Hand hoch: Wer ist nüchtern schon mal gegen eine Mauer gelaufen? Ich denke, dass das bereits mehr Leuten passiert ist, als denen, die es jetzt zugeben wollen. Warum? Hand hoch: Wer weiß, was eine Paywall ist? Das ist prima. Für alle anderen hier die Auflösung: Die Paywall auf einer Website ist eine Art Firewall gegen mittellose Besucher oder Begüterte, die es nicht einsehen, etwas für einzelne Inhalte auf der Seite zu bezahlen. Wahrscheinlich ist jeder schon öfter und ohne Vorwarnung gegen eine Paywall geknallt. Auch auf Linux-magazin.de geht es den Besuchern so, die Artikel aus dem letzten Jahr lesen wollen und kein entsprechendes Digitalabo besitzen.
Viele Internetaktivisten meinen, dass freie Meinungsbildung nur über freie Inhalte funktionieren kann, und empfinden Paywalls mindestens als großes Ärgernis, wenn nicht gar als Zeichen für “Die haben das Internet nicht verstanden”, das sie gern mit einer Prognose des baldigen Untergangs verbinden. Das wenigste Verständnis bringen Blogger und Tweet-Schreiber auf, die mangels eigener gesicherter Erkenntnisse gerne auf journalistisch Inhalte verlinken, ihre Nutzer aber nicht zu den Paywalls von New York Times und Co. schicken wollen.
In der Europa-Politik scheint sich dieser Tage die Auffassung der Verlage zum Thema Urheber- und Verwertungsrecht durchzusetzen (“Leistungsschutzrecht” für 20 Jahre, siehe Artikel ab Seite 88). Die üblichen Digitalverbände sind empört, einige der letzten Abgeordneten der “Piraten” wohl auch. Dabei gärt das Thema in Berlin seit bald zehn Jahren auf den Regierungsfluren. Dass es jetzt per EU hereingereicht wird, entspricht der gängigen Praxis beim Eintüten heikler Themen.
Aus Sicht der Verlage stellt sich das anders dar: Höchstens ein Viertel der Nutzer ist prinzipiell willens, für angebotene Texte und Videos zu bezahlen. Im Moment tatsächlich die digitale Geldbörse zücken, tun noch viel weniger. Die Alternative, also werbefinanziert und für alle zugänglich, funktioniert bestenfalls bei Mainstream-Medien, weil Google einen großen Teil des Werbemarktes kontrolliert und Facebook und ähnlich große Plattformen mehr Werbeplätze billig generieren als es dafür eine Nachfrage gibt.
Egal, ob der eine Internetnutzer nun angesichts eines bevorstehenden Etappensieges per Gesetz empört ist oder der andere Mitleid empfindet angesichts der Zwickmühle für Verlage, denen ein EU-Gesetz auch keinen Euro mehr in die leeren Taschen spielen wird – das Problem wird kein Federstrich lösen. Die Sache der unsichtbaren Hand des Marktes zu überlassen, könnten langfristig nur ein paar Große überleben. Die manchmal als Lösung vorgetragene Content-Flatrate, eine Internet-Gema zu entrichten pro Haushalt, würde in der Praxis am Streit der Inhalteproduzenten über jede Art Verteilungsschlüssel scheitern. Denn was ist mehr wert: Ein 15 000 Zeichen langer Technikbeitrag zu Open Stack, den 500 Leute lesen, ein 1500 Zeichen lange News über die Preisverleihungen auf einer Erotikmesse mit 5000 Lesern oder ein 150 000 Zeichen langer Industrie-gesponsorter Blogbeitrag zu Gullideckeln, den 50 Deckel-Fans erregt verschlingen?
Hand hoch: Wer kennt die Lösung? Keiner? Na gut, dann danke ich für die Aufmerksamkeit und wünsche einen guten Nachhauseweg.
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