Zurück zu den Wurzeln: Mag Mark Shuttleworth der Konvergenz-Idee auch hinterhertrauern, für Ubuntu könnte die Abkehr vom Displaymanager Mir und dem Unity-Desktop einen Neuanfang bedeuten. In der nun erschienenen Zwischenversion 17.10 lassen sich die Veränderungen gut an.
Im Frühjahr dieses Jahres gab Mark Shuttleworth, Canonical-Gründer und Mäzen der Linux-Distribution Ubuntu, überraschend bekannt, den Desktop Unity 8 nicht länger entwickeln zu wollen. Damit beerdigte er zugleich die Idee, einen Desktop für alle Geräteklassen zu entwerfen. Als ein Ergebnis der Ankündigung setzt Ubuntu 17.10 alias Artful Aardvark [1] nun wieder auf Gnome und kehrt so zu den Anfängen zurück.
Gnome statt Unity
Zwar heißt es in den offiziellen Hinweisen [2] fast schon lapidar: “Der Ubuntu Desktop verwendet Gnome anstelle von Unity” (Abbildung 1). Doch die kurze Notiz spiegelt kaum die Tragweite der Canonical-Entscheidung wieder. Tatsächlich hat der Ubuntu-Sponsor sieben Jahre lang Zeit und Geld in Unity investiert, um diese Arbeit jetzt innerhalb von nur wenigen Monaten fast vollständig zu beenden. Das freut vor allem jene Teile der Community, die Canonicals Sonderweg mit Unity und Mir stets als unnötige Spaltung empfanden.

Abbildung 1: Sieht ein wenig aus wie Unity, kann aber seine Gnome-Wurzeln nicht verleugnen: Der neue Desktop von Ubuntu 17.10. Ihm fehlen unter anderem die Lenses und das Hud des traditionellen Unity.
Konvergenzschmerzen
Die Konvergenz-Idee geht vor allem auf Mark Shuttleworth zurück. Sie sah vor, einen anpassbaren Ubuntu-Desktop für Smartphones, Tablets und Desktop-Rechner gleichermaßen zu verwenden. Shuttleworth setzte dafür auf Qt 5 statt GTK und wollte mit Mir einen eigenen Displayserver entwickeln, anstatt die Community-Entwicklung Wayland zu adaptieren. Umso überraschender kam die Ankündigung im April 2017.
Unity-Look ohne Unity
Die erste produktionsreife Distribution nach dieser Abkündigung ist Ubuntu 17.10. Das setzt die Rückkehr zum Code der Upstream-Community von Gnome zumindest aus technischer Sicht weitgehend um. Es verwendet das aktuelle Gnome 3.26 als Desktop. Besitzt der Anwender Hardware, die mit freien Grafiktreibern läuft, kommt zudem Wayland als Displaymanager zum Zug. Als Login-Manager fungiert hingegen GDM statt wie bisher Light DM. Neu ist auch, dass der Login-Screen nun auf dem virtuellen Terminal VT 1 statt wie seit Jahren auf VT 7 läuft.
Wie sich bereits auf der Gnome-Entwicklerkonferenz Guadec im Sommer dieses Jahres andeutete, passt das Ubuntu-Desktop-Team den Gnome-Code aber auch an einigen Stellen an und verwendet ein eigenes Theme. Damit besteht das orange-lila-braune Aussehen als Markenzeichen der Desktop-Distribution fort, zusammen mit weiteren optischen Merkmalen des Unity-Desktops.
Am meisten fällt dabei das Dock am linken Bildschirmrand auf. Anders als beim Gnome-Upstream ist es in Ubuntus Gnome-Version dauerhaft sichtbar. So erinnert der Desktop zusammen mit der Farbgebung und einigen Designdetails weiter an Unity. Vermutlich wollen die Ubuntu-Macher bestehende Nutzer mit dem Wechsel nicht überfordern.
Ein unveränderter Gnome-Desktop lässt sich allerdings einfach nachinstallieren, zusätzlich kann der Nutzer auf die Ubuntu-typische Farbgebung verzichten und Gnomes Blau-Schwarz-Look übernehmen. Für Nutzer, die Unity so lieben, dass sie nicht auf den alten Desktop verzichten möchten, steht dieser ebenfalls über die Paketquellen bereit.
Die Auswahl an verschiedenen Desktops und Anzeigetechniken (X11, Wayland) erlaubt einen schnellen Vergleich, zeigt große wie kleine Änderungen oft sehr deutlich und sorgt auch für die eine oder andere Irritation.
Extensions zur Hilfe
Die laufenden Anwendungen markiert Ubuntu in der fixen Menüleiste auf der linken Seite neben ihren jeweiligen Icons mit recht auffälligen roten Punkten. Wie bei Unity lässt sich das Dock auf Wunsch auch an den unteren oder rechten Bildschirmrand schieben und von Vollbildanwendungen überdecken. Für Letzteres sorgt die Erweiterung Dash-to-Dock, mit deren Entwicklern das Ubuntu-Team für die aktuelle Version eng zusammengearbeitet hat.
Als weitere Frucht dieser Kooperation hat ein Canonical-Entwickler für diese Erweiterung auch einen Teil des Unity-API implementiert. Als Ergebnis erhält beispielsweise das Firefox-Icon im neuen Dock weiterhin eine Download-Anzeige und verrät das Thunderbird-Icon die Anzahl ungelesener Nachrichten. Im Test klappte das allerdings nicht immer wie vorgesehen.
Darüber hinaus verwendet der neue Ubuntu-Desktop mit »AppIndicator« noch eine Unity-Erweiterung. Die heißt bei KDE »KStatusNotifierItem«. Sie erlaubt es, in der oberen Kontrollleiste des Desktops kleinere Anwendungen und Helferfunktionen zu ergänzen, wozu etwa die Ausgabe von Temperatursensoren gehört. Das Ubuntu-Team übernimmt die Pflege dieser Extension.
Die aus Sicht des Ubuntu-Teams hilfreiche Funktion über eine Erweiterung für die Gnome-Shell umzusetzen, ergibt durchaus Sinn. Die Arbeit an Unity hat ja vor allem gezeigt, dass tiefgreifende Änderungen zu großen Inkompatibilitäten führen können. Für Unity pflegte das Ubuntu-Team am Ende Forks verschiedener Gnome-Bestandteile.
Irritierend ist jedoch, dass Nutzer die beiden Erweiterungen in der Ubuntu-Session nicht an- oder abstellen können, obwohl dafür ein GUI bereitsteht. In der Gnome-Session wiederum lässt sich die Erweiterung wie vorgesehen dynamisch aktivieren. Die Entwickler erklären das so, dass Ubuntu die Funktionen als Systemerweiterungen nutzt. Das beträfe auch andere Sitzungen wie die Classic-Sitzung von Gnome. Ob sie den Fehler beheben, ist derzeit noch offen. Die Arbeit daran hat aber wahrscheinlich keine besonders hohe Priorität.
Kein Hud, keine Linsen
Eine der interessanteren Funktionen von Unity, das so genannte Hud, fehlt im neuen Ubuntu. Es war in Unity per Knopfdruck verfügbar und ermöglichte das schnelle Durchsuchen von Fenstermenüs über die Tastatur. Über das Hud konnten Nutzer einige eventuell tief im Menü vergrabene Funktionen schnell aufrufen.
Canonical gibt zudem das Konzept der Scopes und Lenses auf, mit denen Ubuntu das Unity-Dash erweiterte. Sie ermöglichten über den Ubuntu-Knopf im Dash zum Beispiel einen zentralen Zugriff auf Musikdateien und Fotos. Die von der Community immer wieder kritisierte Amazon-Shopping-Linse lebt als Icon weiter. Ein Klick darauf öffnet Amazons Webseite im Browser.
Ob das Ubuntu-Team derartige Funktionen oder auch neue Ideen künftig ebenfalls als Gnome-Erweiterung realisieren will, ist noch unklar. Für die aktuelle Version haben sich die Entwickler offenbar darauf konzentriert, weitere Details mit Bordmitteln umzusetzen.
Ähnlich, nicht identisch
Um die bisherige Optik von Unity auch auf dem neuen Gnome-Desktop zu bewahren, adaptierten die Entwickler ihr Theme mit dem Namen Ambiance an den aktuellen Gnome-Code. Dabei haben sie auch einige Fehler behoben. Dadurch dürfen nun alle Gnome-Nutzer unabhängig von der Distribution auf Wunsch das Ubuntu-Farbschema verwenden. In diesem dominieren weiterhin Braun und Orange die Kulisse als Markenzeichen von Ubuntu.
Einzige Ausnahme und zugleich eine Neuerung ist das sehr auffällige Grün für bestimmte Aktionsknöpfe, die direkt in der Kopfleiste von Fenstern stecken. Dazu zählt etwa der »Speichern«-Knopf im Dateimanager Nautilus. Laut Entwickler Didier Roche ist die knallige Farbe Absicht, die Knöpfe seien den Usern andernfalls nicht aufgefallen.
Ein deutlicher Unterschied zur Standardoptik von Gnome sind die Knöpfe zum Schließen, Minimieren und Maximieren der Anwendungen in Ubuntu. Gnome bietet üblicherweise nur einen Knopf zum Schließen an, bei Ubuntu sind es drei. Langjährige Unity-Nutzer müssen sich aber umgewöhnen – nach sieben Jahren sind die Knöpfe wieder auf die rechte Seite der Fensterleiste gewandert.
Details und Paket-Updates
Andere Neuerungen von Ubuntu 17.10 haben eher weniger mit der Rückkehr zu Gnome zu tun. So unterstützt die Distribution das hauseigene Snap-Format und integriert den Snap-Store in Gnomes Paketverwaltung Software (Abbildung 2). Auch an Snap arbeitet Canonical bereits seit einiger Zeit.

Abbildung 2: Im Paketmanager verwaltet Ubuntu 17.10 auch Software im hauseigenen Snap-Format. In dem liegt etwa der Nextcloud-Client vor. Flatpak hat das Ubuntu-Projekt (bislang) nicht übernommen.
Nicht vom Desktop-Wechsel betroffen ist auch die standardmäßige Unterstützung für die Hardwarebeschleunigung von Videos. Die beschränkt sich aber zunächst auf Intel-Chips und das VA-API.
Wie zu erwarten war, bringt Ubuntu 17.10 auch reguläre Software-Updates mit und setzt nun etwa auf Libre Office 5.4. Ebenso verzichtet die Distribution auf die Installation von Python 2 und verteilt die Programmiersprache per Default in Version 3.6. Der als Grundlage genutzte Linux-Kernel 4.13 unterstützt unter anderem die neuen Coffee-Lake-CPUs von Intel. Den GPU-Treiber muss der Anwender über die Option »i915.alpha_support=1« in der Kernel-Kommandozeile eigens aktivieren.
Der Networkmanager kommt in Version 1.8 zum Einsatz, Neuinstallationen setzen statt der »ifupdown«-Skripte das hauseigene Netplan ein. Serversysteme verwalten ihre Netzwerke künftig über den Networkd aus dem Systemd-Werkzeugkasten.
Wo gibt’s das?
Wer Ubuntu 17.10 als 32-Bit-Version für Desktop-Systeme einsetzen möchte, hat hingegen schlechte Karten. Das entsprechende Installationsimage bietet Canonical neuerdings nicht mehr an. Die 64-Bit-Versionen lassen sich aber wie üblich auch in einer Live-Sitzung ohne Installation testen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wer Ubuntu bootet, ohne es zu installieren, landet auch auf der grafischen Oberfläche. Die lädt zu Tests ein, ermöglicht aber auch eine Installation.
Wem der neue alte Gnome-Desktop nicht zusagt, der kann Ubuntu in einer Reihe weiterer Varianten mit anderen Desktops einsetzen. Dazu gehören Kubuntu mit KDE Plasma, Xubuntu mit Xfce, Lubuntu mit LXDE oder Ubuntu Mate mit dem Gnome-2-Fork. Ebenso warten im Downloadbereich [3] Server- und Cloud-Images auf Interessenten.
Fazit
Der Wechsel von Unity auf Gnome ist dem Team trotz der recht kurzen Vorbereitungs- und Entwicklungszeit gut gelungen und darf wohl als Erfolg bezeichnet werden. Das liegt auch an der detailversessenen Arbeit einer Handvoll Entwickler und Designer, welche die Gnome-Shell fast wie das alte Unity aussehen lassen. Wenn im April 2018 dann die nächste LTS-Version mit fünf Jahren Support erscheint, haben die Entwickler vermutlich auch die noch bestehenden Baustellen geschlossen.
Die Community dürfte indes freuen, dass das Ubuntu-Team nun weitgehend auf technisch tiefgreifende Alleingänge verzichtet und wieder enger mit der Upstream-Community zusammenarbeitet. Damit gehört die Zukunft wohl Wayland und das in die Jahre gekommene X11 stirbt langsam aus.
Ein Unterschied zur übrigen Community besteht aber: Während die Gnome-Entwickler Flatpak unterstützen, verwendet Ubuntu wie erwähnt Snap. Allerdings herrscht in der Linux-Community noch keine Einigkeit über die Zukunft der Paketformate. Anders als bei Unity 8 und dem eigenen Displayserver isoliert der Schritt das Ubuntu-Team also nicht vom Rest der Community.
Als Wermutstropfen bleibt, dass einige der eventuell lieb gewonnenen Funktionen von Unity im neuen Ubuntu nicht mehr auftauchen und es eventuell auch nie werden. Wer partout nicht auf Unity verzichten möchte, kann sich den alten Desktop noch installieren. Unity mit Ubuntu 16.04 bleibt zudem bis Anfang 2021 offiziell Pflegekandidat.
Infos
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Release Notes zu Ubuntu 17.10: https://wiki.ubuntu.com/ArtfulAardvark/ReleaseNotes
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Ubuntu 17.10 herunterladen: https://wiki.ubuntu.com/ArtfulAardvark/ReleaseNotes#Download_Ubuntu_17.10





