Aus Linux-Magazin 06/2015

Komplett Leerdenken

Jede Menge Präsentationen, Meldungen oder Zeitschriftenartikel beginnen mit dem Satz, dass irgendwas nicht mehr “wegzudenken” sei. Der Verfasser versucht damit die Bedeutung seines Themas zu betonen. Wenn mir so ein Satz fürs Linux-Magazin unterkommt, streiche ich ihn sofort. Zum einen: Ist das angerissene Thema tatsächlich so populär, transportiert der Satz eine Binsenweisheit, andernfalls ist er gelogen. Zum zweiten ist die Formulierung doof: Warum sollte ich mir überhaupt etwas wegdenken wollen? “Smartphones sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.” Wetten doch?! Ich stelle mir vor wie die Hälfte der Passagiere einer Straßenbahn die ganze Fahrt auf eine leere Handfläche starrt, und schwupps: Ich hab mir die Smartphones im Alltag weggedacht.

Auf den Geschmack gekommen, denke ich mir gleich noch andere Sachen weg, Apps beispielsweise. Laut einer Meldung aus Frankfurt bietet die Deutsche Bank als erste in Deutschland ihren Kunden App-Banking mit der Apple Watch an. Das Ding am Handgelenk zeigt damit alle Kontostände, Kartenumsätze und den Bestand im Wertpapierdepot. Während früher Vermögende, die andere über ihr beträchtliches Glück informieren wollten, sich mühsam zum oft weit entfernten Rolex-Händler begeben mussten, reicht heute der Gang zum nächsten Apple-Händler und die kostenlose Deutsche-Bank-App. Und der herüberschielende Sitznachbar erfährt auf wenige 10 000 Euro genau, ob der Depotwert gerade sieben-, acht- oder neunstellig steht. Abseits der Protz-Funktion fällt mir aber kein zwingender Anwendungsfall ein – mit Ausnahme vielleicht für Leo-Kirch-Erben, die tief entspannt nachschauen wollen, ob ein bedeutendes deutsches Kreditinstitut gerade einen Schadensersatz überweist.

Aus München dringt dagegen die Kunde, dass der Privatjet-Anbieter Victor erstmals transparente Buchungen von Privatjets per App ermöglicht. Mit deren Launch “bestätigt das Unternehmen seinen Anspruch, den milliardenschweren Markt privater Flugreisen zu revolutionieren”, heißt es. Auf ihren Smartphones sehen Kunden nun endlich Charterpreise, Details zu Crew, und sie können am Abflugort verfügbare Flugzeuge direkt miteinander vergleichen – also nachsehen, ob die Sitzgruppen mit anthrazitfarbenem Nappaleder oder mit rotem Plüsch überzogen sind oder ob Magnumflaschen in die Kühltheke passen. Klar, dass die App einen »Sofortbuchung« -Button besitzt und das soziale Teilen der Fluginformationen mit weiteren Passagieren (Jacqueline, Janine und Julianka) ermöglicht. Zweifellos eine App, die vielen gefehlt hat – endlich vorbei ist die Zeit, wo Menschen noch anstrengende Sätze ins Telefon sagen mussten, wie: “Guten Tag, Middelhoff mein Name. Ich hab gerade keine Lust auf Stau und bräuchte schnell einen fliegbaren Untersatz. Was können Sie mir anbieten?”

Fast ohne Anstrengung, zisch, und ich hab mir Deutsche-Bank- und Victor-App weggedacht. Es ist ganz leicht. Versuchen Sie es selbst!

Man muss uns Wegdenkern nur genug Zeit lassen, dann denken wir Stück für Stück die ganze Welt weg und versetzen sie zurück auf den Urknall. Übrig bleibt damit nur eines: Linux. Das nämlich ist nicht mehr wegzudenken.

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