Aus Linux-Magazin 03/2018

Chips fressende Köter

Jan Kleinert, Chefredakteur

“A Hund is’ er scho’!”, sagen Oberbayern – anerkennend – über jemanden, der durch Schläue und Tricks einen spektakulären Erfolg erringt. Die Formel, die einst für den pfiffigsten ortsansässigen Bauern oder Franz Josef Strauß erfunden worden ist, passt öfter und besser denn je auf gut gescheitelte Männer (und zu(?) wenige Frauen) in edlem Zwirn an Konferenztisch-Stirnseiten auf der ganzen Welt.

Die maximal Gewitzten rekrutiert die angeblich post-industrielle Wirtschaft als Entscheidungsträger. Wer im Vorstellungsgespräch auf die Frage, wozu es Grenzen gibt, antwortet: “Um sie zu verschieben!” kriegt den Führungsjob und einen obszön hohen Bonus. Wer dagegen verspricht: “Meine Leute und ich würden gerne versuchen, uns nahe an die Grenze heranzutasten”, hat Aussicht auf ein Tarifgehalt in der dritten Reihe, von wo aus er als einfaches Gemeindemitglied beim Hochamt den Verheißungen von “Marktführerschaft” und “Umsatzrekord” lauschen darf. Der Spruch “Die Welt gehört dem Tüchtigen” ist definitiv eine Lüge.

Selten, aber manchmal doch kommen Firmen wegen ihrer “A Hund is’ er scho’!”-Führungskräfte in Bedrängnis, wenn eine ihrer krassen Tricksereien auffliegt. Wer beispielsweise mit dem Fingerknöchel auf das Motorsteuergerät seines VW Diesels klopft, hört den satten Sound Alle-Grenzen-einreißender Entscheidungsträger. Dieser Tage haben eine oder vielleicht zwei Milliarden Menschen Grund, auf die CPUs ihrer PCs, Server, Smartphones, Fernseher, Chemieanlagen-Steuerungen und sonstiger rechenstarker Geräte zu klopfen. Denn so ziemlich jeder Prozessor von so ziemlich jedem Hersteller zeigt ein Fehlerbild, das es ermöglicht, Daten zu lesen, die einem nicht gehören. In mehrfacher Weise am Übelsten schaut es beim Marktführer aus. Meltdown und Spectre heißen die Security-Löcher, die Intel in fast jede ausgelieferte CPU dieses Jahrzehnts geschossen hat.

Das Problem kreist um das spekulative Ausführen von Befehlen. An dem performancesteigernden Mechanismus gibt es an sich nichts auszusetzen, wohl aber an einer Implementierung, die wenn die Spekulation nicht aufgeht, grob gesagt Daten in Registern zurücklässt, die dort nicht hingehören. Den CPUs fehlt es schlicht an der Logik und Schattenregistern, um diese Nebenläufigkeit manipulationssicher zu gestalten, weshalb auch Microcode-Updates das Ganze nicht reparieren, sondern nur lindern können. Aus der Fachwelt gab es schon vorher warnende Aufsätze, die sicher auch Intel-Entwickler kannten. Aber genauso sicher gab es “A Hund is'”-Leute, die eine echte Lösung unterbanden. Denn die hätte Performance und Chipfläche gekostet. “Hey, unsere Prozessoren sind die schnellsten, und wir machen die meiste Marge! Wer kauft Chips wegen Security-Features?!”

Was würde man nun von einem Konzern mit 100 000 Mitarbeitern erwarten, der ein halbes Jahr vorher erfährt, dass er vor dem größten PR-Desaster der Firmengeschichte steht? Ein paar schlüssige Argumente für die Öffentlichkeit vorbereiten vielleicht? Schnell eine neue, fehlerlose CPU-Generation an den Start bringen? Microcode-Updates für alle Prozessoren entwickeln und ausliefern? Die Chefs aller relevanten Betriebssysteme, Virtualisierungen, Compiler und Browser sofort einweihen und um Mithilfe bitten? Nein, a Hund arbeitet so nicht.

Solche Leute verkaufen erstmal ihr dickes Intel-Aktienpaket und warten ab. Die die Betriebssystem-, Software- und Bios-Entwickler können nach dem Platzen der Bombe ja ruhig ein paar Nächte rumprogrammieren (siehe Artikel ab Seite 18). Kommt dann der Tag, an dem die eigene Firma in den Nachrichten ist, sagen Grenzenlose Dinge wie: “Hey, kein Problem: Unser Zeug tut, was es soll, und keiner kann eure Daten manipulieren.” Oder: “Hey, das Zeug von den Wettbewerbern ist genauso scheiße.” Es klingt mechanisch paradox, aber bei Hunden, die den Schwanz einziehen, sieht man das Arschloch am deutlichsten.

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