Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software. In dieser Ausgabe dreht sich alles um Mindmaps sowie um EU-F-rderung für freie Software?

Abbildung 1: Der Mindmapper KDissert hilft beim Strukturieren komplexer Sachverhalte und bietet darüber hinaus seinen Benutzern die Möglichkeit an, Dokumente aus den Maps zu erstellen.
Der englische Begriff Mindmap lässt sich etwa mit “Karte des Verstandes” übersetzen. Eine solche Karte strukturiert die Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffen und Gedanken und setzt diese zum besseren Überblick grafisch zueinander in Beziehung. Mindmaps spiegeln also die sehr persönliche und spezifische Sicht jener Person wider, die sie erstellt hat.
KDissert
Wer mehr über die Techniken und Konzepte hinter Mindmaps erfahren möchte, dem hilft sicher der entsprechende Eintrag in der Wikipedia weiter [1]. Auch die Zeitschrift “LinuxUser” bespricht in der Ausgabe 07/05 einige Mindmapper, unter anderem auch KDissert ([2], siehe Abbildung 1), dem sich diese Brave GNU World etwas eingehender widmet. Programmautor Thomas Nagy geht nämlich mit seiner Software einen Schritt weiter: Im Gegensatz zu klassischen Mindmapping-Programmen, zum Beispiel View Your Mind (vym) oder Freemind [3], verwendet KDissert Mindmaps zur Erstellung von Dokumenten.
Diese Dokumente bilden sich dabei aus den einzelnen Elementen der Karte heraus. Während also die Gesamtstruktur immer auf einen Blick sichtbar bleibt, entsteht in ihr eine natürliche Struktur, die wie ein Lebewesen wächst. Dank einer sehr intuitiven grafischen Benutzeroberfläche fordert KDissert zudem keine lange Einarbeitungszeit. Die wesentlichen Operationen der Software sind in einer halben Stunde zu erlernen.
Mindmaps setzen sich immer aus grafisch miteinander verbundenen Knoten zusammen so auch bei KDissert. Jeder Knoten repräsentiert eine Strukturebene im Dokument, also ein Kapitel, einen Abschnitt, einen Unterabschnitt, ein Bild und so weiter. Innerhalb der Mindmap markieren und ordnen Schrifttyp und -größe sowie Farbe, Bilder und zusätzlich angebotene Symbole die Knoten. Für den Text in den jeweiligen Knoten, einschließlich möglicher Kommentare und Verbindungen zu externen Dokumenten oder Internetseiten, stehen weitere Schriftmerkmale und Symbole bereit (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Mindmapping-Programm KDissert erlaubt es, Texte und Knoten durch eine Vielzahl von Stilmerkmalen wie Schriftart, Farben oder Symbole voneinander abzusetzen.
Wie wird diese Mindmap zum Buch? Das ist die Aufgabe des Dokumenten-Generators: Er verwaltet die Mindmap-Teile und setzt sie zu einem Dokument zusammen. Natürlich erfordert dies, die einzelnen Komponenten auch numerisch zu sortieren was eigentlich den Mindmaps nicht entspricht. Aus diesem Grund lässt sich das Dokument immer auch in Form eines Baumdiagramms anzeigen, bei dem die einzelnen Komponenten miteinander in Verbindung gebracht werden.
Als Ausgabeformate stehen dabei neun sehr unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung: Dokumente lassen sich als Webseiten, Java-Applets, als Latex-Buch oder -Artikel sowie als Präsentationsvorlagen im Prosper- und Beamer-Stil, als Impress- oder Writer-Dokument für Open Office oder als Text exportieren. So ist die Arbeit schnell in die richtige Formen der Präsentation gebracht.
Typische Anwender von KDissert sieht Thomas Nagy im akademischen Bereich, speziell unter den Studenten. Doch auch Lehrer, Wissenschaftler, Ingenieure und Geschäftsleute zählt er dazu. Der mögliche Einsatzbereich erstreckt sich von der klassischen Studienarbeit bis zur Projektkoordination.
Triebfeder für die Entwicklung war wie so oft der eigene Bedarf: Thomas hatte im Rahmen seiner Arbeit mit Mindmaps zu tun, fand aber kein Werkzeug, um sie in Dokumente umzusetzen. Daher begann er 2003 mit der Programmierung von KDissert. Bei der Arbeit daran entschied er sich dafür, auf die Integration mit der KDE-Oberfläche zu setzen. Dies legte C++ als Programmiersprache nahe. Beim Build-System setzte Thomas auf Bksys [4], das für ihn besonders interessant ist, weil es Scons [5] für KDE implementiert. Scons ersetzt die traditionellen Makefiles durch ein Build-System, das auf Python basiert. Gegenüber den herkömmlichen Ansätzen vereinfacht diese Methode die teilweise sehr komplexen Anforderungen beim Übersetzen einer KDE-Anwendunge zum Nutzen der Entwickler.
Natürlich bietet KDissert als KDE-Applikation dem Anwender die volle Freiheit der General Public License (GPL). Obgleich noch relativ jung, befindet sich der Quellcode von KDissert nach Aussage seines Autors bereits in einem sehr ausgereiften und stabilen Zustand. Für diese Anwendung bieten sich viele nützliche Erweiterungen an. Da Thomas jedoch nicht die Zeit findet, um diese zu programmieren, ist hier die Initiative jedes Interessierten willkommen.
Rahmenprogramm
Apropos Eigeninitiative: Die Europä-ische Kommission fördert in ihren Rahmenprogrammen gezielt die europäische Wissenschaft und Wirtschaft. Über die gesamte Dauer des sechsten Rahmenprogramms [6] stehen dafür immerhin 3,625 Milliarden Euro für Technologien der Informationsgesellschaft, die so genannten Information Society Technologies (IST) bereit. Dank einer Initiative der Free Software Foundation Europe (FSFE) im März 2002 [7] stehen diese Gelder jetzt bevorzugt für freie Software zur Verfügung. Konkurrieren zwei ansonsten vergleichbare Projekte um den Zuschlag, erhält das freie Softwareprojekt den Zuschlag.
In der Folge stieg die Zahl der Anmeldungen freier Projekte dramatisch an. Im Sinne der nachhaltigen Investition ist dies sehr zu begrüßen, allerdings leiden viele der Projekte unter den typischen Begleiterscheinungen des europäischen Betriebs: Ineffizienz, Inkompetenz und Eigennutz. Nicht immer ist auch freie Software drin, wo freie Software draufsteht, und oft dient das Projekt nur der Akkumulierung von Fördergeldern. Selbst im Falle ihres Scheiterns verkaufen die Beteiligten es nach außen noch als Erfolg und erschleichen sich auf diese Art und Weise die nächste Runde von Fördergeldern.
Dieses ernüchternde Geschäftsmodell einiger Institute und Unternehmen findet sich in der Wissenschafts- und Technologieförderung seit vielen Jahren. Leider ist Förderung freier Software durch die Europäische Kommission hier keine Ausnahme; zu Recht verärgert dies viele Entwickler und Unternehmen, die sich mit konkreten, soliden und realistischen Projekten um Mittel bewerben und scheitern. Wie kann dieser Sumpf trockengelegt werden?
Konsortienbildung
Ein erster Ansatzpunkt ist die Notwendigkeit, dass sich Mittel nur von Gruppen beantragen lassen: Grundsätzlich kann sich keine Partei einzeln um Fördergelder aus diesem Programm bewerben. Die Mittel dienen der europäischen Integration, daher sind so genannte Konsortien von mindestens fünf unabhängigen Partnern aus mindestens drei Ländern für eine Bewerbung nötig.
Nach der Unterzeichnung eines Vertrags mit der Europäischen Kommission sind die Partner für längere Zeit sehr eng aneinander gebunden: Daher sollten alle Beteiligten an einem freien Softwareprojekt zunächst nicht den Blick auf das scheinbar leicht gewonnene Geld richten, sondern sich die Partner im Konsortium genau anschauen. Ist deren Engagement für freie Software glaubwürdig oder wurde die Liebe zu ihr erst im Glanz der Fördermittel entdeckt? Eine weniger offensichtliche Frage ist: Verfügt das Konsortium über einen Partner, der notfalls die Richtung des Projekts stabilisieren kann?
Eine Orientierungshilfe bietet in diesem Zusammenhang die FSFE: Über eine Mailingliste [8] können Projekte Partner suchen und sich im direkten Dialog bei der Orientierung helfen. Bei soliden Projekten engagiert sich die FSFE selbst mitunter als Partner. Mehr als ein Konsortium hat jedoch bereits fälschlicherweise behauptet, die FSFE sei an ihm beteiligt besser bei der FSFE direkt nachfragen.
Evaluation
Der zweite Schritt auf dem Weg zur Förderung ist die Evaluation: Hier prüfen zufällig ausgewählten Experten die Beiträge und bewerten sie anhand eines vorgegebenen Schemas. Was ist ein Experte? Im Prinzip jeder, der sich online unter [9] eingeträgt und das entsprechende Know-how mitbringt. Aber obwohl das entsprechende Beiblatt zur Anmeldung besondere Kenntnisse eines Bewerbers in den einschlägigen Feldern als eine Voraussetzung nennt, lässt die Erfahrung mit der Brüsseler Eurokratie vermuten, dass auch ein Titel der Aufnah-me in diese Gremien durchaus nützen könnte.
Die Evaluation entscheidet, welches Projekt die Fördermittel erhält. Sie fällt die Entscheidung über sinnvolle Verwendung oder Verschwendung der Gelder. Tragen sich möglichst viele Kollegen aus dem Freie-Software-Umfeld als Experten ein, erhöht sich die Möglichkeit für gute Projekte, auf Evaluatoren mit Kompetenz zu treffen.

Abbildung 3: Während José Manuel Barroso, der Präsident der Europäischen Kommission, um die gemeinsame Verfassung der EU-Staaten ringt, könnten sich Mitglieder der Community in den Entscheidungsgremien zur Förderung von Softwareprojekten engagieren.
Die Europäische Kommission koordiniert zum Schluss das gesamte Rahmenprogramm auf der politischen Ebene. Dabei fallen insbesondere die Entscheidungen über die strategischen Zielrichtungen der so genannten Calls, also der zeitlich genau koordinierten Aufrufe für Projekte zu bestimmten Themen. Nur innerhalb dieser Calls lassen sich Projektgelder beantragen.
Darüber hinaus spielt sich innerhalb der IST-Abteilung der Rahmenprogramme auch viel von der politischen Aktivität der Kommission auf diesem Gebiet ab. Die Arbeit findet zu einem großen Teil in Workshops in Brüssel statt, zu denen manchmal offen, manchmal geschlossen eingeladen wird. Die Teilnehmer tragen alle Kosten selber; auch für den Zeitaufwand gibt es keine Entschädigung. Das ist bedauerlich, denn wer hat die Zeit und das Geld, zu allen diesen Treffen nach Brüssel zu kommen? Sicherlich nicht jene, die ihre Projektgelder knapp kalkulieren.
Zudem fällt das Niveau einiger Beiträge in solchen Workshop merkwürdig auf: Es ist von “Linux 8.0” die Rede und davon, dass “Linux [Š] unter der GNU Lizenz [Š] oder von Red Hat” zu beziehen sei. Da wird vermutet, dass “die GNU GPL nur in den USA und Deutschland” gültig sei und mit Recht ein Kompetenzzentrum gefordert, das man anrufen könne. Zumindest hierbei kann geholfen werden: Die Telefonnummer der Free Software Foundation Europe lautet +49 700 FSFEUROPE.
Eigeninitiative gefragt
Wir brauchen mehr gute Softwareprojekte, mehr Evaluatoren, die sich mit freier Software auskennen, und mehr Menschen, die sich auf der Ebene der Kommission engagieren: Alle diese Möglichkeiten stehen jedem offen. Das Engagement als Evaluator erfordert keine Organisation. Wer kein Evaluator sein möchte und auch kein Projekt unterstützt, kann sich immer noch politisch engagieren. Unsere Initiative entscheidet darüber, in welchem Europa wir leben wollen und werden. (agr)
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Infos |
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[1] Wikipedia-Eintrag zu Mindmaps: [http://de.wikipedia.org/wiki/Mindmap] [2] KDissert: [http://freehackers.org/~tnagy/kdissert/] [3] Freemind: [http://freemind.sourceforge.net] [4] Bksys: [http://www.kde-apps.org/content/show.php?content=19243] [5] Scons: [http://www.scons.org] [6] 6. Rahmenprogramm der EU: [http://fp6.cordis.lu/fp6/] [7] Aktivit”ten der FSFE zum Rahmenprogramm: [http://fsfeurope.org/projects/fp6/fp6.en.html] [8] Mailingliste der FSFE zum 6. Rahmenprogramm: [http://mail.fsfeurope.org/mailman/listinfo/fp6/] [9] Definition der Anforderungen für die Experten in den Entscheidungsgremien des 6. Rahmenprogramms: [http://www.cordis.lu/experts/fp6_candidature.htm] |
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