Aus Linux-Magazin 05/2018

Blech-Redner

Jan Kleinert, Chefredakteur

Der Umstand, dass das Universum weder Anfang, noch Ende oder Ränder hat, besitzt für Leitartikel-Autoren milchstraßenweit den unschätzbaren Vorteil, jede Koordinate zu einem beliebigen Zeitpunkt x zum Zentrum des Universums erklären zu können ohne einer dreisten Lüge überführbar zu sein. Wie kaum ein anderes Datum sonst eignet sich der frühe Morgen des 14. März 2018 und der Ort Cambridge für eine Deklaration als Zentrum des Weltalls.

Der Anomalie des 14. März angemessen wäre gewesen, wenn sich das Herz Cambridges zu einem Schwarzen Loch verkrampft hätte – klein genug, um die Stadt nicht zu verschlucken, aber groß genug, um an der örtlichen Universität die Messinstrumente und den wissenschaftlichen Alltag durcheinander zu bringen. Aber Angemessenheit ist in Zeiten von Brexit und John-le-Carré-reif vergifteten russischen Doppelagenten keine britische Primärtugend, was möglicherweise erklären kann, dass der Nachweis des Schwarzen Lochs in Cambridge unterblieben ist.

Sicher ist nur, dass die Welt seit dem Moment des 14. März, als Stephen William Hawking starb, etwas düsterer ist – spürbar, aber sehr schwer messbar. Ebenso unermesslich sind die Verdienste des 76-jährigen Astrophysikers und Mathematikers, der schon als junger Mann über die Quantenmechanik von Urknall und Schwarzen Löchern forschte, in Cambridge über 30 Jahre lang den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik innehatte und Mitglied auf Lebenszeit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften war. Das ist verdammt viel erreicht für einen zweimal verheirateten und zweimal geschiedenen Spezialisten für euklidische Pfadintegralformulierung. Und es ist verdammt viel mehr für einen ALS-Patienten, dem die Ärzte wegen seiner degenerativen Nervenerkrankung bereits in den 60er Jahren nicht mehr viel Zeit für diesseitiges Surfen auf Gravitationswellen gaben.

Doch bei dem mit Auszeichnungen überhäuften Rollstuhlfahrer ging immer mehr als bei anderen, deren Grips reicht, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie weiterzuentwickeln. Hawking war populärwissenschaftlicher Bestsellerautor, machte auf einem Parabelflug Bekanntschaft mit der Schwerelosigkeit, steuerte seine Erfahrungen als Rollstuhlfahrer zu Intels Ubuntu-basiertem Connected Wheelchair Project bei und trat 2014 bei der Show “Monty Python Live (mostly)” auf.

Da vielleicht 100 Leute auf der Welt seine wissenschaftliche Arbeit in Gänze verstehen, wird wohl Hawkings popkulturelle Leistung mehr im kollektiven Gedächtnis der Menschheit bleiben als seine quantenkosmologische. Prägend war besonders das Scheppern seines Sprachcomputers Dectalk DTC01, dessen Stimme er auch für TV-Serien (“Die Simpsons”, …) verlieh oder dem Pink-Floyd-Titel “Keep Talking” (“For millions of years mankind lived just like the animals. Then something happened which unleashed the power of our imagination. We learned to talk.”).

Spätestens seit der Befürworter menschlicher Übersiedlung auf andere Himmelskörper 1993 in einer Folge von “Raumschiff Enterprise” sich selbst verkörperte und auf dem Holodeck beim Pokern gegen Data, Isaac Newton und Albert Einstein gewann, müsste jedem Karierte-Pollunder-Träger klar sein: Mehr Nerdigkeit als beim Nerd Hawking wird es nimmer geben. Der Typ markiert wie Lichtgeschwindigkeit oder null Kelvin: ein absolutes Limit. Dass er Frauen für das faszinierendste Mysterium der Welt hielt und an einem so genannten Pi-Tag (3/14) starb, Albert Einstein wurde an einem geboren, – wen bitte kann das noch wundern?!

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