Bis auf die paar Leute, die ihre Kindheit auf einem abgelegenen Bergbauernhof oder einer Hallig im nordfriesischen Wattenmeer verbracht haben, kennen wohl alle das Spiel Stille Post, bei dem Kinder eine Flüsterkette bilden. Meist ist es so, dass der am Ende rauskommende Satz rein gar nichts mehr mit dem ursprünglich reingesteckten zu tun hat. Aus “Frau Holle trägt heute schöne Schuhe” wird ein “Kabinen-Shirt will Traudel Waldheim”. Am Ende lachen alle und wundern sich auch ein bisschen, wo diese Frau Waldheim wohl hergekommen ist.
Wenn die Flüster-Kinder später groß sind, Bäuche, Falten und Schlupflider, Jobs, Ärger mit dem Finanzamt und selber Kinder bekommen haben, spielen sie noch immer Stille Post – freilich unbewusst. Man hört oder liest irgendwo einen Informationshappen, vermischt den mit eigenem Wissen und gibt den Senf bei sich bietender Gelegenheit als Quasi-Wahrheit weiter. Das Ganze ist offensichtlich tief menschlich und zugleich der Mechanismus, durch den Gerüchte entstehen. Passiert die Stille Post nur genügend Stationen, wird aus einer jungen Frau, die sich im Freibad beschwert, dass ihr der Kassierer nicht auf einen 100-Euro-Schein rausgibt, die “Russenschlampe aus der 36A, die die Polizei nachts mit zwei Schwimm-Meistern am Beckenrand überrascht hat”.
Gerade ist Linux Opfer eines Gerüchts geworden. Die Vorgeschichte: Am 15. Februar 2017 hatte auf einer Stadtratssitzung die in München regierende Groko, geführt von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Josef Schmid (CSU), sich für die Migration der städtischen Linux-Clients hin zu Microsoft-Software ausgesprochen, was angesichts der Mehrheitsverhältnisse das Aus für das Limux genannte Projekt bedeutete. Dass keines der ohnehin spärlich vorgetragenen Sachargumente einer genauen Prüfung standgehalten hätte – egal (siehe Linux-Magazin 04/17). Zeugen der Vorgänge konnten sich immerhin ein eigenes Bild machen, da Abgeordnete der zahlenmäßig schwachen Opposition mit ihren Argumenten und Fragen dagegenhielten.
Seit Mitte Februar jedoch läuft die Stille Post weiter. Da schalte beispielsweise irgendwer auf Muenchen.de die Limux-Informationsseiten ab. Noch seltsamer: Die Kommune hatte sich 2014 in einem regulären Ausschreibungsverfahren für die Groupware Kolab entschieden. Seit April nun schweigt sich die IT-Leitung der Stadt zu dem Thema aus, angeblich, um Hackerangriffe zu vermeiden. Nun wabert das Gerücht umher, demnächst werde Microsoft Exchange ausgerollt – bei der Bundestags-IT war vor Jahren ähnliches passiert.
Die nächsten erwachsenen Stille-Post-Kinder arbeiten für den Bund der Steuerzahler Deutschland. Der e.V. veröffentlich in jedem Herbst sein in der Öffentlichkeit stark beachtetes Schwarzbuch “Die öffentliche Verschwendung”, in der jüngsten Ausgabe prangert es auch das Limux-Projekt an (“IT-Experiment für 19,1 Millionen Euro”) und kommt zu dem Schluss: “Das … Limux-Betriebssystem hat sich offenbar als folgenschwere Fehlentscheidung erwiesen. Pinguin, adieu!” Einzige Basis des Verrisses sind eingeholte Auskünfte der Stadt München, die sich mit den postfaktischen Erklärmustern der beiden Münchner Bürgermeister decken.
Zum Wesen aller Gerüchte gehört, dass an ihren Opfern immer etwas haften bleibt – an der untadeligen Dame aus der 36A genau wie am lizenzkostenfreien Linux. Wer aus der Geschichte unbedingt Lehren ziehen will, dann diese: 1) Dass am Ende von Stille Post alle lachen, stimmt nur im Kindesalter. 2) In Schwarzbüchern stehen keine farbigen Geschichten. 3) Im Freibad stets passend zahlen. 4) Linux wäre mit Frau Holle und Frau Waldheim besser dran als mit den Herren Reiter und Schmid. 5) München auch.






