Das erste offiziell in Europa erhältliche Smartphone mit Ubuntu Phone kommt vom spanischen Hersteller Bq und trägt den malerischen Namen Aquaris E4.5. Das Linux-Magazin konnte zu Testzwecken eines der wenigen Exemplare ergattern.
Am 11. Februar um 9 Uhr begann der Verkauf des Aquaris E4.5 Ubuntu Edition [1], in Minuten war der vorgesehene Posten weg. Unter dem Ansturm der Käufer brach zeitweise der Webserver des Herstellers zusammen. Bis Redaktionsschluss war das Aquaris E4.5 regulär nicht lieferbar, auch Vorbestellungen sind bislang nicht möglich. Bq verkauft das Smartphone nur in zeitlich begrenzten “Blitzverkäufen”, dem Linux-Magazin fiel aber ein Testexemplar in die Hände. Bq bietet das Aquaris E4.5 Ubuntu Edition nur in Europa an, laut Unternehmen kamen die meisten Bestellungen aus Deutschland und Österreich.
Innere Werte
Das Aquaris E4.5 gibt es sowohl in einer Android- als auch in einer Ubuntu-Edition. Beide Varianten kosten jeweils 170 Euro. Wie der Name andeutet, besitzt das Smartphone ein Touchdisplay mit einer Bildschirmdiagonale von 4,5 Zoll, das bis zu fünf Fingerberührungen unterscheidet. Das verwendete IPS-Panel bietet eine Auflösung von 540 mal 960 Bildpunkten bei 240 ppi (Hi-DPI). Das Aquaris E4.5 erinnert nicht nur optisch an Googles Nexus 5, auch die Gehäuse sind gleich groß.
Unter der Schale werkelt ein SoC von Mediatek bestehend aus einem Cortex-A7-Prozessor mit vier ARM-Kernen und einem Mali-Grafikchip. Der Prozessor taktet mit bis zu 1,7 GHz. Neben 1 GByte Hauptspeicher bringt das Aquaris einen 8 GByte großen Flashspeicher mit, von dem aber nur knapp 4,2 GByte für eigene Apps und Daten bereitstehen. Allein Ubuntu belegt knapp 2,4 GByte.
Zusätzlich dürfen Besitzer des Geräts eine Micro-SD-Karte mit bis zu 32 GByte reinstecken. Die Kamera auf der Rückseite schießt Fotos mit 8 Megapixeln und Videos bis zur HD-Auflösung von 1080p. Das Aquaris E4.5 funkt mit Bluetooth 4.0, beherrscht die WLAN-Standards 802.11 b/g/n sowie die Mobilfunkstandards GSM und HSPA+. Mit LTE kann das Smartphone noch nichts anfangen, dafür dürfen Nutzer gleich zwei SIM-Karten einlegen. Derzeit existiert keine NFC-Schnittstelle und – anders als beim Aquaris E4.5 mit Android – auch keine Dolby-Soundtechnologie.
Unbekannte Welt
Der Packung liegen neben dem Smartphone ein USB-Kabel sowie ein passender Netzteilstecker bei. Die Anleitung, ein Faltblatt, zeigt bildhaft, wie Nutzer die SIM-Karte einlegen und das Gerät einschalten und aufladen. Wie sie ihr Ubuntu Phone bedienen, müssen sie aber selbst rausfinden. Immerhin grüßt nach dem ersten Einschalten ein kleiner Einrichtungsassistent, der auch die grundlegende Bedienung erklärt. Der Start des Aquaris E4.5 dauert mit knapp 80 Sekunden ausgesprochen lange.
Anders als auf Android-Geräten kennt Ubuntu Phone keine Spezialtasten wie etwa »Home« und »Zurück« . Hier erledigt der Anwender alles über Wischgesten: Wer von oben nach unten wischt, öffnet eine Liste mit allen aufgelaufenen Nachrichten und erhält Zugriff auf häufig benötigte Einstellungen – etwa den Lautstärkeregler. Ein Wisch vom linken Seitenrand blendet den Starter ein, der besonders häufig genutzte Apps bereithält (Abbildung 1).
Wischt der Anwender vom rechten Seitenrand, präsentiert das Smartphone alle laufenden Apps wie in einem aufgefächerten Kartenstapel (Abbildung 2). Dort blättert der Anwender mit Wischgesten durch die Apps, ein Tipp auf eine App holt diese nach vorn. Die Wischgesten von den Rändern aus funktionieren immer, der Starter lässt sich folglich auch aus einer App heraus einblenden.
Jäger und Sammler
Nach dem Start zeigt das Ubuntu Phone die so genannten Scopes an. Jeder Scope nimmt eine komplette Bildschirmseite ein und präsentiert auf ihr ganz bestimmte Informationen. Meist führen die Scopes Daten aus mehreren Quellen zusammen. Ein Scope sammelt beispielsweise alle Informationen zum aktuellen Standort (Abbildung 3), während ein anderer Nachrichtenmeldungen verschiedener Internetseiten präsentiert.
Zwischen den Scopes wechselt der Ubuntu-Phone-Anwender, indem er von der Mitte des Bildschirms von rechts nach links wischt. Auf diese Weise erreicht er jedoch nur alle als Favoriten gekennzeichnete Scopes. Sämtliche Scopes stellt das Aquaris E4.5 mit einem Wisch vom unteren Bildschirmrand zur Auswahl. Ein Tipp auf das Sternchen übernimmt einen Scope in die Favoriten.
Die vielen Wischgesten hatten den Nebeneffekt, dass sich der Tester immer wieder “verwischte”. Anstatt in den Scopes zu blättern, holte eine Wischgeste versehentlich den Starter auf den Schirm oder löste eine Funktion in der App aus. Zudem reagiert das Aquaris nicht auf leichte Tipper oder Wischer, weshalb der Tester den Entsperr-Code häufig mehrfach eintippen musste.
Sämtliche installierten Apps stellt ein eigener Scope zur Auswahl. Um ihn aufzurufen, muss der User aber dreimal nach rechts wischen – das ist umständlicher als bei der Konkurrenz. Vorinstalliert sind lediglich die notwendigen Apps (Abbildung 4). Daneben erlauben verschiedene Apps den direkten Zugriff auf bekannte Dienste wie Facebook, Twitter, Ebay oder Gmail, auch zwei kleinere Spiele sind bereits vorinstalliert.
Die von Canonical gestellten Apps, wie etwa die Kontaktverwaltung, gleichen ihre Daten zurzeit nicht mit anderen Geräten oder dem Ubuntu-Desktop ab. Immerhin reichen einige Apps ihre Informationen an andere Apps weiter. So übergibt die Kontaktverwaltung einen Kontakt an die Nachrichten-App, über die sich dann ein Text an die Person verschicken lässt. Dafür fehlte ein Kalender. Den sowie weitere Apps installieren Anwender über den von Canonical betriebenen Ubuntu Store.
Shopping Queen
Zum Redaktionsschluss war der Ubuntu Store noch äußerst karg bestückt. Er bietet vor allem einfach gestrickte und kostenlose Apps an, die durchweg von Privatpersonen oder unbekannten Drittentwicklern stammen. Problematisch ist das vor allem bei den Banking-Apps. Für die Onlinebanking-App Comdirect zeichnet nicht etwa die Commerzbank verantwortlich, sondern ein Entwickler namens “Sturm Flut”. Ihm muss der Nutzer wohl vertrauen, auch wenn er seinen Quellcode auf Github veröffentlicht und Canonical jede neu in den Store eingestellte App prüft.
Die meisten angebotenen Apps bieten, wie auch die Comdirect-App, lediglich einen etwas komfortableren Zugriff auf einen Internetdienst. Einige häufig verwendete Dienste fehlten zum Testzeitpunkt noch, so etwa eine App oder ein Scope für Whatsapp.
Im Store dürfen Anwender die Apps bewerten und kommentieren. Das hatten zum Testzeitpunkt nur wenige Nutzer getan, was aber an der geringen Verbreitung des Systems liegen dürfte. Um eine App zu installieren, benötigt der Aquaris-Besitzer ein Ubuntu-One-Konto. Das ist auch Voraussetzung, um das System zu aktualisieren.
Möchte eine App auf eine Systemfunktion wie die Standortdaten zugreifen, muss der Anwender dies erlauben. Diese Rechte kann er in den Systemeinstellungen jederzeit für jede App einzeln widerrufen.
Der Tester folterte den Akku 4,5 Stunden lang mit der ständigen Wiedergabe von Youtube-Videos, bevor das Smartphone wieder an die Steckdose musste. Das Display leuchtete in mittlerer Bildschirmhelligkeit, zudem waren WLAN, Bluetooth und GPS aktiviert.
Alte Bekannte
Auf dem Aquaris läuft ein Linux-System, das recht nahe an ein Desktop-Ubuntu herankommt. So nutzt der Anwender das System unter dem Benutzerkonto namens »phablet« . An einen Linux-Rechner angestöpselt meldet sich das Smartphone als Massenspeicher und gibt den Zugriff auf das entsprechende Heimatverzeichnis und somit die Ordner »Documents« , »Downloads« , »Music« , »Pictures« und »Videos« frei. Das Homeverzeichnis liegt auf einer eigenen Partition.
Das Betriebssystem bezeichnet sich selbst als Ubuntu 14.10 und bringt tatsächlich viele bekannte Komponenten mit: Upstart fährt das System hoch, im Hintergrund laufen unter anderem der Displaymanager Lightdm, der Networkmanager und Pulseaudio. Wer sich als Ubuntu-Kenner auf dem System einloggt (siehe den Kasten “Hintereingang”), fühlt sich sofort heimisch. Dennoch gibt es Unterschiede.
Hintereingang
In den Systemeinstellungen unter »Infos zu diesem Gerät« lässt sich der »Entwicklermodus« einschalten. Ist das Aquaris per USB-Kabel mit einem PC verbunden, öffnet der Entwickler von diesem aus eine Shell auf dem Smartphone. Die dazu nötigen Tools rüsten auf einem Ubuntu-System folgende Befehle nach:
sudo add-apt-repository ppa:ubuntu-sdk-team/ppasudo apt-get update sudo apt-get install phablet-tools
Anschließend kann der Nutzer vom PC aus mit dem Tool Android Debug Bridge auf dem Smartphone eine Shell öffnen: »adb shell« . Per »sudo« beziehungsweise »sudo -u phablet -i« lassen sich Rootrechte erlangen. Das Passwort ist dasselbe, das zum Entsperren des Smartphones dient.
Der Ubuntu Store bietet zudem eine offizielle Terminal-App an, die direkt auf dem Smartphone eine Shell aufruft (Abbildung 7). Auch diese startet erst, nachdem der User das Passwort zum Entsperren des Geräts eingibt.
Als Benutzeroberfläche dient Unity 8, das wahrscheinlich erst mit Ubuntu 16.04 seinen Weg auf den Desktop finden wird, dieser nutzt noch Unity 7. Die Grafik auf den Schirm zeichnet der von Canonical entwickelte X11-Ersatz Mir. Die Apps kommen nicht als Deb-, sondern in Form von Click-Paketen, die das gleichnamige Tool dann einspielt [2]. Dennoch ist auf dem Aquaris E4.5 das Tool »apt« samt seinen Kollegen installiert, die auf das Repository unter »http://derived.archive.canonical.com/ubuntu-rtm« zugreifen. Die Versionsnummer lautet übrigens Ubuntu 14.09 – offenbar hat Canonical hier für OEMs im September 2014 eine Zwischenversion erstellt.
Die Basis des Ubuntu-Systems bilden einige ausgewählte Android-Komponenten. Darunter fallen insbesondere der Open-GL-ES-2.0-HAL (Hardware Abstraction Layer) und die zugehörigen Grafiktreiber. Ebenfalls aus Android stammen der Media- und der Camera-HAL, die Ubuntu den Zugriff auf die in Hardware gegossenen Videodecoder sowie die Kamera eröffnen (Abbildung 5). Den aus Android übernommenen Linux-Kernel hat Canonical ergänzt, etwa um das von Ubuntu benötigte App-Armor. Auf dem Testgerät meldete sich der Kernel mit der Versionsnummer 3.4.67 für die »armv7l« -Architektur.
Alle benötigten Android-Dienste sperrt Canonical in einen eigenen LXC-Container mit dem Namen »android« . Die Kommunikation zwischen dem Ubuntu-System und den Android-Diensten erfolgt via Binder, Sockets und die Libhybris-Bibliothek. Der Rest des Systems besteht aus den üblichen Ubuntu-Tools und -Bibliotheken (Abbildung 6), sogar Gnu-PG ist mit an Bord.
Entwickler können eigene Apps in HTML 5 oder mit dem Gespann aus C++ und dem Qt/QML-Framework schreiben. Die zuletzt genannten Apps laufen nativ auf dem System, weshalb Canonical Qt vor allem für zeitkritische Apps wie Spiele empfiehlt. Bestehende HTML-5-Apps sollen sich leicht portieren lassen, insbesondere wenn sie dem Webkit/Blink- und Cordova-Standard folgen. Wer die fertige App über den Ubuntu Store anbieten möchte, muss sich lediglich ein entsprechendes Benutzerkonto beschaffen [3]. Die dann hochgeladene App durchläuft einen automatischen Review-Prozess. Schlägt dieser fehl, kontaktiert ein Canonical-Mitarbeiter den Entwickler.
Fazit
Mit dem Ubuntu Phone können Benutzer wie gewohnt Aufgaben und Kontakte verwalten, Telefonate führen und im Internet surfen. Darüber hinausgehenden Anforderungen ist das Ubuntu Phone aufgrund des mangelhaften App-Angebots jedoch noch nicht gewachsen. Weil eine Anleitung fehlt, dauert es auch eine Weile, bis der Nutzer alle Wischgesten entdeckt und sich an sie gewöhnt hat. Danach kann das System jedoch überzeugen. Im Test lief das Aquaris stabil, die Darstellung ruckelte jedoch hin und wieder. Bleibt zu hoffen, dass der überraschend offene Unterbau und das weitverbreitete Qt-Framework schnell weitere App-Entwickler anziehen.
Infos
- Bq Aquaris E4.5 Ubuntu Edition: http://www.bq.com/de/ubuntu.html
- Click-Pakete: https://developer.ubuntu.com/en/publish/packaging-click-apps/
- Ubuntu Developer Portal – Publish: https://developer.ubuntu.com/en/publish/












