Aus Linux-Magazin 10/2008

KDE Akademy 2008

Auf dem jährlichen Entwicklertreffen der KDE-Desktopumgebung – diesmal im belgischen Sint-Katelijne-Waver – ging es zwar mit rund 300 Teilnehmern familiär und entspannt zu. Das konnte jedoch nicht über bewegende Inhalte hinwegtäuschen: gemeinsame Sache mit Gnome, Plasmoidenschwärme, neue Zweige.

“Zur Akademy 2009”, so heißt Adriaan de Groot beharrlich am Samstagmorgen die Teilnehmer der Akademy 2008 (Abbildung 1) willkommen. Beim zweiten 2009 lacht das Publikum lauter, schließlich erlöst ihn jemand durch Zuruf. Warum der gebürtige Kanadier gedanklich so mit der nächsten Konferenz in Gran Canaria beschäftigt ist, hält er geheim. Auf dem belgischen Campus De Nayer, Teil der Technischen Lessius-Hochschule von Sint-Katelijne-Waver [1], tummeln sich von Samstag, 9. August, bis Freitag, 15. August 2008, jedenfalls rund 300 Teilnehmer. Die Contributor Conference am Wochenende schließt mit der Verleihung der Akademy Awards. Die folgenden fünf Tage sind für das KDE-Vereinstreffen und Workshops vorgesehen.

Nokia in Spendierlaune

Während die Sponsoren Open Suse und Kubuntu zum Auftakt des Wochenendes bescheiden Distributions-CDs in den von Nokia verteilten Notebooktaschen positionieren, verschenkt die Mobilfunkfirma am Mobil- und Embedded-Tag (Dienstag) gleich 100 Internet-Tabletts des Modells N810 an die KDE-Entwickler und legt noch einmal 40 drauf, auf dass sie das Projekt an würdige Unterprojekte verteile. Die QT-Firma Trolltech, von Nokia Anfang 2008 gekauft, bleibt hingegen gelassen. Sie ist dem KDE-Verein schon seit 1998 verbunden, als beide gemeinsam die Free-QT-Stiftung gründeten. Viele Trolltech-, Ubuntu- und Suse-Entwickler steuern Code zu KDE bei.

Gemeinsam effizienter

Daher bedürfen Verein und Unterstützer nach Erfahrung von Cornelius Schumacher kaum spezieller Planungsrunden. Er ist Vorstandsmitglied beim KDE e.V. und gibt in seinem Vortrag einen Lagebericht des Vereins. Über die Stuhlreihen hinweg tauschen sich Schumacher und der im Publikum sitzende Vincent Untz über Sponsorengebahren aus. Gnome-Unterstützern ist demnach an regelmäßigen Abstimmungsrunden gelegen.

Vincent Untz ist im Vorstand der Gnome Foundation und Gnome Release Manager. In seinem Vortrag über Cross-Desktop-Plattformen hält er ein flammendes Plädoyer für eine gemeinsame Desktop-Plattform. Dem Anwender sei egal, so Untz, welchem Desktop eine Anwendung angehöre, denn dem Nutzer gehe es um die Anwendung an sich. Außerdem würde die Handhabung von Bibliotheken einfacher: Die Entwickler einer vereinigten Applikation griffen dann auf eine gemeinsame Bibliothek zu und bräuchten sie folglich auch nur ein Mal zu warten. Schließlich würde eine gemeinsame Plattform die Zahl der Anwender erhöhen.

Gemeinschaft skalieren

Auf der grafischen Ebene, und zwar quirlig-interaktiv, bewegt sich die Idee eines Social Desktop, die Frank Karlitschek vorstellte, Maintainer mehrerer Artwork- und Contributer-Webseiten (Abbildung 2). In seiner Keynote schlägt er etwa neue Plasmoiden für den KDE-Desktop vor, zum Beispiel eine Art Buddy-Liste, die alle Benutzer in der Nähe des eigenen Rechnerstandorts mit Foto zeigen. Weiter fällt ihm ein KDE-Eventkalender ein. Auch könnten in den About-Informationen von KDE-Anwendungen nicht nur Namen stehen, sondern auch Fotos der beitragenden Entwickler.

Abbildung 2: KDE-Projektler Frank Karlitschek, Sebastian Kügler und Franz Keferböck (von links nach rechts) im Kreise anderer Konferenzteilnehmer auf der Cafeteria-Terrasse während einer Vortragspause.

Abbildung 2: KDE-Projektler Frank Karlitschek, Sebastian Kügler und Franz Keferböck (von links nach rechts) im Kreise anderer Konferenzteilnehmer auf der Cafeteria-Terrasse während einer Vortragspause.

Der Webentwickler macht aber deutlich, dass es nicht nur um Fotos von Freunden gehe: “Wir können viel mehr als das.” So seien auch Funktionen denkbar, die die Hilfesuche in der Community erleichtern. “Das sind Sachen, die Microsoft oder Apple nicht bieten können, denn eine solche Community gibt es dafür nicht”, begründete Karlitschek seine Idee. Für die technische Umsetzung lädt der Stuttgarter zur Diskussion ein: Einen ersten Entwurf des Konzepts hat er kürzlich online gestellt [2].

Online

Linux-Magazin Online war bei der KDE Akademy vor Ort. Auf [https://www.linux-magazin.de] beschert das Suchwort »akademy« dem Daheimgebliebenen Videos mit KDE-Entwicklern und Artikel zu einzelnen Vorträgen.

Neue Methoden

Die KDE-Community ist nach Aussage von Vereinsvorstand Sebastian Kügler ungefähr seit der Arbeit an KDE 4.0 stark gewachsen. Das Projekt öffnete sich mehr für Nicht-Entwickler wie Grafiker oder Übersetzer, erzählt er am Rande der Veranstaltung dem Linux-Magazin. Inzwischen befürchtet er, dass das Projekt durch die neuen Projektzweige zerfallen könne. Zusammen mit Dirk Müller von Novell macht er sich in seinem Vortrag Gedanken um Kollaborationsmethoden. Als wichtige Idee bezeichnet er, den KDE-Desktop wie einen Baum mit einem stabilen Stamm auszustatten und den Distributionen sowie Projekten eigene Zweige anheimzustellen, die sie eigenständig patchen.

Viele KDE-Leute seien bereits der Meinung, das Projekt solle demnächst auf Git umsteigen, das Versionskontrollsystem von Linus Torvalds für den Linux-Kernel. Ein weiteres Gedankenexperiment lautet “Im Trunk ist immer Sommer”. Das bedeutet, das Projekt würde auf jeden Code-Freeze verzichten und eine Neu- oder Weiterentwicklung sofort freigeben “sobald sie den Alphatest überlebt”.

Knigge, Logo, Knete

Der KDE e.V. nutzt die jährliche Entwicklerkonferenz stets für seine Jahreshauptversammlung. Dieses Jahr beschließt er den “Code of Conduct”, eine Art Knigge für das KDE-Projekt [3]. Darin legt der Verein fest, dass sich Mitglieder der KDE-Community etwa mit Respekt und Hilfsbereitschaft begegnen.

Der Themenkatalog zollt dem Community-Wachstum an mehreren Stellen Tribut. So gibt es jetzt eine fünfköpfige Community-Arbeitsgruppe, die als Bindeglied zwischen Entwicklern und Anwendern dient. Auch sich selbst gönnt der Verein etwas: Oxygen-Mitglied David Vignoni stellt das erste offizielle KDE-Vereinslogo vor (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die drei Fahnen am oberen Rand des neuen Vereinslogos stehen für die drei Zwecke des KDE e.V.: Unterstützen, Repräsentieren und Leiten.

Abbildung 3: Die drei Fahnen am oberen Rand des neuen Vereinslogos stehen für die drei Zwecke des KDE e.V.: Unterstützen, Repräsentieren und Leiten.

Gut wirtschaften kann der Verein jedenfalls. Im Jahr 2007 befinden sich knapp 82 000 Euro auf der Habenseite und nur gut 57 000 Euro auf der Sollseite des vom Verein geführten Projektkontos. In Zukunft will der Verein gezielt um die Fördermitgliedschaften einzelner Personen werben, die den KDE e.V. mit 100 Euro im Jahr unterstützen. Am Montag auf der Jahresversammlung steht die Finanzierung von mehr Entwicklertreffen auf der Tagesordnung. Bei diesen Zusammenkünften handelt es sich um Workshops mit rund zehn Teilnehmern, für die der Verein Anreise und Unterkunft bezahlt.

Anerkennung

Die Award-Gewinner des letzten Jahres – Danny Allen, Matthias Kretz und Sebastian Trueg – verleihen 2008 den Preis für die beste Anwendung an Mark Kretschmann für Amarok. Sie heben die Öffentlichkeitswirksamkeit des Musikabspielers hervor, da ihn auch viele Nicht-KDE-Nutzer kennen. An der Person Kretschmann seien außerdem starke Vision und Motivationskraft lobenswert, erklären die Preisverleiher bei der Übergabe.

Jeder Award verbindet einen sachbezogenen mit einem persönlichem Verdienst. So ehrt die Jury Nuno Pinheiro für die beste Nicht-Applikation, nämlich die Icon-Sammlung in Oxygen. Er erhält den Preis aber auch dafür, dass er die Kluft zwischen Designern und Programmierern überbrückt. Der Jury-Spezialpreis geht an Aaron Seigo vom KDE-Verein. Ihn hebt die Jury für seine Arbeit am Plasma-Desktop heraus, für seine Vorreiterrolle in der Entwickler-Community und dafür, dass er das Projekt nach außen hin erfolgreich vertritt. Seigo ist seit 2005 im Vorstand des Vereins. Bei verzögertem Vortragsbeginn legt er in Sint-Katelijne-Waver zur Ablenkung schon mal eine Tanznummer auf die Bühne.

Infos

[1] Webseite der Akademy:[http://akademy.kde.org]

[2] Social Desktop, Draft 1: [http://www.open-collaboration-services.org]

[3] KDE Code of Conduct:[http://www.kde.org/code-of-conduct]

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