Aus Linux-Magazin 08/2017

Untoter Vogel

Jan Kleinert, Chefredakteur

Das Wesen eines Running Gag zu erkunden, ist gar nicht einfach: Zuerst muss die darunterliegende Geschichte unterhaltsam sein. Der mit maximal leichten Abwandlungen wiederholte Witz unterbricht diese Haupthandlung und ironisiert sie dabei. Wohl weil gute Running Gags so schwer zu produzieren sind, sind sie in der Unterhaltungskunst gar nicht oft anzutreffen.

Beim “Dinner for One” stolpert Butler James (Freddie Frinton) elfmal über den Tigerfell-Kopf und fragt vor jedem Gang: The same procedure as last year, Miss Sophie? Im Blake-Edwards-Film “Der rosarote Panther kehrt zurück” von 1975 mit Peter Sellers als Inspektor Clouseau fußt der Running Gag darauf, dass Chefinspektor Dreyfus den ganzen Film über seine echte Pistole mit einer Feuerzeugpistole verwechselt – und umgekehrt, was sowohl die Verbrecherjagd wie auch das Entzünden einer Zigarette zum Abenteuer macht.

Das Beispiel zeigt, dass der Gag an sich ruhig trivial sein darf, nur das Gesamtpaket muss stimmen. In anderen Fällen – und das sind bedauerlichweise die häufigeren – stimmt es nicht. Dann rollt der Zuschauer ab der zweiten Wiederholung die Augen und fragt sich, ob er wohl im falschen Film sitzt.

An dem Tag, an dem dieses Editorial enstanden ist, war so ein Film-Tag ohne Freddie Frinton und Peter Sellers, wohl aber mit einer seltsam klein angesetzten Szene der Großen Koalition im Bundestag. Kurz vor der Sommerpause, versteckt zwischen langweiligen Anträgen und ohne reguläre Debatte haben die Fraktionen von CDU/CSU und SPD vor, ihren “Änderungsantrag zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuchs, des Jugendgerichtsgesetzes, der Strafprozessordnung und weiterer Gesetze” durchs Hohe Haus zu bringen.

Dabei geht es um sehr Belangvolles: Um Schadsoftware zur Quellen-Telekommunikationsüberwachung (TKÜ) und die Online-Durchsuchung, also den Bundestrojaner. Dessen Einsatzzweck soll auf Anraten von Bundespolizei und Staatsanwaltschaften deutlich ausgeweitet werden. Die Behörden stört die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung vieler Dienste, die das Mithören und -lesen kommunizierender verdächtiger Bürger so schwierig machen.

Man meint, dass bereits alles zu diesem Themengebiet gesagt und geschrieben ist (den Parteien, den Gerichten, der Bundespolizei, den Verbänden, den Initiativen, dem Chaos Computer Club und auch hier im Linux-Magazin), was man sagen und schreiben kann. Und trotzdem: Das Thema kommt immer und immer wieder. Am “Running” kann es darum nicht liegen, dass statt Amüsement Verärgerung aufkommt. Wohl aber am “Gag” der keiner ist, sondern ein bevölkerungsweiter Eingriff in Kommunikation und Privatheit.

Dabei gewinnt die darunterliegende Hauptgeschichte gelegentlich Unterhaltungswert. So berichten gerade Sicherheitsforscher der russischen Firma Dr. Web vom Fund eines Trojaners, der über die Backdoor “Double Pulsar” der NSA Equation Group normale PCs übernimmt und dort eine Kryptowährung schürft: Staatstrojaner als Steigbügelhalter für organisierte Rechenzeit-Kriminalität.

“Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft” ist Träger eines andernorts unerreichten Running Gag der Filmgeschichte, dem Überleitungssatz: Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem. “Ja, bitte!” – möchte man gen Berlin rufen. Denn sachgerecht über den Bundestrojaner gibts höchstens noch eines zu sagen: Dieser Papagei ist tot.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 1 HeftseitePreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben