Aus Linux-Magazin 04/2007

Aktueller Überblick über freie Software und ihreMacher

Die Backup-CD ist lesbar, obwohl sie einige Kratzer abbekommen hat, doch es fragt sich: Wie lange noch? Cdck gibt Auskunft, indem es die Zugriffszeiten der Sektoren misst. Wenn dagegen der Bootloader der Platte überschrieben ist, hilft Super Grub Disk. Bei Heißhunger-Attacken ist Gemüse-Lasagne zu empfehlen.

 

CDs und DVDs speichern Daten mit Hilfe von optischen Strukturen in der Größenordnung von 100 Nanometern. Selbst der kleinste Kratzer macht vielen Datenbits den Garaus. Lange merkt der Anwender davon nichts: Eine hohe Redundanz der Daten und Korrekturverfahren wie der Cross Interleave Reed Solomon Code [1] sorgen dafür, dass sich die Daten fehlerfrei auslesen lassen, obwohl der Datenträger schadhafte Stellen aufweist. Selbst frisch gebrannte Medien sind oft nicht fehlerfrei: Je nachdem, wie gut oder schlecht der Brenner mit der jeweiligen Rohlingsmarke zurechtkommt, weisen diese von Anfang an unlesbare Sektoren auf.

Blick in die Zukunft

Es wäre also gut, zu wissen, wie viel der vorhandenen Redundanz bereits aufgebraucht ist oder wie groß die Gefahr eines baldigen Datenverlusts ist. Die Testfunktionen, mit denen viele Brennprogramme die gerade beschriebenen Scheiben prüfen, helfen hier nicht weiter. Sie kontrollieren nur, ob das Dateisystem unter Ausnutzung der Fehlerkorrektur noch lesbar ist oder nicht.

Wer wie Programmautor Alexey Semenoff eine große CD-Sammlung hat und weder von allen CDs und DVDs ein Backup anlegen noch wichtige Daten verlieren möchte, benötigt ein Werkzeug, das den Zustand der Silberscheiben misst. Da Alexey keine freie Anwendung hierfür kannte, programmierte er selbst eine.

Einfach und wirkungsvoll

Sein Programm Cdck [2] nutzt ein einfaches Prinzip: Es liest die Medien lowlevel aus und misst Block für Block, wie lange es dauert, bis die Daten zur Verfügung stehen. Dass diese Zeit ein Maß für die Zahl der zu kompensierenden Lesefehler ist, ergibt sich aus der Funktionsweise der Fehlerkorrekturverfahren, die bei optischen Medien zum Einsatz kommen: Sie arbeiten mit einer Kombination aus Paritätsbits und Interleaving, also dem Verstreuen von aufeinander folgenden Bits auf der CD-Oberfläche. Lägen die Datenbits sequenziell auf der Scheibe, wären Paritätschecks bei Kratzern überfordert, da wegen der geringen Größe der Vertiefungen stets aufeinander folgende Bits betroffen wären. Bei verstreuten Daten tritt dieser Fall dagegen weit seltener ein.

Abhängig davon, wie viele Daten zerstört sind, muss das Laufwerk unterschiedlich weit vorauslesen, bis eine Rekonstruktion gelingt. Dann dauert es, offensichtlich auch bei modernen Laufwerken mit Cache, länger, bis die Daten eines Blocks bereitstehen. Alexeys statistische Beobachtungen bestätigten empirisch, dass Lesefehler meist bei Sektoren auftreten, bei denen die Zugriffszeiten bereits vorher hoch waren.

Detaillierter Testbericht

Nach dem Test des Mediums zeigt Cdck einen Bericht über dessen Zustand. Unter »CD overall« listet die Software echte Lesefehler, die bereits eingetretenen Datenverlust signalisieren. Ist der noch nicht eingetreten, sind die gemessenen »CD-Timings« interessant. Hier listet Cdck die minimale, die maximale und die durchschnittliche Zugriffszeit, die es beim Auslesen der CD- oder DVD-Sektoren gemessenen hat.

Damit nicht nur Fachleute etwas mit dem Bericht anfangen können, schließt Cdck seine Ausgabe mit einer klaren Meldung »CD ist excellent« (bei Lesezeiten von durchweg kleiner als 0,1 Sekunden), »CD is satisfactory« (zwischen 0,1 und 1 Sekunde) oder »CD is unstable« (Zugriffszeiten größer als 1 Sekunde) ab. Beim Aufruf mit dem Schalter »-p« erzeugt das Prüfwerkzeug eine Logdatei, die sich mit Gnuplot [3] visualisieren lässt (Abbildung 1).

Die roten Balken im Grafen stehen für Sektoren, deren Zugriffszeiten außergewöhnlich lang sind. In der Abbildung ist außerdem zu erkennen, dass die Lesegeschwindigkeit des Laufwerks zunimmt, was allerdings nicht mit der Qualität des Mediums zu tun hat, sondern mit der wachsenden Winkelgeschwindigkeit.

Murphys Law

Kleine Missgeschicke, etwa das Überschreiben des Festplatten-Bootloaders, passieren nach Murphys Law immer genau dann, wenn die Zeit drängt. Auch ein versierter Administrator ist in solchen Fällen für ein Tool dankbar, das ihm die Handarbeit auf der spartanischen Grub-Kommandozeile abnimmt. Super Grub Disk [4] ist ein etwa 3 MByte großes ISO-Image, dessen Funktionalität auf Grub beruht. Nach dem Brennen auf CD oder der Installation auf einen USB-Stick (Anleitung auf [5]) bootet ein Rettungssystem (Abbildung 2).

 

Wer sucht, der findet

Super Grub Disk erspart das Raten, wie das Kernelimage der Distribution auf der Platte heißt. Das Live-System sucht automatisch nach Grub-Konfigurationsdateien. Der Anwender kann die Partition, auf der »/boot/grub« liegt, entweder angeben oder – bei Systemen, die er nicht selbst aufgesetzt hat – alle Möglichkeiten durchprobieren, ohne viel Zeit zu verschwenden.

Entsteht das Problem beim Booten durch eine fehlerhafte oder fehlende Grub-Konfigurationsdatei, durchsucht die Software das »/boot«-Verzeichnis alternativ direkt nach Kernelimages und startet diese ohne Rückgriff auf »menu.lst«.

Universelle Fähigkeiten

Die Fähigkeiten von Super Grub Disk beschränken sich nicht auf temporäre Hilfestellung. Das Tool installiert Grub und Lilo auch neu, und zwar sowohl im Master Boot Record, als auch in den Bootsektor bestimmter Partitionen. Außerdem löst die Live-Disk Probleme beim Hochfahren von Windows, etwa das Setzen des Boot-Flag primärer Partitionen. Super Grub Disk kann Windows mit der »chainloader«-Option von Grub starten oder indem es einen generischen Eintrag in den Master Boot Record schreibt und die Windows-Partition für den Bootvorgang als aktiv markiert.

Da mit Super Grub Disk auch Anwender ohne Linux-Wissen Grub installieren können, empfehlen die Entwickler ihr Tool sogar explizit für Windows-Anwender, die einen Ersatz für den wenig flexiblen Windows-Bootloader suchen. Außer Windows erweckt das Admin-Tool auch GNU-Hurd- und Open-Solaris-Kernel zum Leben.

Arbeitserleichterung

Alles in allem leistet Super Grub Disk zwar nichts, was ein Systemadministrator nicht auch per Hand schaffen würde. Das praktische Werkzeug hilft aber Zeit zu sparen und die Nerven zu schonen. Bei der Größe von knapp 3 MByte passt das Bootimage auf jeden USB-Stick und der wiederum in jede Westentasche.

Gemüse-Lasagne

Bei den Programmen ging es um verlorene Daten. Sind dagegen die Kraftreservern des Administrators erschöpft, hilft eine sättigende Gemüse-Lasagne.

Zutaten für eine Person: einige Lasagneblätter, 150 bis 200g gedünstetes oder tiefgefrorenes Gemüse (zum Beispiel Karotten und Broccoli), ein Glas Maiskörner, Salz, Pfeffer, frische Kräuter sowie etwas Parmesan.

Für die Béchamelsoße: 50g fein gehackte Zwiebeln, 50g fein gewürfelte Karotten, 60g Butter, 30g Mehl, drei viertel Liter Milch und etwas Gemüsebrühe. Als Gewürz für die Soße Salz, Pfeffer, Muskatnuss und ein Lorbeerblatt. Das Mehl in geschmolzener Butter leicht anrösten. Mit Gemüsebrühe und Milch ablöschen. Das Lorbeerblatt und die restlichen Gewürze hinzufügen und das Ganze etwa zehn Minuten köcheln lassen.

In der Wartezeit die Auflaufform einfetten und – wenn die Soße fertig ist – die Zutaten übereinander schichten: Auf eine Lage Lasagneblätter etwas Gemüse und Mais geben, mit Salz, Pfeffer, Kräutern und Käse bestreuen, etwas Béchamelsoße drübergießen. Dies schichtweise so lange wiederholen, bis alle Zutaten aufgebraucht sind.

Zum Schluss mit etwas Parmesan bestreuen und bei 175 bis 200 Grad etwa 30 Minuten backen, bis die Lasagneblätter weich sind (mit einer Gabel prüfen). Dann den Herd abschalten und noch einige Minuten ziehen lassen.

Infos

[1] CD-Fehlerkorrektur: [http://de.wikipedia.org/wiki/Fehlerkorrektur#Compact_Disc]

[2] Cdck: [http://swaj.net/unix/index.html#cdck]

[3] Gnuplot: [www.gnuplot.info]

[4] Super Grub Disk: [http://supergrub.forjamari.linex.org]

[5] Super Grub Disk auf USB-Sticks: [http://users.bigpond.net.au/hermanzone/SuperGrubDiskPage.html#Super_Grub_USB_Disk]

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