Vor einem Jahr verblüffte Nokia mit einem handlichen Internet Tablet, das weder mit GSM noch mit UMTS funkte, aber mit WLAN oder Bluetooth. Neben typischen Internetclients freute sich die technikverliebte Linux-Klientel über VoIP und Handschrifterkennung auf dem guten Display. Nun kommt das Nachfolgemodell.
Der eben auf den Markt kommende Nachfolger des Nokia 770 (siehe Linux-Magazin-Test [1]) heißt N800 und reiht sich damit in die Nokia N-Serie von Mobiltelefonen ein. Einiges übernimmt der Sohn vom Vater, beispielsweise die Displayauflösung 800 mal 480 und die Tastenanordnung mit ihrer durchdachten Funktionalität: So verändert die Tastenwippe an der Oberseite des Geräts im Browser den Vergrößerungsfaktor, während sie beim Audioplayer die Lautstärke regelt. Qualitativ legt der Hersteller aber nochmals nach, weshalb das Gerät einen wesentlich wertigeren Eindruck macht.
Versenkbare Kamera und tolles Display
Statt des extra Aufstellständers des 770, ist das N800 mit einem stabilen ausklappbaren Metallbügel ausgestattet (siehe Abbildung 1). Das Gehäuse ist etwas breiter geworden, was zum einen den beiden Stereolautsprechern geschuldet ist – die klingen für ihre Größe passabel – und zum anderen an der eingebauten kleinen, dreh- und versenkbaren Digitalkamera liegt.

Abbildung 1: Was beim Vorgänger noch ein etwas windiger Aufstellständer war, ist beim N800 zum stabilen Metallbügel gewachsen.
Das Display machte den Magazin-Testern Freude: Das 770-typische leichte Farbflimmern auf weißen Flächen ist beim N800 fast vollkommen verschwunden. Die Handschrifterkennung auf dem Touchscreen funktioniert mit Druckschrift, aber nur bei Schönschreibern akzeptabel. Menschen mit flüssiger Handschrift nehmen besser die angebotene große oder kleine virtuelle Tastatur.
Zwei Erweiterungs-Slots
Den knappen Speicherplatz hat Nokia verdoppelt, sowohl RAM als auch das interne Flash. Zudem gibt es nun gleich zwei Erweiterungs-Slots. Im Gegensatz zum 770 sind das vollwertige SD-Slots, einer unter der Batterieabdeckung, der zweite an der Unterkante des Geräts, geschützt durch eine kleine Klappe.
Im Lieferumfang findet sich eine Micro-SD-Karte mit 128 MByte samt passendem SD-Adapter. SD/IO-Karten finden keinen Weg in beide Schächte, da diese normalerweise von Klappen verdeckt sind (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Zum Lieferumfang des Nokia N800 gehört auch eine Micro-SD-Karte mit 128 MByte. Mit dem passenden SD-Adapter wird sie Bestandteil des Geräts.
Einmal dabei, die Innereien aufzumotzen, hat Nokia gleich die CPU gegen eine neuere, schnellere ersetzt. Wie schon beim 770 besteht sie aus einem Arm-Standardkern und einem DSP-Kern, der die gesamte Audio- und Video-Dekodierung in Hardware rechnet. Ein Bluetooth-Modul von CSR nach 2.0-Standard ergänzt das Hardware-Ensemble.
Alarme und Videos
Mit der Hardware gibt Nokia auch die neue Version der Software IT OS 2007, Codename “Bora”, frei. Ein aktualisiertes Maemo-SDK [2] ist ebenfalls verfügbar. OS 2007 soll weitgehend mit OS 2006 (Codename “Mistral”, [3]) und daher mit dem Nokia 770 kompatibel sein. Neue API-Funktionen sind natürlich nicht abwärtkompatibel [4].
OS 2007 behebt einige der oft kritisierten Probleme der Vorversion. So gibt es nun ein vollständiges Alarm-Framework, das mehrere Termine verwaltet – zu sehen in der Uhr-Applikation, die mehrere Alarme speichert. Über APIs bekommen auch andere Applikationen Zugriff auf den Service.
Mit der Kamera kommt die Videotelefonie ins N800, aber leider nur die, denn eine Foto-Applikation sucht der Benutzer vergeblich. Normale Freisprech-Telefonie läuft wie beim 770 mit VoIP per XMPP (Extensible Messaging and Presence Protocol) ab. Es ist in der Linux-Welt durch Jabber bekannt geworden. Es gibt Spekulationen, dass vielleicht ein Skype-Client in Vorbereitung ist.
Käpten Blauzahn
Die Handhabung von Bluetooth-Verbindungen haben die Skandinavier umgearbeitet und dem Verhalten bei Mobiltelefonen angeglichen. Der Benutzer darf jetzt explizit zwischen einem sichtbaren und einem unsichtbaren Modus umschalten und auch eine Bluetooth-Tastatur ankoppeln, beispielsweise das sündhaft teure, faltbare Nokia-Keyboard SU-8W. Dateien kann er, ebenfalls wie bei einem Mobiltelefon, per BT-OBEX verschicken und empfangen.
Zum großen Teil bekannt sind die Haupt-Applikationen: Opera 8 mit Flashplayer 7, ein Instant Messager, E-Mai-Programm, RSS-Reader, ein Internetradio, das M3U- und PLS-Playlisten kennt, sowie ein Mediaplayer. Letzterer kommt mit den Audioformaten AAC, AMR, MP2, MP3, Real Audio, WAV und WMA klar. Bei Video bewegt sich das meiste, was mit 3GP, AVI, H.263, MPEG-1, MPEG-4 und Real Video zu tun hat.
Das schöne 770 – in einem Jahr zum alten Eisen?
Nokia hatte mit dem 770 große Erwartungen geweckt. Insbesondere die Open-Source-Community sah die Entwicklungsabteilung des 770 als eine Art Außenstelle an. So einfach scheint es nicht zu sein. Die Ankündigung von Aari Jaksi, des Leiters der Entwicklungsabteilung, dass es nie eine offizielle Version von OS 2007 für das ältere 770 geben werde, sorgt darum in der Community für einige Aufregung.
Nokias Interesse scheint wenig ausgeprägt, Updates für Alt-Produkte kostenlos zu verteilen. Das mag betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, steht dem Open-Source-Promotor Nokia gleichwohl nicht gut zu Gesicht. Gerade ist Jaksi etwas zurückgerudert und verspricht das Problem Nokia-intern zu diskutieren. Solange bleibt es ungewiss, inwieweit die Besitzer eines 770 versorgt werden.
Zu empfehlen
Ungeachtet der Nachhaltigkeitsdiskussion um den Vorgänger: Hard- und Software des neuen Geräts sind zweifelsfrei nochmals besser als beim 770. Haptik und Ergonomie verdienen ebenfalls ein Prädikat. Kurz und gut: Wer die dargebotenen Funktionen braucht und rund 400 Euro erübrigen kann, möge sich das N800 anschaffen. Ganz Verwegene werden gar das N800-Navi-Kit ins Auge fassen, dessen Vorgänger hier bereits Thema war [5]. (jk)
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Infos |
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[1] Mirko Dölle, “Kurztest: Nokia 770 Internet Tablet”: Linux-Magazin 01/06, S. 58 [2] Maemo: [http://maemo.org] [3] Nils Faerber, “Workshop: Embedded-Linux-Entwicklungsumgebung Maemo einrichten”: Linux-Magazin 02/06, S. 120 [4] Applikations-Kompatibilität zwischen einzelnen Maemo-Versionen: [http://maemo.org/downloads/maemo_3_compatibility.html] [5] Nils Faerber, “Navigations-Kit für das Nokia 770”: Linux-Magazin 02/07, S. 86 |
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