Aus Linux-Magazin 05/2008

Besuch bei einem blinden Programmierer

© DKSTUDIO, fotolia.com

Linux ist für blinde Benutzer mehr als nur eine Alternative. Christian Schöpplein, Mitarbeiter bei OTRS in Straubing, verwendet seit Langem Open-Source-Tools an seinem Arbeitsplatz.

Lacey begrüßt den Reporter an der Eingangstür von OTRS [1]. Sie ist knapp drei Jahre alt und seit einem Jahr Christian Schöppleins Blindenhund. Den ganzen Tag über wird sie unter oder neben seinem Schreibtisch dösen und nur einmal leise bellen. Christian erledigt E-Mail- und Telefon-Support und Programmierungen mit Lynx und Mutt, alles auf der Linux-Konsole. Je nach Supportvertrag des Kunden geht\’s dabei auch mal auf dessen Systeme vor Ort, meist per SSH. Fast immer laufen dort LAMP- oder BSD-Server, seltener auch ein IIS. “Am angenehmsten ist natürlich der Zugriff über ein VPN, da geht alles. Was gar nicht klappt, sind Terminalserver-Sitzungen, das peilt der Screenreader nur ganz selten.” Was ist ein Screenreader?

Automatischer Vorleser

Mit einer dampfenden Tasse Kaffee versorgt führt Christian den Besucher zu seinem Arbeitsplatz (Abbildung 1). “Ein Screenreader wie Brltty, Sbl oder Orca wandelt mit Hilfe von Sprachsynthesizern wie Mbrola oder Festival die auf dem Bildschirm angezeigten Zeichen in hörbare Worte um.” Ah ja.

Abbildung 1: Christian Schöpplein an seinem Arbeitsplatz. Er betreut OTRS-Kunden per Mail und Telefon und programmiert an dem Ticketsystem.

Abbildung 1: Christian Schöpplein an seinem Arbeitsplatz. Er betreut OTRS-Kunden per Mail und Telefon und programmiert an dem Ticketsystem.

Auf seinem Schreibtisch steht ein blaues Braille-Display vor einem Subnotebook (Abbildung 2), über den am Laptop angeschlossenen Kopfhörer spuckt der Screenreader in für nicht Eingeweihte kaum mehr nachvollziehbarer Geschwindigkeit die Texte aus, die der kleine Monitor anzeigt. Gleichzeitig lässt die Software kleine Pins in den 40 Feldern der USB-Braillezeile unter Christians Fingern hüpfen. Nebenan (Abbildung 3) ist der Arbeitsplatz seines Kollegen Henning, sein Braille-Display ist weiß und hat 80 Zeichen. Aber Henning Oschwald ist heute bei einem Kunden.

Abbildung 2: Ein Arbeitsplatz mit Braillezeile (blau) und Linux-Laptop. Über den Kopfhörer liest der Screenreader die Anzeige vor, hier Lynx auf einer OTRS-Seite.

Abbildung 2: Ein Arbeitsplatz mit Braillezeile (blau) und Linux-Laptop. Über den Kopfhörer liest der Screenreader die Anzeige vor, hier Lynx auf einer OTRS-Seite.

Abbildung 3: Auf den Arbeitsplätzen von Christian und Henning sind Monitore nicht nötig. Im Vordergrund rechts ist Hennings weißes Braille-Display zu sehen.

Abbildung 3: Auf den Arbeitsplätzen von Christian und Henning sind Monitore nicht nötig. Im Vordergrund rechts ist Hennings weißes Braille-Display zu sehen.

Auf Christians Notebookmonitor zeigt Lynx eine OTRS-Seite an. Das Open-Source-Ticketsystem ist für seien Benutzer barrierefrei, dank Perl aber auch für den Programmierer. Eine grafische Programmierumgebung ist überhaupt nicht notwendig und auch die Konfiguration steht in gewöhnlichen Klartextdateien. “Je grafischer eine Software ist, desto schwerer macht sie es mir, damit klarzukommen”, sagt Christian.

Braille

Das blaue Braille-Terminal zeigt die Zeichen der aktuellen Zeile in Blindenschrift an. Kleine weiße Plastikkappen, 40 Felder, jedes davon mit acht Stößeln, klappen rauf und runter, während Christian durch seine E-Mails blättert. 28, das ergibt 256 mögliche Zeichen. Die Brailleschrift ([2], [3]) besteht zwar normalerweise lediglich aus sechs Punkten, aber die daraus resultierenden 64 Zeichen wären für blinde PC-Benutzer viel zu wenig, deshalb gibt es hier zwei Zusatzattribute in der untersten Zeile, die Punkte sieben und acht.

Das macht es Computerbenutzern deutlich einfacher, wie das Beispiel der Zahlen zeigt. Im Prägedruck stellt ein vorangestelltes Zahlzeichen – gefolgt durch die Nummer des Buchstabens im Alphabet – eine Zahl dar [4]. Als Beispiel: #A bedeutet 1, #AJJ dementsprechend 100. Das Braille-Display hingegen kann Ziffern über den zusätzlichen Punkt sieben ausweisen. Die 1 ist hier also ein A plus dem Pin unten links.

Harter und weicher Cursor

Wo der Cursor ist, sind alle Punkte sichtbar, auf Wunsch kann das komplette Feld der acht Pins auch blinken. Ob [Shift], [Num] oder [Caps Lock] betätigt sind, spricht der Screenreader laut aus. Letzteren muss der Anwender übrigens für jedes Programm einzeln konfigurieren, damit die Software Attribute wie Hyperlinks erkennt oder beim Programmieren nicht dauernd unerwünschte Infos des Editors vorliest, etwa die sich ständig ändernde Vi-Zeilennummer. Auch ein Webbrowser soll zunächst nur die Links, aber nicht gleich den Inhalt der Webseite vorlesen. Damit das klappt, ist für jede Anwendung ein Profil nötig, in dem diese Attribute gespeichert sind.

Die Braillezeile hat links, rechts und unten schwarze Tasten, dazu befinden sich über jedem einzelnen Feld mit acht Pins die so genannten Routing-Keys. Damit verschiebt der Benutzer den Cursor zu einzelnen Zeichen oder zum Bildschirmanfang und -ende. Benutzer von Braille-Terminals haben übrigens zwei Cursors: einen Hard Cursor und einen Soft Cursor. Letzterer wandert auf dem Bildschirm umher und zeigt Attribute an, während sein harter Verwandter in der Eingabezeile verweilt.

Windows, ein echter Rückschritt

“Konsolen-Applikationen sind viel leichter anzupassen, Textanwendungen viel angenehmer für blinde Benutzer. Aber viele moderne Distris mit ihren hochauflösenden Framebuffern machen uns da auch schon zu schaffen.” Früher, da gab\’s DOS, das war noch in Ordnung, aber Windows ist laut Christian ein echter Rückschritt.

“Es ist ein grundsätzliches Problem, Attribute auf einer grafischen Oberfläche darzustellen. Text-Applikationen dagegen lassen sich auch ohne erweiterte Attribute bedienen.” Microsofts Betriebssystem wurde laut Christian erst ab Version 3.x für Blinde benutzbar, Windows 98 auch erst mit einem Jahr Verzögerung.

Große Probleme bereiten die neuen Konzepte, die sich nur schwer mit der klassischen Arbeitsweise vereinbaren lassen: Mit GUIs ist es möglich, mehrere Applikationen gleichzeitig zu öffnen und in verschiedenen Fenster nebeneinander darzustellen. Das stellt Software für blinde Benutzer vor Probleme, wenn es darum geht, die Position des Mauszeigers zu erfassen und zu steuern.

Soundkarte und Braille-Daemon

Die Wahl der richtigen Soundkarte ist besonders wichtig, wenn zwei verschiedene Screenreader-Konfigurationen parallel laufen sollen. Der Braille-Daemon Orca zum Beispiel betreibt unter Gnome ein Gterminal. Orca steht aber auf der Konsole, die über [Alt]+[F1] erreichbar ist, nicht zur Verfügung, hier soll Suses Sbl vorlesen.

Immer wenn der Benutzer die Konsole und ein GUI nebeneinander verwendet, sind also zwei Screenreader zwingend notwendig. Das Problem dabei ist: Die meisten Soundkartentreiber sind nicht Multichannel-fähig, vor allem für Notebooks ein unlösbares Problem. “Im Desktop-PC zu Hause steckst du einen teuren Soundblaster rein, dann geht das.” Leider muss der Benutzer dann immer noch alle Konfigurationen doppelt verwalten. Ein zentraler Daemon, ein Brailled, der die beiden Screenreader kontrolliert und die angeschlossene Braillezeile automatisch umschaltet, fehlt leider unter Linux noch.

Adriane

So wie die MS-AA-Schnittstelle (Microsoft Active Accessability) bei den neuen Windows-Systemen sollte er sein. “Am vielversprechendsten sind da Projekte wie Klaus Knoppers Adriane [5], ein Knoppix für Sehbehinderte. Das wird auch vom Linaccess-Projekt [6] unterstützt”, meint Christian. Zwar müssen sich die Knoppix/Adriane-Entwickler wohl immer noch mit vielen kleinen Unzulänglichkeiten herumschlagen, dennoch ist das Live-System mittlerweile richtig gut geworden. “Aber Henning ist der Grafik-Guru, der hat mehr Erfahrung mit GUIs und mit Orca.”

Später erzählt Christian, dass er sich schon seit Mitte der 90er mit Computern beschäftigt, erst mit DOS, dann mit Windows, nun mit Linux. Der Vorteil des freien Betriebssystems liegt für viele Blinde auf der Hand: Hier eine textbasierte, leicht erfassbare Umgebung auf einem modernen Betriebssystem, dort das komplexe grafische Windows.

Suse

Christian hatte zuerst mit den proprietären Screenreadern auf DOS gearbeitet und sich später per Telnet auf Suse-Systemen angemeldet, lange bevor es unter Linux Braille-Unterstützung gab. “Ein Bekannter von uns hat dann den Suse Screen Reader geschrieben und frei zur Verfügung gestellt. Endlich konnten wir direkt mit Linux arbeiten.”

Wer in den späten 90ern schon mal eine Suse-Version installiert hat, erinnert sich sicherlich noch an die stolze Zeile »Looking for Braille Display …«, was die Nürnberger als erste Distribution mit Braille-Support auswies.

Christian und sein Kollege Henning machten damals als Werkstudenten bei Suse Support für Blinde, hielten Vorträge und stellten die neue Software vor. “Aber wegen Yast 2 sind viele Blinde zu Debian gewechselt, das Tool ist schon an der Befehlszeile zu grafisch”, beschwert er sich. Mehrere Fenster oder Unterteilungen sind einfach problematisch. Das Gleiche gilt natürlich für jede Form der grafischen Installer oder die erwähnten Framebuffer-Modi.

Das Bios als Hörbuch

Der Debian-Installer dagegen ist nach Christians Meinung vorbildlich für Blinde geeignet, USB-Braillezeilen erkennt er automatisch und startet Brltty. “Vor allem die Windows-Installation ist dagegen der reinste Blindflug.” Wer keine Hardwarekarte als Screenreader hat, der bekommt vom Bios und Booten, vom OS-Start bis zum Laden der entsprechenden Treiber überhaupt nichts mit. “Henning hat das schon mal so genervt, dass er sich alle Bios-Einstellungen ausgedruckt hat, einfach mit der [Print-Screen]-Taste. Das hat er dann wieder eingescannt und sich von Mbrola vorlesen lassen, wie ein Hörbuch (siehe Kasten “Hörbücher im Eigenbau”). Die Kollegen fanden das erstaunlich.”

Hörbücher im
Eigenbau

Vier Schritte reichen unter Linux, um einen beliebigen Text zum Hörbuch zu machen:

  • Den Text einscannen und in Klartext umwandeln. Für ein
    vorliegendes PDF erledigt dies Pdf2txt.
  • Längere Dokumente, zum Beispiel Bücher, in 20 bis 30
    kleine Dateien aufteilen und diverse Fehler anpassen. So sollte das
    Ende einer Audiodatei auch das Ende eines Kapitels oder zumindest
    eines Satzes sein.
  • Mit einem Software-Syntheziser wie etwa Mbrola die Texte in
    eine WAV-Datei sprechen lassen.
  • Abschließend die WAV-Datei mit Lame in MP3 oder über
    Oggenc zu OGG kodieren.

Installationen

Aber mit dem Bios hört das ja nicht auf. Weil der unter Windows gebräuchlichste Screenreader Jaws nur mit funktionierender Grafikkarte arbeitet, ist die Installation des proprietären Betriebssystems richtig kompliziert. Bis zum fertigen Grundsystem geht nämlich nichts mit Braille-Unterstützung.

Läuft die Soundkarte erst einmal, dann installiert der blinde Benutzer einen anderen Screenreader, der auch ohne Grafiktreiber funktioniert. Anschließend spielt er damit die richtigen Grafiktreiber auf. Doch danach arbeitet natürlich der vorher installierte Screenreader nicht mehr, im dritten Schritt muss der User jetzt den Jaws-Screenreader installieren und konfigurieren.

“Irgendwann beherrschst du die Installation auswendig, CD einlegen, viermal [Tab], zweimal [Enter], [Pfeil nach oben], [Enter], [Tab], [Tab], [Enter]”, erzählt Christian. “Da sind die automatischen Installationen, die wir uns sowohl für Windows als auch für Linux gebaut haben, echt ein Gewinn. Aber Linux ist schon deswegen genial, weil wir hier ohne Hilfe einer sehenden Person das Betriebssystem installieren können.”

Kein Wunder, dass mehr und mehr blinde PC-Benutzer zum Pinguin wechseln. Als der Gast sich verabschiedet, bringt ihn ein australischer Schäferhund (Abbildung 4) zur Tür.

Abbildung 4: Ein Australian Shepherd bei der Arbeit. Seit einem Jahr kümmert sich Lacey um Christian - oder doch umgekehrt?

Abbildung 4: Ein Australian Shepherd bei der Arbeit. Seit einem Jahr kümmert sich Lacey um Christian – oder doch umgekehrt?

Infos

[1] OTRS: [http://otrs.org]

[2] Brailleschrift in der Wikipedia:[http://de.wikipedia.org/wiki/Brailleschrift]

[3] Wikipedia zu Louis Braille :[http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Braille]

[4] Text in Braille umwandeln lassen: [http://www.blista.de/bd/braille/index.php]

[5] Knoppix-Adriane:[http://knopper.net/knoppix-adriane]

[6] Linaccess-Projekt:[http://www.linaccess.org/view.php]

[7] Matthias Huber, “Auf Tuchfühlung”: Linux-Magazin 12/04, S. 76

Text und Fotos: Markus Feilner

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