Aus Linux-Magazin 02/2017

2016-2017

Jan Kleinert, Chefredakteur

Die Zeit der Jahresrückblicke für 2016 ist zwar zum Glück durch. Linuxer dürfen gleichwohl auch Anfang 2017 mit einem wohlwollenden Schnaufen ihres 25-Jahre-Jubiläums im Herbst 2016 gedenken. Wahrlich nicht jedes Betriebssystem schafft diese Distanz, zumal die Gefahr geringst ist, dass die Torvald’sche Codefabrik ins Stocken oder gar in Brand gerät. Womit wir bei den Jahresausblicken für 2017 angelangt sind.

“Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.” (Das Bonmot wird wahlweise Karl Valentin, Mark Twain, Niels Bohr oder dem dänischen Politiker K. K. Steincke zugeschrieben.) Ein paar Effekte werden aber 2017 mit guter Gewissheit und ohne herbeigerollte Kristallkugel eintreten: Container laufen auf deutlich mehr Systemen als noch 2016. Die Zahl der Open-Stack-Distributionen wird gegenläufig zur Anzahl der Installationen sinken. Es wird ein paar spektakuläre Sicherheitsvorfälle geben – gern auch in Zusammenhang mit der Containertechnologie. Linus Torvalds wird auf der Kernel-Mailingliste andere Entwickler beschimpfen, zum selben Thema aber nie ein Interview geben. Suse feiert wohl 25. Geburtstag. Google wird weiter auf dem Android-Code sitzen wie eine Glucke. Und so weiter.

Ohne sich ungesund aus dem Fenster lehnen zui müssen, lässt sich weiterhin prognostizieren, was nicht passieren wird. Mein Kandidat: Linux’ Durchbruch auf dem Desktop. Dieser prestigeträchtige Triumph ist 25-mal ausgeblieben und wird auch im 26. Jahr nicht kommen.

In dieselbe Kerne schlägt – nicht so mutwillig wie ich gerade, aber mit mehr Wirkung – die Mozilla Foundation, die ihre von Firefox-Benutzern gewonnenen Daten erstmals zu einer Statistik zur eingesetzten Hardware und Software verwurstet hat. Die von März bis September 2016 ausgewerteten Telemetriedaten zeigen überwältigende 90 Prozent Windows-Installationen, Mac OS X folgt mit 7 Prozent. Keine Linux-Distribution schafft die Ein-Prozent-Hürde, Pinguine kriegen deshalb nur den Stempel “Others” tätowiert. Sicher lässt sich über die Methodik von Mozilla im Allgemeinen und Firefox’ Telemetriesystem im Besonderen streiten. Die Grundaussage zum Desktop-OS-Markt jedoch vermögen auch solche Zweifel nicht umzukehren.

Ich selbst finde die betörend schlechte Aussicht gar nicht schlimm. Denn große Erfolge eines Anbieters am Markt sagen nichts über die Zufriedenheit des einzelnen Verbrauchers (auch bekannt als “Mensch”) mit dem Produkt aus. Sind VW-Diesel-Fahrer zufriedenere Autobesitzer als die von Nischenmodellen? Kann man auf einem Sofa, das nicht in einem Ikea-Karton durch die Tür gekommen ist, gut vor dem Fernseher einschlafen, auf dem Arte statt ARD oder RTL läuft? Mit Marktanteilen und Quoten zu hantieren, ist reine Verkäufer- und Konzerndenke. Dabei ist es für Firmen oft genug ruinös, sich einen Markt zusammenzukaufen – sei es durch Preisdumping, mit juristischen Winkelzügen gegen Mitbewerber oder sei es durch technische Manipulation. Und was gibt’s im Gegenzug für das Risiko zu gewinnen? Profit für die Firma und ihre Mitarbeiter jedenfalls nicht, nur einen Prozentsatz auf dem Papier und den puddingweich definierten Begriff “Marktführer”.

Drum: Linux auf dem Desktop steht und fällt nicht mit Statistiken, sondern mit den Erlebnissen der Anwender im täglichen Gebrauch – und die Aufgabe ist groß genug und wird es 2017 bleiben, wie jeder tatsächliche Desktop-Linux-User bestätigen wird. Holdes Linux, alles Gute für 2017! Der nächste Jahresrückblick kommt bestimmt.

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