nach China zurückzukehren. Aufgebrachten Mitarbeitern gegenüber erklärte CEO Sundar Pichai: “Ich glaube wirklich an positive Auswirkungen, wenn wir uns weltweit engagieren. Ich sehe keinen Grund, warum das in China anders sein soll.” Ab welcher Umsatzmilliarde macht eigentlich die Sonne des Erfolgs das tiefste moralische Loch zu einem behaglichen Ort?

Es ist leicht und deshalb etwas billig, die Verdorbenheit großer Firmen zu beweisen und zu verurteilen. Ihr Management lebt in Quartale portionierter Furcht vor Fondmanagern und Investmentanalysten. Zeit, den Blick auf den Einzelnen zu lenken. Sein freier Wille macht es ihm es nämlich möglich, nach moralisch einwandfreien Maximen zu entscheiden.

Man ahnt – trotz besserer Voraussetzungen ist es auch mit der individuellen Moral nicht weit her. Ein aktuelles Beispiel: Das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig hat herausgefunden, dass nach 1990 in den Westen übersiedelte Ostdeutsche zunehmend in ihre alten Stammesgebiete zurücksiedeln. Der Grund sei der verbesserte Arbeitsmarkt, ja der im Osten ebenfalls anzutreffende Fachkräftemangel. Rückkehr-Kampagnen wie “Ankommen in Brandenburg” oder “Mach Mutti glücklich. Komm zurück.” mögen ein Übriges beim Repatriieren tun.

Wie umfassend muss die Amnesie der west-östlichen Übersiedler eigentlich ausfallen, um die Gründe für ihren Weggang zu vergessen? Es war doch die ab 1990 von Politik und Wirtschaft organisierte De-Industrialisierung der neuen Bundesländer, welche zwei Millionen Mensch zur Abwanderung zwang – reinrassige Wirtschaftsflüchtlinge, die der Perspektive von Arbeitslosigkeit, Bierbüchsen-Konsum, staatlichen Transferleistungen oder schlecht bezahlten Dödeljobs entgehen wollten. Die Politik freute sich indes über jeden gut ausgebildeten und karrierehungrigen Übersiedler, der die Statistik im Osten und den Arbeitsmarkt im Westen schönte.

Kann jemand vergessen, wie ihn seine Heimat vor den Kopf stieß mit “Wir brauchen dich nicht mehr! Geh doch weg oder wir stecken dich in eine Umschulung zum Friedhofsgärtner”?! Der Osten hat sich trotz neuer Straßen und überdimensionierter Klärwerke vom Aderlass der Elektrotechniker, Biologen oder Computerexperten bis heute nicht erholt. Das ist gut so und sollte als postindustrielles Arbeitnehmer-Fehlstellen-Mahnmal so bleiben. Jeder Rückkehrwillige darf über den Zusammenhang von Rauswerf-Kultur damals und Haltung heute nachsinnen.

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