
Abbildung 8: Erfolgreicher Jäger gegen Energieverschwender: Arjan van de Ven zeigt, wie sich mittels Powertop jene Prozesse finden lassen, die am meisten Strom verbrauchen.
Am 2. September dieses Jahres avancierte Cambridge für fünf Tage zum Olymp der Linux-Szene. Alle Götter des Kernels, Zeus Torvalds inklusive, trafen sich zur europäischen Linuxconf und zum Kernel Developers Summit. Das Linux-Magazin war vor Ort, um nun hier von dem sagenhaften Ereignis zu berichten.

Abbildung 1: Very british: Die ehrwürdigen Mauern des University Arms Hotel in Cambridge boten den Teilnehmern von Linuxconf und Kernel Developers Summit 2007 einen angemessenen Rahmen.
Den scheuen Linus Torvalds irgendwo vor die Flinte zu kriegen, kommt einem Fünfer im Lotto gleich. Auf die Linuxconf Europe [1], die in der englischen Universitätsstadt Cambridge zusammen mit dem Kernel Developers Summit Anfang September stattfand, war er jedoch gekommen. Im Gespräch mit dem Linux-Magazin relativierte er sogleich die Bedeutung von Konferenzen: “Das ist mehr eine soziale Angelegenheit”, sagte der gebürtige Finne, der nun in Portland, Oregon, mit Frau und Kindern lebt. Die wirkliche Arbeit am Linux-Kernel erledige er lieber per E-Mail.
Der gewöhnlich pressescheue Torvalds (Abbildung 2) war als Überraschungsgast auf die Konferenz gekommen. Nur die Veranstalter, die federführende UKUUG aus Großbritannien sowie ihre Schwesterorganisation GUUG aus Deutschland und wenige Eingeweihte wussten vorab Bescheid. So erlebten denn gut 220 Teilnehmer ein technisch hochwertiges Programm.

Abbildung 2: Seltener Gast auf Konferenzen: Nur wenige wussten vom Überraschungsbesuch des Kernel-Chefarchitekten Linus Torvalds.
Etwa 80 von ihnen blieben zum anschließenden Kernel Developers Summit, einer Art abgeschotteter Kernel-Kungelrunde, bei der die Usenix in Gestalt von Ted T\’so die Gastgeberrolle spielte. Das heißeste dort diskutierte Thema war die Plattformcode-Vereinigung von I-386 mit x86_64. Ingo Molnar und Thomas Gleixner sind sehr dafür, Andi Kleen strickt dagegen. Es sieht so aus, als fiele die Entscheidung per Linus-Dekret – auch der Meister will die Zweige vereinen.
Zur Lage des Kernels
Jonathan Corbet nennen viele auch den Hofberichterstatter des Kernelteams. Er gab eingangs eine vorzügliche Übersicht des Status quo im Projekt. Der Ablauf, dass mehrere stabile Kernelreleases im Abstand von wenigen Monaten aufeinanderfolgen, habe sich bewährt. Der Meinung stimmte auch Torvalds explizit zu und machte wenig Hoffnung auf eine baldige Version 3.0. Wichtiger als Versionsnummern seien die technischen Eigenschaften des Kernels (Abbildung 3).

Abbildung 3: Linus Torvalds im Gespräch mit Linux-Magazine-Autor Paul Adams über die Bedeutung von Konferenzen im Kernel-Entwicklungsprozess.
Geplanter Schnappschuss
Diese technischen Eigenschaften auszubauen war dann auch Inhalt von mehreren Beiträgen, die sich mit zukünftigen Erweiterungen befassten. Beispiel: Mittels Snapshots den Zustand eines Blockdevice konsistent einzufrieren, um davon beispielsweise ein Backup zu ziehen, ist schon seit Längerem Aufgabe des Devicemappers.
Jan Blunck von Suse (Abbildung 4) stellte auch die Probleme klar, die damit verbunden sind: Gerade sehr große Installationen lassen einige Datenstrukturen im Kern ineffizient anschwellen. Wer viele Snapshots einsetzt, erkauft das mit Einbußen bei der Leistung von Dateisystemen, die auf diesen Geräten laufen. Blunck schlug eine Reihe von Veränderungen vor und diskutierte sie gleich vor Ort mit dem zuständigen Maintainer Alasdair Kergon, der in Personalunion auch verantwortlich für die Konferenzorganisation zeichnete.

Abbildung 4: Jan Blunck hat es sich vorgenommen, Snapshots im Device-Mapper besser zu skalieren. In einigen Fällen entstehen heute große Datenstrukturen, die zu mäßiger Performance führen können.
Masons B-Bäume wachsen in den Himmel
Auf großes Interesse stieß der Beitrag von Chris Mason (Abbildung 5), der seit einiger Zeit bei Oracle angestellt ist. Das von ihm entworfene Btr-FS (vom Autor “batter eff ess” ausgesprochen) arbeitet mit B-Bäumen und geht auch mit unzuverlässigen Datenspeichern um. Gerade Systemverantwortliche großer Rechenzentren werden es gut finden, dass Btr-FS für große Datenmengen optimiert ist und der Filesystem-Check im laufenden Betrieb geschehen kann.

Abbildung 5: Chris Mason stellte das von ihm konzipierte Btr-FS vor. B-Bäume versprechen gute Effizienz gerade bei Dateisystemen in großen Umgebungen wie Rechenzentren.
Das Dateisystem verwendet den Copy-on-write-Ansatz, was bedeutet, dass Schreiboperationen zunächst neue Blöcke belegen und Linux erst anschließend die bestehenden Verweise auf die neuen Daten umbiegt. Mason hofft dadurch auf eine hohe Konsistenz bei niedrigerem Aufwand, wie er beispielsweise bei Dateisystemen auftritt, die auf Journalen basieren. Der Programmierer warnte vor zu großen Erwartungen, er habe erst kürzlich mit Btr-FS begonnen. Andere Entwickler bekundeten jedoch bereits ihre Unterstützung für das Projekt.
Die Konferenz fand in einem ehrwürdigen Hotel im Herzen von Cambridge statt. Dass in den Pausen regelmäßig Tee, Kaffee und englische Biskuits gereicht wurden, gehört zum Prinzip: Mehrere Teilnehmer betonten im Gespräch mit dem Linux-Magazin die Bedeutung des so genannten Hallway Track, des ungezwungenen Austausches zwischen den Vorträgen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Beim Hallway Track trafen sich die Teilnehmer bei Tee und Keksen. Viele Entwickler kamen hauptsächlich wegen der Diskussionen zwischen den Vorträgen.
Aufmarsch der Prominenz
Auf den gemütlichen Sofas und in den angrenzenden Clubräumen traf sich dann auch prompt, was in der Kernentwicklung Rang und Namen hat: Mit Alan Cox, Dave Miller, Andrew Morton und Linus Torvalds tauschten sich die Linux-Eliten aus. Thomas Gleixner und Christoph Hellwig fachsimpelten über Realtime-Fragen. Olaf Kirch (jetzt Oracle), Chris Schläger (AMD) sowie Dirk Hohndel (Intel) liefen zugleich als Troika der Suse-Veteranen auf.
Gedopte Container
Um auch Anwenderthemen abzudecken, reiste beispielsweise Kir Kolyshkin (Abbildung 7) an, der Maintainer von OpenVZ. Das Projekt bildet das Fundament für die kommerzielle Variante Virtuozzo. Eine Mehrheit der Webhoster benutzt diese Virtualisierungstechnik, die Kolyshkin als “Container auf Steroiden” beschrieb. Weil immer nur ein einziger Kernel im Speicher liegt, passen auf einen typischen OpenVZ-Server weit über 100 Webserver parallel. Aktuell besteht OpenVZ aus einem relativ invasiven Patch, das nur für manche Kernelversionen fertig vorliegt. Das Team arbeitet jedoch daran, mehr Anteile in den Mainline-Kernel zu bekommen.

Abbildung 7: Kir Kolyshkin stellte die Container der Virtualisierungstechnik OpenVZ vor. Die Entwickler arbeiten daran, künftig näher am Mainline-Kernel zu sein, um Anwendern den Einstieg zu erleichtern.
Schlaf, CPU, schlaf!
Energiesparen liegt im Trend, den auch der Kernel beispielsweise mit den Tickless-Timern aufgreift. Die Methode bettet den Kern selbst für kurze Zeit effizient zur Ruhe. Arjan van de Ven (Abbildung 8) arbeitet bei Intel an diesen Timern. Er warb dafür, dass Userspace-Programme sie auch nutzen müssten. Als Beispiel nannte er grafische Oberflächen, die derzeit Wartezyklen im Millisekundenbereich als Schleifen implementierten. Wenn die Zyklen besser programmiert wären, könnten sich die CPUs viel häufiger und länger aufs Ohr legen und Energie sparen. Um Verschwender aufzuspüren, hat Intel das Werkzeug Powertop entwickelt, das darüber hinaus Notebookbesitzern Tipps gibt, wie sie die Akkulaufzeit verbessern können.




